Vorbemerkung

Der folgende Text kann als ein Kommentar der hessischen Kunst- und Geschichtsszene zur Fritzlarer 1200-Jahrfeier angesehen werden. Der "Hessenspiegel" war eine illustrierte Wochenschrift für Heimat, Kunst und Dichtung. die seit 1924 bis in die 1950er Jahre im Format DIN A4 erschien. Sie ging 1959 in der Reihe "Hessische Heimat" auf, die als Zeitschrift für Kunst, Kultur und Denkmalpflege; Organ der Gesellschaft für Kultur- und Denkmalpflege, Hessischer Heimatbund e. V. in Marburg, eine gleiche Thematik aufwies und auf eben diese Weise für einen populärwissenschaftlich interessierten Leserkreis konzipiert war.  Spätere Periodika mit gleichem Namen haben eine eher militärischen Bezug, bisweilen firmieren diese  sogar als "Panzermagazin Hessenspiegel"! 
      Über den Autor Dr. Wilhelm Lange konnte bislang nichts konkretes eruriert werden, es sei denn, es hat sich um den damaligen Leiter der Werkkunstschule Offenbach und Schriftdesigner Dr. Wilhelm Hermann Lange (1887-1954) ge-handelt, was seine Veröffentlichung im "Hessenspiegel" immerhin erklären könnte. Die Zeilen sind auch deswegen von dokumentarischem Wert, weil sie den Kenntnisstand über den Büraberg  v o r  den Ausgrabungen durch Prof. Dr. Joseph Vonderau, Fulda, in den Jahren 1926-1929 belegen. 
      Sowohl die Zeitschrift wie auch gerade dieser Artikel waren seinerzeit offenbar recht bekannt, denn die Mitarbeiter der Ausgrabung Wand (1967-1973) wurden von Einwohnern aus Ungedanken, darunter der damalige Pfarrer Klesper und der Bürgermeister Karl Blum, häufig auf  Details aus diesem Aufsatz angesprochen. 
      Der Text wurde vom Geschichtsverein Fritzlar unter Dr. Norbert Balli im Wochenspiegel Nrr. 42/8-9 vom 21. und 28. Februar 1985, auf den Seiten 1-2 erneut veröffentlicht. Leider lag im Zeitungsarchiv des Regionalmuseums Fritzlar (wie aus der letzten Zeile: "wird fortgesetzt" ersehen kann) nicht der komplette Aufsatz vor, weil der Kopist Mitte der 1980er Jahre nur am Büraberg-Artikel interessiert gewesen zu sein scheint, weswegen er hier auch unter diesem Thema einge-ordnet worden ist.

Der Büraberg und Fritzlar

-Von Dr. WILH. LANGE. –

Da wo die Edder, dieser silberhelle, stets lebendige Strom, sich aus den Gebirgen des Fürstentums Waldeck herauswindet, und die Grenze der jetzigen Provinz Hessen erreicht, erhebt sich am rechten Ufer, unmittelbar vor dem erweiterten fruchtbaren Eddertale ein noch zu Anfang dieses Jahrhunderts an seinen Abhängen größtenteils mit Wald bedeckter, jetzt fast ganz kahler Berg, welcher der Gestalt eines abgestutz­ten Kegels am nächsten kommt und nach drei Seiten steil abfällt, der Büraberg, der „Birberg“, wie ihn das Volk in der Nachbarschaft nennt.

      Mannigfache Befestigungsreste umziehen noch jetzt die Kuppe, Wall und Graben in Form eines abgerundeten Vierecks, in dessen Mitte nun ein kleines Kirchlein steht, das weit in das Land hinausblickt und im Sommer die Gläubigen zur Andacht ruft. Die Aussicht ist köstlich. Wie malerisch erhebt sich dort, kaum eine halbe Stunde ent­fernt, das alte Fritzlar, hoch auf den steilen Uferrand des goldflutigen Stromes ge­stellt, mit seinen von der Sonne beleuchteten Türmen aus dem grünen Kranze der Gär­ten und überschaut wie eine königliche Herrscherin das weite Talgelände, das besäet mit reichen Dörfern und Höfen erst in Stun­den weiter Entfernung durch den Homberg, den Falkenberg, den Knüll, die Hundsburg für das Auge begrenzt wird.

      Mehr als ein Jahrtausend ist dahingezogen über der Männer Erde, da stand auf diesem Flecken ein Mann, der mit seinem star­ken Geist und zielbewußtem festen Willen ganze Nationen aus der Finsternis und der Barbarei zum Licht des Lebens erweckte, ein Mann, auf dessen Wink auch unserem Hessenvolke ein Stern aufging und zur Sonne wurde, die mit ihren wärmenden und be­lebenden Strahlen noch heute die Gegenwart durchglüht: Winfried, der Apostel der Deutschen. Schon im Jahre 722 hatte er, nach seinem geistlichen Namen Bonifatius genannt, viele heidnische Hessen getauft, aber der bei weitem größte Teil des Volkes hing doch noch fest an dem alten Glauben der Väter und als der Bekehrer zum zweiten Male unser Vaterland betrat, fand er sogar viele der Getauften wieder vom Christentum abgefallen. Auf dem Bürberg, einer fränkischen Veste, nahm er seinen Sitz, von dort ging er mit unerschrockenem Mut unter die benachbarten Heiden, dorthin zog er sich zurück, um in der Ruhe der Nacht sich vorzubereiten zu neuem Tagewerk. Bald hatte er sich überzeugt, daß nur eine kühne Tat den alten Glauben in seinem Grunde zu erschüttern vermochte und sein Auge richtete sich, wenn er auf der Kuppe des Berges ins Land hinausblickte, unwillkürlich nach Sonnenaufgang, wo auf einem steilen Berge bei dem Dorfe Geismar die heilige Eiche des Thor stand. Deutlich mochte er von sei­nem Standpunkt aus die Ansammlungen der Heiden sehen, wenn sie anbetend dort zusammen kamen. Kein besseres, kräftigeres Mittel schien's zu geben, als zugleich in und mit diesem Heiligtum der Hessen auch ihren Wahn zu vernichten, daß der Donner­gott in jenem Baume hause. Am Tage einer solchen heidnischen Festversammlung begab sich Winfried in die Mitte der Tausende, strafte ihren Aberglauben und führt selbst die ersten Axthiebe auf den Baum, der darauf von seinen Anhängern vollständig nieder­gelegt ward.

      Der Beweis für die Ohnmacht des Donnergottes war erbracht und mit dem Sturze der Eiche fiel der alte Glaube. Natürlich war zunächst das Christentum unserer Vorfahren ein durchweg äußerliches. Das wußten auch die Heidenbekehrer und ihr Streben ging deshalb stets dahin, alten Glauben möglichst an den neuen zu knüpfen, damit das Volk den Wechsel minder empfinde. Auch Bonifatius ließ das nicht außer Acht: aus dem Holz der heiligen Eiche wurde ein Bethaus gezimmert und an Ort und Stelle auf­gerichtet. So ging auf einfache Weise auch die ehrfürchtige Scheu auf das neue Gotteshaus über und diesem folgten bald neue Kir­chenbauten, vor allem jene Gründung in dem nahen Fritzlar, welche von Bonifatius dem hl. Petrus geweiht, die erste christliche Kirche des Hessenvolkes im alten engeren Stammland wurde, die Mutter aller Kirchen des gesamten Gaues. Man zögerte nun auch nicht mehr, den neuen Christengemeinden durch Errichtung eines Bistums einen festeren Halt zu geben, und als Sitz des Bischofs wählte Bonifaz den Büraberg, weil dieser schon als fränkische Veste gegen die Sachsen befestigt war, ein Bistum aber nach der kanonischen Satzung nur in einem solchen Orte angelegt werden durfte. Es fehlte damals noch an eigentlichen Städten, welche würdigere Sitze eines Bistums hätten werden können, aber der neue Bischof konnte von dort aus auch leicht jeden Rest eines durch Erinnerungen an die heilige Eiche wieder erwachenden Heidentums beobachten und im Keime ersticken und endlich - der Ort war dem hl. Bonifaz gewiß durch seinen Erfolg vor allen anderen lieb geworden.

      Dennoch hat das Bistum Bürberg nur kurze Zeit bestanden und überhaupt nur zwei Bischöfe gehabt (Witta und Megingoz), dann verschwindet es ganz aus der Geschichte mit der zunehmenden Macht des neuen Erzstuhles zu Mainz. Der alte Bürberg aber mit seiner Burg, seiner Kirche und seinem Städtchen bestand nicht bloß, nachdem sein Ruhm nach Fritzlar hinübergewandert und die bischöfliche Würde endlich auch dort erlosch, noch eine lange Reihe von Jahren fort, sondern er erhielt sich selbst als be­wohnter Ort, freilich an Bedeutung und Größe stetig abnehmend, dahinsiechend mit den letzten Resten altertümlicher Denkmale. Jetzt ist er ausgestorben mit allen seinen Bewohnern. Zu Zeiten Karls des Großen, der den Sachsen, im Gegensatz zu Winfried, das Evangelium mit dem Schwerte predigte, war der Berg hoch stark befestigt und diente den fränkischen Heeren als Stützpunkt und hierher flüchteten sich die Einwohner Fritzlars mit ihren Heiligtümern, ihrer Habe, als die Sachsen im Jahre 774 in Hessen einfielen und die Eddergegend sengend und brennend durchzogen.

      Von jener Zeit an, nachdem der Bischofssitz verlegt und die Besatzung in ruhiger gewordenen Zeiten zurückgezogen war, wurde es auf dem Büraberg immer stiller. Die meisten Bewohner verließen denwasserarmen, steinigen Berg und zogen in das freund­liche Tal hinab, namentlich auf den sonnigen Edderhügel, auf welchem Fritzlar liegt. Die alten Mauern sanken und ohne daß eine eigentliche Zerstörung sich nachweisen ließe, standen ums Jahr 1300 von dem ganzen, einst so berühmten Orte nur noch die Kirche, das Pfarrhaus und wenige Hütten oben auf dem Berge, der Pfarrer selbst war schon nach Fritzlar gezogen (1323) und besorgte von dort aus die geistlichen Geschäf­te, den sonn- und festtäglichen Gottesdienst in der Bürberger Kirche, wofür ihm nicht unerhebliche Einkünfte zuflossen. Bei der Aufzeichnung derselben war es nun diesem geistlichen Herrn beschieden, den Wortschatz der lateinischen Sprache um ein neues Wort zu bereichern , um den Ausdruck campispicium, denn so übersetzt er die „Feld­kieker“, jene langen, geraden, dicken Würste der Fritzlarer Gegend, welche zu seinen Accidenzien gehörten. Daneben wußte der gleiche Pfarrer (Vikar), wie man aus seinem noch erhaltenen Tagebuche sieht, sich noch andere Erwerbsquellen unbeschadet seinem geistlichen Amt zu eröffnen. So kam er durch die Hopfengärten am Bürberge auf die Idee, besonderen Fleiß auf das Bierbrauen zu verwenden; an Festtagen und bei Prozessionen war denn das Geschäft am ergiebigsten, wurde aber leider wie auch noch heutzutage durch die Ungunst des Wetters hier und da beeinträchtigt, so z. B. an je­nem zweiten Ostertag. Da war das Wetter zwar sonst gut, aber doch so kalt, daß das Bier nicht ganz getrunken wurde. Erfreulicher gestaltete sich die Sache am 3. Ostertag, denn da kamen die Bewohner des benachbarten Dorfes Ungedanken und tranken das Bier rein aus (sed tercia feria illi de Ungedanken biberunt totum).

      Im 30jährigen Kriege wurde die längst baufällig gewordene Bürberger Kirche endlich ganz zerstört, und zwar von den Hes­sen, welche sich dadurch an den Ligisten für die Einäscherung protestantischer Kirchen rächen wollten. Die Glocken der Kirche befahl Landgraf Wilhelm nach Niedenstein zu bringen, weil Tilly dort, wie üblich, gesengt, gebrannt und das Kirchengut samt den Glocken mitgenommen hatte. Die Landgräfin Amalie Elisabeth gab die Glocken vom Büraberge jedoch durch einen besonderen Befehl im Jahre 1649 dem Stift Fritzlar zurück.

      Seit dieser Zeit lagen auf dem Berge nur noch Steine und Schutt, die Trümmer seiner alten Herrlichkeit, und der Gottesdienst, der bis dahin dort gehalten war, wurde nach Ungedanken verlegt. Nun hätte man vielleicht bei dem Interesse, welches die Ein­wohner dieses Ortes, wie berichtet, an dem zeitigen Wohlergehen ihres Pfarrers auf dem Büraberg an den Tag zu legen pflegten, erwarten können, daß sie ihr Wohlwollen auch der Kirche und ihren Resten zuwenden würden. Es war das leider nicht der Fall. Sie benutzten die Trümmer der Kirche als Steinbruch und führten öfters „einige dapfere Steine von dem Bürberge“, wie sie gele­gentlich vor Gerichte zugestehen mußten.

      Während die Ansiedlung auf dem Büraberg mit der Kirche, dem einstigen Bischofssitz mehr und mehr gesunken war, bis sie endlich ganz verschwand, hob sich die Rivalin Fritzlar von Tag zu Tag. Ihr schon im Jahre 732 von Bonifaz gegründetes Bene­diktinerkloster, dessen erster Abt der heilige Wigbert war, wurde reicher und reicher und die mit ihm verbundene Schule stieg zu hoher Berühmtheit. Zwar war die Stadt im Jahre 774 durch die Sachsen zerstört worden, nur die Kirche hatte damals dem Feuer widerstanden, an deren Mauer man noch einen toten Sachsen mit dem Feuerbrand in der Hand in hockender Stellung fand - aber schon 12 Jahre später konnte dort in feierlicher Versammlung der dritte Erzbischof von Mainz gewählt werden, hier sammelten sich am 14. April 919 die deutschen Großen zur Königswahl und riefen jenen Heinrich zum König der Deutschen aus, der das Land von den Einfällen der Ungarn befreit hat, Kaiser Otto 1. hielt hier eine glänzende Reichsversammlung und auch die späteren Kaiser verweilten oft daselbst. Heinrich IV. übergab die Stadt dem Erzstift Mainz, was jedoch zunächst für dieselbe übele Folgen hatte, denn der Gegenkönig Rudolph belagerte sie mit den Sachsen und brannte alles nieder. Nicht besser ging es Fritzlar im 13. Jahrhundert, als der Landgraf Konrad von Thüringen mit dem Erzbischof in Fehde lag.

      Geraume Zeit hatte die Stadt dem Landgrafen widerstanden, und man gedachte die Belagerung aufzuheben; schon ertönten die Hörner zum Aufbruch, als der Hohn, welcher den abziehenden Thüringern von der Besatzung gezeigt wurde, das Blättlein wandte. Die Verteidiger waren nämlich auf die Mauer gelaufen, zündeten „etliche Fackeln und strowische an, (und) Leuchteten dem Landgrauen Zum abzug“, so erzählt der um drei Jahrhunderte später lebende Chronist Lauze und führt hiermit den Beweis, daß der Begriff "Heimleuchter" nicht etwa neueren Datums ist. Hierzu kam noch das Benehmen der Damen, welche die mainzi­schen Ritter aus dem Rheingau nach Fritzlar begleitet hatten, und das keineswegs von besonders guter Erziehung zeugte: kurz, der Landgraf kehrte wutentbrannt um, die Stadt wurde von neuem berannt, erobert und gänzlich verbrannt (14. September 1232). Die weitere Geschichte der Stadt kann hier nicht mehr berücksichtigt werden: Jahrhunderte war sie die mainzische Vor­mauer gegen Hessen, die Vorburg, von der alle Unternehmungen gegen die Landgrafen ausgingen, die ihrerseits wider von dem festen Gudensberg den rastlosen Gegner im Schach zu halten suchten. 

                                                                                                                                                                             (wird fortgesetzt)

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