HJH 1969 (Heimatmuseum FZ)

UNSERE STADT IN DER WIR LEBEN -

-Fritzlarer Heimatmuseum gewinnt immer mehr an Bedeutung-

„Jeder Archäologe spĂĽrt im Herzen, warum er gräbt. Er gräbt, um, mitfĂĽhlend und demĂĽtig, die Toten wieder le­bendig werden zu lassen, damit das, was vorĂĽber ist, den­noch nicht fĂĽr immer verloren sei. Damit aus den TrĂĽm­mern der Zeitalter etwas gerettet werde und so die Ge­genwart durch die Vergangenheit mehr Farbe bekomme, und wir fĂĽr die Zukunft mehr Mut!“ Dieser prägnante Spruch von Geoffrey Bibby, der im ur- und frĂĽhgeschicht­lichen Teil des Fritzlarer Museums zu lesen ist, endet mit den Worten: „Seine Ausgrabungen sind nur eine Abzahlung auf das, was wir alle den Menschen schulden, die im Lauf von Jahrtausenden unsere Welt fĂĽr uns formten."

      Er charakterisiert genau jene, im Grunde nur aus wenigen Aktiven bestehende Arbeitsgemeinschaft des Vereins fĂĽr ur- und frĂĽhgeschichtliche Sammlungen. Das Museum, das seit 1956 in dem aus dem 16. Jahrhundert stammenden Hochzeitshaus unterge­bracht ist, hat sich ĂĽber mehrere Provisorien in der Zeit von 1951 bis heute einen weit ĂĽber die Heimatgrenzen bekannten, guten Ruf erworben.

      Neben der ur- und frĂĽhgeschichtlichen Abteilung, auf die wir in unserem heutigen Bericht ausschlieĂźlich eingehen möchten, befinden sich mittlerweile eine umfangreiche geologische Sammlung, eine Truhenausstellung und eine Sammlung fĂĽr Volkskunde in diesem ehrwĂĽrdigen alten Ge­bäude, das, obwohl es im Laufe der Jahrhunderte mehr­mals den Besitzer und den Verwendungszweck wechselte, fĂĽr diesen Zweck nahezu ideal ist. Nicht nur die Räum­lichkeiten, sondern auch das äuĂźere Bild des Hauses, an dem in den letzten Tagen gerade eine Verschönerung der AuĂźenfassade durch Neuanstrich und Verputzung zu Ende ging, geben dem Besucher die Atmosphäre, die er bei der RĂĽckblende durch die Jahrtausende braucht.

      Die ur- und frĂĽhgeschichtliche Abteilung, die neben den Arbeitsräumen das ErdgeschoĂź aufnimmt, reicht zeitlich von dem Auftreten der ersten Menschen unseres Gebietes bis etwa zur Christianisierung unter Bonifatius. In einigen Abschnitten geht sie sogar bis zum Jahr 1000. Die Funde, die durch oberflächen­mäßige Absuchung im Ergebnis ein kontinuierliches Auftreten von Menschen innerhalb des Kreises seit der Altsteinzeit nachgewiesen haben, wurden in jahrelanger Kleinstarbeit von jener Gruppe Idealisten zusammen­getragen, die eine Existenz des Museums ĂĽber­haupt erst ermöglich­ten.

      Wir hatten Gelegenheit, jene EindrĂĽcke der damaligen Lebensgewohnheiten von Martin Kliem, einem der stets Aktiven, in Verbindung mit anderen Besuchern veranschau­licht zu bekommen. Ăśber Tierknochen der älteren Alt­steinzeit mit Knochenresten des Steppenekfanten, der eine ursprĂĽngliche Schulterhöhe von etua fĂĽnf Metern aufzuwei­sen hatte, sieht man Knochenteile von Pferden. Rentieren, Riesen- und Edelhirschen, ebenso wie Bisons, FlĂĽhknhyä­nen, um nur einige namentlich aufzufĂĽhren. Auch ein Merowinger Menschenskelett aus dem Jahre 570 nach Chri­sti beinhaltet die Sammlung.

Im weiteren Teil wird man mit Waffen- und Ilandwerks­zeug bis hin zum Schmuck der verschiedenen Epochen vertraut gemacht. Den letzteren angesprochen ist zum Beispiel eine unter einem Mikroskop liegende, einein­halb Millimeter groĂźe Perle die Rarität des Bereiches. TonkrĂĽge, Eisen- und Steinbeile, Speerspitzen und andere Dinge haben in dem sehr ĂĽbersichtlich aufgebauten Mu­seum Platz gefunden. Eine Urnensammlung aus der Jung­bronzezeit, die ausschlieĂźlich am Ostrand von Fritzlar ent­deckt und geborgen wurde, ergänzt die Sammlung.

      Ob es die damaligen Perlen, Knochenteile, Steinpfeil­spitzen oder die diversen KrĂĽge in ihrer Gestaltung und Entstehung sind, alles fand nach Namen, Art und, soweit möglich, Zeitalter und Fundort eine Zuordnung und Er­klärung. In diesem Zusammenhang wird auch dem Nicht­sachkundigen von der Leitung des Vereins durch grafische und plastische Darstellungen - so wurde zum Beispiel ein altsteinzeitlicher Jagdplatz rekonstruiert - der Weg des Verstehens erleichtert. Zu diesem Zweck stehen zusätzlich nachgebaute Geräte - hier zieht die Bohrmaschine wohl die meiste Auf­merk­samkeit auf sich - den Besuchern zur Ver­fĂĽgung, um sich an ihnen selbst von der Einsatzmöglichkeit zu ĂĽberzeugen.  

Obwohl das Bild nicht die letzten, dieser Tage fertig ge­wordenen baulichen und fassadenverschönernden Verände­rungen festhält, kann man doch den kulturhistorisch fĂĽr ein Museum wĂĽrdigen Rahmen erkennen, dem das Hoch­zeitshaus seinem heutigen Verwendungszweck nach dient. Mit einem Betrag von etwa 30 000 DM wurde an dem aus dem 16. Jahrhundert stammenden städtischen Gebäude ein neuer AuĂźenanstrich des Fachwerkes vorgenommen. Stellenweise war auch eine Neuverputzung erforderlich. Da einige Fenster nicht mehr den notwendigen Anforde­rungen entsprachen, kam im Zuge der Renovierungsarbei­ten die Stadt auch hier dem Anliegen der Museumslei­tung nach und lieĂź neue einsetzen. Wie wir weiter er­fahren konnten, soll das Gebäude bis zur 1250-Jahrfeier in 1973 ganz fĂĽr museale Zwecke hergerichtet werden. Die Ausweitung, die in den nächsten Jahren vorgenom­men werden soll, wird es ermöglichen, auch jene Gegen­stände, die bisher dem Besucher noch nicht offeriert wer­den konnten, der Besichtigung freizugeben.                                                                                                                                                                                 (rs / Aufnahme: Orendt)

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