Dr. phil. Johann-Henrich Schotten Schillerstraße 18, 34560 Fritzlar
Laudatio zur Eröffung der Gruppenausstellung des
4. Gudenberger Kunstsalons des "KünstlerQuartier Gudensberg"
Am 19. September 2026 in den Räumen des G1 um 17:00 Uhr
Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Massow,
werte Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur,
liebe mitwirkende Künstlerinnen und Künstler aus der Gruppe "KünstlerQuartier Gudensberg" aber auch von außerhalb
sowie alle Interessierten und Freunde wie Förderer der Kunst aus nah und fern.
Es ist eine Freude Sie heute hier begrüßen zu dürfen, und ich hoffe, daß Ihre Neugierde auch diesmal (es ist ja die 4. Ausstellung dieser Art) auf´s Beste zufrieden gestellt wird.
Als vor einigen Monaten die Bitte an mich herangetragen wurde, hier zur Eröffnung der Ausstellung beizutragen, war ich doch etwas unsicher, denn, wie Sie vielleicht wissen, bin ich eigentlich Archäologe, und meine Berührungen mit der Kunst fanden, wenn man von solcher in grauer Vorzeit absieht, eigentlich vor allem im Rahmen meiner Tätigkeit am (heute leider nur mehr) damaligen Regionalmuseum Fritzlar statt, wo zu unseren Veranstaltungen eben auch Kunstausstellungen mit überwiegend heimischen Künstlern gehörten. Was ich dabei nebenbei gelernt habe, entstammt, sie ahnen es schon, dem Dunstkreis der Hochschule für bildende Künste Kassel (kurz HBK). Betrachtet man diese Einrichtung als Pflanze, so erkennt man schnell, daß ihr Ausstoß an fruchtbaren Pollen eine, zumindest nordhessisch, landesweite Bestäubung einer vielköpfigen Szene ausgelöst hat, deren Folgen wir auch heute hier genießen möchten.
Also fanden sich hier jetzt 10 Künstlerinnen und Künstler ein, die ihre neuesten (das heißt aus den letzten 2 Jahren entstandenen) Werke präsentieren. Nun hat mich Susanne Schnabel bei der ersten Vorbesprechung gebeten nicht mehr als 3 Sätze über jeden dieser Mitwirkenden zu äußern. Das bedeutet also 30 Sätze; setze ich sie (als Prähistoriker) Scherben gleich, so ergibt das, als Bild für die Ausstellung, evtl. ein komplettes Gefäß, das es zusammenzukleben und zu füllen gilt.
Was wird nun der Inhalt dieses Gefäßes sein? Ein erster Blick zeigt nicht nur die Tatsache auf, daß die Altersspanne der Künstler über mindestens 3 Generationen reicht. Wenn ich das im Internet richtig verstanden habe, gibt es über die derzeit Mitwirkenden hinaus sogar noch eine ältere, vierte Generation (und von einer 5. soll auch schon die Rede sein). Das ist eindrucksvoll, weil es ganz unterschiedliche, eben zeitlich bedingte Sichtweisen im künstlerischen Wirken und Ausdruck wahrscheinlich macht. Die zweite Auffälligkeit sind die unterschiedlichen künstlerischen Techniken und handwerklichen Mittel. Wir finden hier vom Blaudruck über den Linoldruck, der Feder- und Tuschzeichnung, dem zarten Aquarell, dem Acryl- bis Ölgemälde bis hin zu einer verblüffenden Mischtechnik, der haptisch erfahrbaren Montage bis zur originellen Skulptur alles, was des Betrachters Herz begehrt. Auch die genutzten Grund-Materialien sind bemerkenswert: Sie reichen von Papieren unterschiedlicher Herkunft und Qualität über Leinwand und Holz bis hin zu echtem Papyrus, wobei ich Letzteres für sehr mutig halte. Ich darf erwähnen, daß heute der "Welttag des Handwerks" gefeiert wird. Also feiern Sie alle mit, hier ist die Gelegenheit dazu, denn bei nicht wenigen der Aussteller handelt es sich tatsächlich um "Profis", die ihre Kunstfertigkeit regelrecht gelernt und studiert haben, aber auch die sog. "Autodidakten" bringen Erstaunliches und Bewundernswertes hervor.
Kommen wir nun zu den einzelnen Künstlern. Was ich beurteilen kann, ist nur das, was ich selbst gesehen habe. Die ausführlichen künstlerischen Autobiographien entnimmt man besser der Internetseite zur Ausstellung. Die Reihenfolge entspricht dabei nicht der Hängung sondern dem Alphabet:
Michelle Angelicher
Sie präsentiert hier Beispiele ihrer an der Manga-Kunst orientierten Bildwelt. Damit gräbt sie tief in der Geschichte chinesischer und japanischer Zeichnungs- und Druck-Tradition und es gelingen ihr optisch reizvolle Eindrücke, die zu mancherlei Interpretation anregen. Die Objekt sind entweder mittels Tuschfeder oder Linolschnitt gefertigt, wobei sich letzterer bekanntlich an den Holzdruck anlehnt, der in Asien nun auch eine uralte Geschichte hat.
Silke Domin
Die Themen ihren ausgestellten Bilder wurzeln in ernsthafter autobiographischer Arbeit. Sie führen zu plastischen, geradezu "gebauten" dreidimensionalen Objekten. Man möchte sie unwillkürlich anfassen, auch wenn das bei Kunstwerken eigentlich nicht so üblich ist, von einer "Begegnung der 3. Art" (wie in dem bekannten Film) zu sprechen. Das gilt auch für die "Spur der Steine", die sie hier farbig ausgelegt hat.
Elke Hubweber
Es ist immer wieder schön zu sehen, wie Künstler sich einem Thema nicht nur einmal und einfach sondern beinahe wie in einer Art "Versuchsreihe" annähern. Auch wenn die als Aquarelle gezeigten Motive als "Untitled" unterschrieben sind, fühlt man sich doch angeregt die unterschiedlichen Versionen als "Diskussion über Zitronen" aufzufassen. Sie nehmen mir das Bitte nicht krumm, aber so eine Serie ruft einfach eine "Freude am Spiel" hervor.
Ivonne Kramer
Ihre kreative Begabung ist mir seit ihrem Praktikum im Regionalmuseum geläufig, wo sie überraschende Ideen zur Restaurierung von Tongefäßen ent-wickelte. Seither hat sie ihre künstlerischen Anlagen gezielt weiterentwickelt und ist heute in der Lage mit einer Vielzahl von Techniken eine Vielzahl von Motiven zu bearbeiten. Dabei kommt ihr auch der heimische berufliche Kontakt mit praktisch allen verfügbaren Materialien zugute. Diesmal hat sie sich mit abstrakter Gestaltung beschäftigt, und diese gelingt ihr, farbenfroh, auf ansprechende Weise ebenso.
Tanja Sultana Krystallidou
Von dieser Malerin, die ja auch in anderen Kunstformen wie der Sprachgestaltung tätig ist, kenne ich nur jenes "Fruchtbild" in Acryl- und Spachteltechnik, das sie "Autumn" benennt. Es wäre interessant zu erfahren, wie sie als Griechin ionischer Herkunft mit den unterschiedlichen Lichtverhältnissen in Mitteleuropa und ihrem Herkunftsland zurecht kommt.
Waldemar Litau
Wenn ich von der Herkunft des Künstlers lese, fällt mit als Museumsleiter in Fritzlar sofort ein "Ortskollege" ein, dessen, allerdings in Holz gefertigten, Objekte gleichfalls einen unglaublich kräftigen Eindruck auf uns ausübten. Hier treffen wir auf Ölgemälde, die, auch durch ihre Farbgebung und -intensität, auch wieder kraftvoll und geradezu "laut und deutlich" (aber nicht "schreiend") wirken. Alle Bilder verfügen über ein optisches Zentrum, das den Blick anzieht, und das selbst, wie plakativ, aus großer Entfernung.
Susanne Schnabel
Ein methodisch besonders breites Schaffensspektrum finden wir hier und heute bei dieser Künstlerin, die teils im Privat-, im Selbst- und akademischen Studium sich einen großen Wissensschatz und praktische Erfahrung erworben hat. Ihre Idee dem Entstehungsmoment von Feuer und Licht nachzuspüren ist eindrucksvoll verwirklicht. Einer völlig anderen Aufgabe widmete sich mit einem dem abenteuerlichen Experiment, Tierportraits auf originalem Papyrus festzuhalten. Die realistischen Abbilder in Mischtechnik lassen bei größter Nähe die Schwierigkeiten und ihre Überwindung erkennen auf diesem eigentlich grob strukturierten Material alle Feinheiten optisch zu realisieren.
Michaela T. Spellerberg
Als unabhängige Autodidaktin hatte die Ausstellerin stets die Freiheit sich an allen Materialien und Techniken zu erproben, so daß sie neben der Malerei auch in der Bildhauerei kreativ wirken kann. Hier zeigt sie uns dies durch ihre "Krikelkrakel" genannten Karikaturen, deren Wirkung dadurch besonders sind, weil sie auf Notenblättern ihr munteres Eigenleben entfalten, wobei dies mit einigen Hintergedanken verbunden ist. Ihre Blaudrucke mag sie "Hokuspokus" nennen, sie strahlen eine vegetabile Dynamik aus.
Rita van Straten
Die Künstlerin ist auf ihrem Lebensweg von Wabern bis heute hier nach Gudensberg ziemlich weit herumgekommen. Über ihre Profession als Photographin hinaus erarbeitete sie sich auch die Fähigkeit dreidimensional kreativ zu werden. Ihre Motive fand sie in der antiken Bild- und Fabelwelt. So entstanden ihre tönernen Zentauren-Figuren oder der "Schattenfüßler" griech. "Skiapodos", die schon bei griechischen und römischen Schriftstellern erscheint und noch die "Schedel´sche Weltchronik" von 1493 schmückt. Bemerkenswert ist ihre Idee, sich mit der Fortpflanzung des "Minotaurus" zu beschäftigen, dem sie (nach ihren Worten: eine Tochter) die "Minotaura" beigesellt hat.
Roeloff van Straten
Der Kunsthistoriker und ehem. Geschäftsmann kennt durch seine langjährige Arbeit beim Bildarchiv "Foto Marburg" die hessische Bilder- und Kunstwelt sehr genau. Seine künstlerische Leidenschaft besteht aber in der Beschäftigung mit dem Schaffen des niederländischen Malers Piet Mondrian. Dabei verwendet er dessen Bildsprache für eine eigene Gestaltung auch durchaus konkreter Themen wie den hier gezeigten "Jahreszeiten". Verblüffenderweise gelang es ihm dabei den Weg vom Vorbild zum Abbild, also von dem zu portraitierenden realen Objekt auf die Leinwand auch einfach umzudrehen, in dem er die Außenwände seines Fachwerkhauses in Roppershain im Stile Mondrians neu gestaltet hat.
Liebe Mitwirkende, Besucher und Gäste!
In der Hoffnung, daß Ihnen der Kopf nun nicht zu schwer geworden ist, darf ich sie nun bitten sich selber ein Bild oder viele Bilder vor Ort zu machen. Die Künstler werden Ihnen dabei jeweils hilfreich zur Seite stehen.
Vielen Dank!