Vorbemerkung

Der "Wochenspiegel" erschien regelmäßig seit dem Jahre 1967 im Wittich-Verlag, der nach einiger Zeit ein eigenes Re-daktions- und Produktionsgebäude an der Waberner Straße unterhielt. Neben den offiziellen Verlautbarungen, zunächst als Organ der Kreisstadt, ab 1974 nur noch als Medium der Stadt Fritzlar mit ihren Ortsteilen, fanden sich schon früh Beiträge (häufig auf der Titelseite), die sich um die unterhaltsame Erfüllung einer Art "Bildungsauftrag" bemühten. Nach dem Selbstverständnis der Stadt fanden sich hier vor allem historische Themen, die zur Identizität beitragen sollten. Lei-der scheint es aus den ersten Jahrgängen kaum namentlich gekennzeichnete Artikel zu geben, nach den Autoren wird derzeit noch geforscht. Erst allmählich lernen wir später die Urheber kennen, sei es unter dem Titel ihres Vereins oder tatsächlich ihrem Klarnamen; zur Rekonstruktion der Forschungsgeschichte in Fritzlar wird man aber letztlich darauf nicht verzichten können. F(ranz?) Burchard(t?) gehörte zu den frühen Vertretern dieser Quellengattung. 
      Die gezielte Sammlung all dieser Artikel für das Zeitungsarchiv des Regionalmuseums Fritzlar geht auf den 1. Vorsitzenden des Museumsvereins Ludwig Köhler und seinem Nachfolger Hans Heintel zurück. Die Arbeit setzten Egon Schaberick und J.-H. Schotten bis 2012 fort.

Wochenspiegel Nr. 26/4 vom 26. Juni 1970, S. 1-2

UNSERE STADT IN DER WIR LEBEN 
Am Rolandsbrunnen –

Im Mittelpunkt unserer Kreis- und Domstadt liegt der Marktplatz. Straßen, Gassen und Gäßchen münden hier aus allen Richtungen ein, Alte, schöne Fachwerkhäuser umgeben ihn auf allen Seiten. Das schma­le Kaufhäuschen mit dem schlanken Türmchen ist besonders bemerkenswert. Auf diesem von der Geschichte umwobenen Platze er­hebt sich der Rolandsbrunnen inmitten eines kreisrunden „Kumpfs“, Die Brüstung besteht aus verwitterten Steinplatten mit Ranken­werk und Wappen. Der steinerne Brunnenstock ist mit schmiedeeisernem Gestänge an ihr befestigt. Die aus Stein gehauene Figur eines Gehar­nischten, des „Rolands“, krönt den Brunnen. In der linken Hand hält er eine Lanze mit ei­nem Fähnchen. Mit der Rechten stützte, sich auf einen Schild, der mit dem altdeutschen Reichsadler geziert ist. Der viereckige Sockel trägt auf den Seitenflächen Schilde. Auf einer Seite hält ein Engel das Wappen des Mainzer Erzstifts (3 Balken im Felde). Auf einer anderen Seite er­blickt man das Wappen des Mainzer Erzbischofs Daniel Brendel v. Homburg, der zur Zeit der Errichtung des Ro­landsbrunnens regierte. (Er war der Landesherr von Fritzlar. Im alten deutschen Kaiserreich waren die höheren geistlichen Würden­träger vielfach auch weltliche Fürsten).

Die dritte Seite zeigt das Stadt­wappen, nämlich zwei durch ein Kreuz verbundene, schräglinks ge­stellte Räder. Auf der vierten Sei­te erscheint die Jahreszahl Ann DN (Anno Domini - im Jahre des Herrn) 1564.

      Unter dem Sockel sind Männerköpfe angebracht, die Wasser in ein Becken speien, aus dem es durch Röhrchen in den gro­ßen Kumpf läuft.

Der Rolandsbrunnen springt nur an besonderen Anlässen, an weltlichen und kirchlichen Feiertagen. Vor dem Bau der Was­serleitung erhielt er sein Wasser aus der Eder, das in die Stadt gepumpt wurde.

      In den vergangenen vier Jahrhunderten haben leider verderbli­che Witterungseinflüsse jeglicher Art Ihre Spuren dem steiner­nen Recken tief eingegraben. Auch frivole Bubenhände haben Ihm, weniger zur einhel­ligen Ergötzung einsichtiger Bürger, schon oft und noch in jüngster Zeit hart zugesetzt. Man ist jetzt an amtlicher Stelle zu der Ansicht und zu dem Ent­schluß gekommen, das historische Standbild möglichst bald gründ­lich auszubessern oder teilweise zu erneuern.

      Nach dieser einleitenden Beschreibung des Marktbrunnens er­heben sich nun von selbst die Fragen:

Wer war Roland ?

Was hat Roland in Fritzlar zu bedeuten ?

 

 

Darüber wird in der nächsten Woche die Antwort gegeben. 

                                                                                       Fr. Burchart

 

Wochenspiegel Nr. 27/4 vom 3. Juli 1970, S. 1

UNSERE STADT IN DER WIR LEBEN 
Am Rolandsbrunnen –

Gelegentlich des Besuches des letzten, weithin be­kannten Fritzlarer Pfer­de­marktes, betrachtete ein Schwäl­mer Bauersmann zum erstenmal den laufenden Springbrun­nen und das Standbild auf seinem Sockel. Er wandte sich fragend an einen Fritzlarer Bürger, der über die Geschich­te seiner Vaterstadt unterrichtet war: „Sagen Sie mir, lie­ber Herr, wer ist denn das dort auf dem Springbrunnen?“ „Das will ich Ihnen gerne verraten. Der Springbrunnen heißt der Rolandsbrunnen, Haben Sie während Ihrer Schul­zeit etwas von Roland gehört?“

      „Einen Augenblick! Hat er nicht mit dem Riesen Im Ardennerwald gekämpft, ihn getötet und aus seinem Schild das Kleinod, den funkeln­den Edelstein, herausgeschraubt?“

      „Ganz recht! Der junge Roland, der Schildträger sei­nes Vaters Milon von Anglante, hatte dieses Heldenstück vollbracht, während die älteren Helden schliefen. Er war der Neffe des fränkischen Kaisers Karls des Großen. Dessen Schwester Berta war seine Mutter. Als treuester Paladin (=tapferer Ritter, Held) Karls begleitete er den Kaiser auf seinem Zuge nach Spanien, um den Vormarsch der mo­hammedanischen Ara­ber aufzuhalten. Auf dem unglückli­chen Rückzuge wurde er als Führer der Nachhut des fränki­schen Heeres von den Sarazenen (=Arabern) In den Pyre­näenschluchten, Im Tale von Roncevalles, 778 erschlagen.“

      „Diese geschichtlichen und sagenhaften Begebenhei­ten waren mir mehr oder weniger bekannt“, entgegnete der aufmerksame Zuhörer. „Dann hat man wohl diesem volkstümlichen Helden hier in Fritzlar, das noch z. Zt, seines Heldentodes bestand, dieses Denkmal gesetzt?“

      „Nein, das nicht ! Der Rolandsbrunnen ist erst 1564 errichtet worden.“ "Wie kommt nun aber der Roland hier auf den Marktplatz? Welche Bewandtnis hat es mit dem Standbild des Geharnischten?“

      „Nun, solche Rolandsfiguren findet man noch in vielen anderen Städten Norddeutschlands (Bremen, Halber­stadt, Magdeburg, Branden­burg u. a.). Sie stehen wie hier in Fritzlar auf dem Marktplatz, in unmittelbarer Nähe des Rathauses. Diese sogenannten `Freiheits­ro­lande´ waren Im Mittelalter die äußeren Sinnbilder für wert­volle Rechte, die Kirchen, Klöstern und weltlichen Grundbesitzern vom König verliehen wurden, wie das Markt- und Stadtrecht. Da die Sied­lung Fritzlar schon zur Zeit der fränkischen Könige eine Königspfalz besaß (eine Pfalz war zeitweiliger Wohnsitz des Königs), hat sie wohl schon sehr früh durch den Erlaß eines dieser Herrscher, vielleicht Karls des Großen selbst, diese Recht erhalten, Sie durfte Märkte einführen, den Marktzoll erheben, eine Münze (da wurden Münzen geschlagen) ein­richten, in Marktangelegenheiten richten und sich später auch mit Mauern umgeben. Als äußeres Zeichen dieser er­worbenen Rechte er­rich­tete man ein hölzernes Kreuz, das man 1564 durch das Ro­landsteinbild mit dem Schwerte (ver­fälscht später Lanze) und dem Schilde ersetzte. Die Lanze bedeutete die Gerichtsbarkeit während des Marktes über Un­ruhestifter und Diebe.“ „Ich danke Ihnen sehr für diese gute Aufklärung. Wenn es Ihnen die Zeit erlaubt, bitte ich Sie, mir doch etwas über die Märkte zu erzählen, die hier abge­halten wurden.“

                                      Davon in der Pferdemarktwoche.

                                                                                                                                                                                                                                             Fr. Burchard

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                                                                                 Dank an Karl Burchart, Horst Euler, Marlies Heer, Klaus Leise. Wolfgang Schütz und Dr. Christian Wirkner                                                                                                                                                         für Hinweise und Tipps,  Johannes de Lange für die Scan-Vorlagen

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