Vorbemerkung

Der vorliegende Text entstammt dem vom längjährigen Kustos des Regionalmuseums Fritzlar Egon Schaberick zusam-mengetragenen Zeitungsarchiv der Institution und ist ursprünglich im WOCHENSPIEGEL,  dem damaligen Verkündi-gungsorgan der Stadt Fritzlar, am 27. Juni 1969 in der Nr. 26/3 auf der Titel- und Folgeseite erschienen. Ob bereits in dieser Zeit das Mitglied der Arbeitsgemeinschaft bzw. das Museumsvereinsmitglied, der Bäckermeister Hans Josef Heer, in die heimatkundlichen Publikationen des damals bereits wöchentlich erscheinenden Blattes eingebunden war, ist zwar zu vermuten aber heute kaum noch zu rekonstruieren, da im Wittich-Verlag aus dieser Zeit keine Archive mehr erhalten geblieben sein sollen.           
      Bei dem als Autor genannten Chemiker Dr. Hans Braun mag es sich durchaus um einen Vorfahren der noch heute in Melsungen tätigen Inhaberfamilie der Fa. Braun gehandelt haben; dem wurde aber bislang noch nicht nachgegangen. 

UNSERE STADT IN DER WIR LEBEN 
– Fraumünsterkirche –

Ein im Oktober 1911 von Dr. Hans Braun, Chemiker in Berlin, geschriebener Brief wurde uns freundlichst zur Verfügung gestellt. Er war an seine Verwandten gerichtet und er vermutet selbst, daß seine Vorfahren aus Fritzlar stammen (Brun). Dieser Brief befindet sich in einem alten Familienarchiv einer alten Apotheker-Familie Braun bei Frankfurt/Main.                                                                                                                                                                                                                                 Wir finden ihn geschichtlich so interessant, daß wir ihn nachstehend im Wortlaut veröffentlichen:                  

Halbwegs zwischen Fritzlar gegen Osten und Obermöllrich liegt das altersgraue, unscheinbare Kirchlein, das so häu­fig der Zankapfel gewesen zwischen dem Erzbischof von Mainz und den Landgrafen von Hessen-Kassel. Einmal im Jahr noch öffnet sich die niedrige Pforte, um die Obermöll­richer einzulassen. Fritzlarer kommen nur selten zu diesem eigenartigen Gottesdienst, obwohl sie ehedem die Hauptmen­ge der Gläubigen gestellt. Böse Erfahrungen hatten sie ja auch reichlich durch den Besuch dieses Gotteshauses gemacht, Am Christtage des Jahres 1589 hatten sich die evangelischen Bürger Fritzlars mit ihren Familien, wie schon so häufig, gen Fraumünster begeben, um die frohe Botschaft verkündet zu hören. Bei ihrer Rückkehr fanden sie die Tore des Städtchens verschlossen und verrammelt, und der Kurfürst von Mainz nahm sie in schwere Strafe. Ähnliches ist häufiger vorgekom­men. Hatte er als Landesherr nach den Passauer Vertrag doch das Recht, den Glauben seiner Untertanen zu bestimmen. Die Angehörigkeit zum Lutherschen Bekenntnis wurde nicht nur mit Geld- und Freiheitsstrafen geahndet. Wer sein Kind evangelisch taufen ließ, war dem Tode verfallen. Heute haben sich die Verhältnisse dort verschoben. Fraumün­ster ist nicht mehr das Streitobjekt, und die Stätte, wo einst

      Jost Runke, Christian Seuring und dessen Sohn Konrad und so mancher tapfere Held des Wortes "das reine unverfälsch­te Evangelium" gepredigt, Ist nicht mehr der Mittelpunkt des Protestantismus in jener Gegend.

      Am ersten Ostertag 1911 war mit Gelegenheit geboten, ei­nem Gottesdienst zu Fraumünster - für Obermöllrich ein Er­eignis - beiwohnen zu können, "Ein heiliges Gefühl über­kommt uns wenn wir zu Fraumünster unseren Gottesdienst abhalten", so leitete der Geistliche seine Predigt ein. "Um diese altersgrauen Mauern herum liegen eure Väter und Großväter, eure Ahnen seit Jahrhunderten" - das war alles in der Predigt, was an die vergangene Zeit erinnerte. Heu­te herrscht dort keine Kampfesstimmung mehr, Die Macht des Kurfürsten von Mainz ist gebrochen, und die Jesuiten haben auch kein Interesse mehr daran, jene alte heilige Stätte wieder für den alten Glauben zu gewinnen. Jene Stät­te, die nur um ein weniges jünger ist als die ehrwürdige 1'e­terskirche zu Fritzlar.

      Noch ehe die Pforten zu dem kleinen Friedhof sich geöff­net, hatte ich mich dort eingefunden. Ein heller, warmer Ostersonntag war es. Blau lachte der Himmel, warm sandte die liebe Sonne ihre lebensfrohen Strahlen zu uns hernieder, die Lerchen jubilierten ihr Halleluja, die Stare spielten die Flöte, die Amsel trompetete wacker ihr Liebeslied dazwischen, in den Hecken zirpte es, die ersten Bienen summten, wie aus grillen Pfeifen erklang der Schwalben lustiges lang gezogenes Lied, und in tiefem Baß begleitete der linde Wind das Frühjahrsjauchzen der Natur in den Wipfeln der noch kah­len Pappeln und der dunkelgrünen Föhren, die an den Mauern des alten Friedhofes stehen und ihr altersschwaches Haupt ge­messen hin- und herneigen. Zu meinen Füßen die ersten Veil­chen und Gänseblümchen. Die Himmelsschlüssel wollten ge­rade ihr gelbes Köpfchen hervorstrecken, um zu fragen, ob es nun wirklich Frühling werden soll. Drüben aus den Fritzlarer Gärten schimmerten die ersten Kirschen und Pfirsichblüten her­über, Ein hehres Sonntagsgefühl zieht in das Herz ein. Feierlich hatten die Festtagsglocken der Peterskirche Ihre schweren Töne in die Welt hinausgeschleudert, als auch end­lich das Fraumünsterglöcklein eintönig mit hellem Stimmchen seine Gläubigen rief. - Und bald bewegte sich auf der Landes­straße von Obermöllrich her ein schwarzer Zug. Männer und Frauen in ernster Stimmung, um nach der Väter Brauch das Abendmahl in beiderlei Gestalt an der im Kampf behaupteten Stätte zu erhalten. - Die älteren Frauen in ehrwürdiger Tracht mit weißem, gesteiften Faltenhäubchen unter dem zarten, schwarzen Spitzenkopftuch. Eine große schwarze Schürze, das Gesangbuch mit dunkelgelbem Schnitt, unter dessen Deckel die Spitzen des Kirchgangs-Taschentuchs hervorsehen. - Ihrer zwanzig mochten es wohl gewesen sein, die die alte Tracht noch ehrten, die jüngeren Frauen erscheinen barhäup­tig zum Gottesdienst. Ein schmuckloses Bauwerk ohne archi­tektonische Reize steht das Kirchlein auf dem Friedhof, auf dem Obermöllricher schon lange vor der Reformation ihre To­ten beisetzten. Die Gründung der Kapelle mag etwa um die Zeit stattgefunden haben, da Probst Brun (Braun) - vermutlich einer unserer Ahnen - in Fritzlar durch die Stiftung eines Hos­pitals für Arme und Kranke zur Gründung der Neustadt Veran­lassung gab (1147). Hessische Adlige besitzen heute noch das Recht, die Gruft unter dem Altar benutzen zu können. Hessi­schen Ursprungs ist Fraumünster gewesen und nicht mainzisch, Hesbergs liegen dort unten, die Wildungen, die Günste und später auch die Seylers.

      Hen Brun, ein Verwandter des Schultheißen Hermann Brun, war in Fritzlar noch freier Bürgersmann gewesen - Glaser. Fenster­hen nannte man ihn kurz. In Abhängigkeit, in Leibeigenschaft des Deutsch-Ritter-Ordens hatte er sich begeben, um den Quä­lereien und Drangsalierung des Erzbischofs zu entgehen. 1609 begegnete man seinem Namen zu eratenmal in den Rechnun­gen des Ordens. Um 1550 mag er geboren sein. In Ober-Möll­rich ist der Alte dann Bauer geworden und seine Nachkommen sind Bauern geblieben bis heutigen Tags. Ein Zweig nur macht eine Ausnahme. Sein Enkel Johannes wußte sich der Leibeigen­schaft zu entziehen. Er hatte es bis zum Hüttenvogt gebracht, zum obersten kaufmännischen Berater der Eisenhütte in Fisch­bach, dem Hospital Haina gehörig. Nicht hier zu Fraumünster sondern in Niederurff deckt seine Gebeine die kühle Erde, „die weil er dort begraben zu werden begehret“. Im 30jährigen Krieg hat das Kirchlein schwer gelitten. Picco­lomini und die Kroaten haben dort gehaust und ihre Spuren zu­rückgelassen, Tilly und Gustav Adolf haben vor Fritzlar gele­gen. Drei Stufen führen hinab in das Innere der Kirche, die nur durch wenige Fenster schwach erhellt wird. Ein kalter Hauch, wie aus einer Totengruft strömt uns entgegen. Auf der alten Barock-Kanzel eine alte Bibel, ein Druck aus dem 17. Jahr­hundert. Interessant Ist das hessische Wappen über dem Altar an der Wand, das Landgraf Moritz befestigen ließ, um seine Hoheitsrechte hier äußerlich zum Ausdruck zu bringen. Ehe­dem waren die Wände bedeckt mit Gemälden. In der Zeit der Bilderstürmer hatte man alles überstrichen, um den einfachen Charakter des Gotteshauses zu heben. Landgraf Moritz hatte dann Sprüche aus den Evangelien anbringen lassen, aber auch diese sind wieder dahin. Jüngst ist es gelungen, etwas von je­nem Bilderschmuck zu retten. Ein Engel an dem leeren Grabe Christi und daneben der Heiland selbst, mit Schwerter auf den Zähnen.

      Dann setzte die Orgel ein. "Ein feste Burg ist unser Gott" ge­hört eigentlich immer als Präludium in diese alte Kapelle. Lei­der kam der Organist meinen Wünschen nicht nach. Nach dem Gottesdienst die Abendmahlsfeier. - Zuerst ohne Orgelbeglei­tung, weil der Mann der die Bälge bediente, fehlte. Überaus feierlich wirkte der Gemeindegesang gerade ohne diese, dop­pelt feierlich für den, der die Vergangenheit dieses Kirchleins kennt. - Wie oft mögen die Vorfahren, wenn die Orgel zer - stört, gesungen haben unter der Leitung ihres Ludimoderatoris.

      Eine Stimmung wie Bantzer sie schildert in seinem herrlichen Bilde: „Ein Abendmahl in der Schwalm“. Zuerst schreiten die Männer zum Tisch des Herrn, dann die Frauen. Seit jener Stunde hängt das Bantzersche Bild über meinem Schreibtisch, und häufig ruht das Auge darauf in Erinnerung an jene weihevolle Stunde.

      Vierhundert Jahre bestand eine Bestrebung, das alte Kirchlein niederzureißen. Heute denkt man anders. Man sollte aber auch wirklich etwas tun, um das wenige wertvolle Material, was drinnen steht, vor dem Verderben zu schützen.

      Eulen nisten in der Orgel, - sie ist eine der ältesten in Hessen-, und die Sperlinge nehmen ihren Flug durch die zerbrochenen Butzenscheiben. Und was für Getier mag wohl schon an jener alten Bibel genagt haben.

      Und es kostet doch so wenig, jene zerbrochenen Scheiben zu ersetzen. -

 

Kirchengeschichte:

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