Vorbemerkung

Die vorliegende aktuelle Untersuchung des Zeithistoriker Thomas Schattner aus Wabern beschäftigt sich mit einem Aspekt der täglichen Realität in der nordhessischen Kleinstadt während der Zeit der nationalsozialistischen Parteien-Herrschaft. Die geschilderten Vorgänge, die in uns heute Verwunderung, Erschrecken und Entsetzen auslösen, entbehren aber u. U. angesichts auch derzeit zu beobachtender täglicher merkwürdiger Vorkommnisse nicht eines etwas mulmig machenden Wiedererkennungsgefühls, worüber sich nachzudenken lohnt.

Antisemitisches Denunziantentum in Fritzlar 1935/1936

Thomas Schattner

Aus Akten der NSDAP-Ortsgruppenleitung Fritzlar, die sich im Marburger Staatsarchiv befinden, geht hervor, dass es auch in Fritzlar Mitte der 1930er Jahre ein hohes Maß an politischem Denunziantentum in nationalsozialistischer Zeit gab. Exemplarisch soll dies hier am Beispiel des Verhältnisses zwischen den jüdischen Mitbürgern und ihren deutschen Nachbarn aufgezeigt werden. 

Schließlich gab es Mitte der 1930er Jahre noch zahlreiche Beziehungen zwischen diesen beiden Personengruppen. Diese Kontakte wurden von Parteigenossen und überzeugten Nationalsozialisten eifrig ausspioniert und an die Fritzlarer Ortsgruppenleitung unter Ortsgruppenleiter Konrad Schminke (Ortsgruppenleiter von April 1932 bis Februar 1937) gemeldet. Diese bilden somit exemplarisch im Kleinen das Denunziantentum im NS-Staat ab, welches fundamental für die NS-Diktatur war. Denn nicht die Gestapo war in diesem Staat allgegenwärtig, sondern die Nachbarn, die Mitbürger, die Kollegen, ja, mitunter Freunde und Familienmitglieder, die enorm zahlreich Meldungen an die lokalen und regionalen Machthaber machten. Dies war eine neue Qualität, wie sie der kanadische Historiker Robert Gellately bereits in seiner im Jahr 1993 erschienen Studie „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft, Die Durchsetzung der Rassenpolitik 1933 bis 1945“, dargestellt hatte. Dort schrieb er u.a.: „Freiwillige Mitarbeit der Bevölkerung bei der Denunziation politischer Gegner hatte es auch schon früher und in anderen Ländern gegeben, aber in Hitlers Deutschland war sie so gut organisiert, ´daß Agenten für diese Zwecke sich fast erübrigten´“. 

Dieses Muster lässt sich auch in der Domstadt wie in einem Brennglas bespielhaft erkennen und nachvollziehen. Dazu sollen im Folgenden einige Beispiele aufgezeigt werden. Der Fritzlarer Bürger E.H. z.B. formulierte seine Beobachtungen über einen verbotenen Viehhandel zwischen Juden und Deutschen schriftlich, um sie der Ortsgruppenleitung zur Verfügung zu stellen. Er ging am Abend des 2. Juli 1935 gegen 21.00 Uhr zusammen mit einem Verwandten, Herr K.B., zu seinem Garten am Haddamarschen Feldweg zu Fuß. Dort beobachtete er folgendes: „Hier bemerkten wir, dass der Jude, Viehhändler Josef Speier [1879 bis 1954, Flucht im Jahr 1936 nach Südafrika] aus Fritzlar, eine Kuh in Richtung Haddamar führte. Kurz darauf bemerkten wir darauf einen Motorradfahrer mit Sozius aus Richtung Fritzlar kommen. Als der Motorradfahrer in Nähe des Juden angekommen war, hielt er an. Die Soziusfahrer übernahm das Stück Vieh und führte [es] in Richtung Haddamar weiter. Der Jude ging zur Stadt zurück. Die Personalien der beiden Fahrer konnte ich leider nicht feststellen“. Stattdessen merkte sich der Schreiber das Kennzeichen des Motorrads, um es später zu melden. Sein Brief an die Ortsgruppenleitung schließt mit folgender Überlegung: „In Anbetracht dessen, dass es sich hierbei vielleicht um Parteigenossen oder S.A.-Männer handeln könnte, bitte ich um Untersuchung dieses Falles“.

Die Fritzlarer Ortsgruppenleitung reagierte drei Tage später mit einem Schreiben an ihr Wildunger Pendant umgehend. In dem Schreiben heißt es: „Ich habe die Beschwerde eines SA-Scharführers vorliegen, wonach ein Motorradfahrer mit Sozius, Nr. IT 76 371, Helferdienste bei einem Viehhandel mit Juden geleistet hat. Da die beiden Motorradfahrer hier unbekannt sind, bitte ich von dort aus die Namen der beiden Fahrer festzustellen und gegebenenfalls, wenn die beiden Fahrer Parteigenossen sind, von dort aus das Weitere zu veranlassen“. 

Wie die Fritzlarer Ortsgruppenleitung generell solche Informationen verarbeitet, zeigt ein Schreiben vom 25. März 1936 an die lokale Gestapo. Diese wurde schriftlich auf der Basis des Hörensagens zum Handeln aufgefordert. „Wie mir mitgeteilt wird, soll der Kaufmann Max Gutheim [1894 bis 1949, Flucht im Jahr 1936 in die USA], Fritzlar, gestern mit verschiedenen Personen im Gartengässchen längere Unterredungen geführt haben. Ich halte dafür, dass G.[utheim] beobachtet wird“. 

Interessant an beiden Fällen ist im Weiteren, dass der Denunziant auch gleich der Ortsgruppenleitung einen Vorschlag macht, wie in diesen Fall weiter verfahren werden soll und die Ortsgruppenleitung sofort ohne weitere Prüfung der Sachlage aktiv wird.     

Das gilt auch für einen weiteren Fall. So setzte Ortsgruppenleiter Konrad Schminke am 31. Juli 1936 den Kaufmann Heinrich Kraft in Fritzlar mit einem Schriftstück unter Druck, welches wie folgt eingeleitet wurde: „Gelegentlich einer Rückfrage bezl. Ihrer Konzessionserteilung stelle ich fest, dass nach wie vor in Ihrem Geschäft Juden ein- und ausgehen und mit besonderer Höflichkeit bedient werden. Soweit es [s]ich nicht um Teilnehmer an der Olympiade handelt, muss ich Sie, insbesondere als SS-Mann auf die Verfügung des Stellvertreters des Führers aufmerksam machen, und lasse es vorläufig bei diesem Hinweis“. 

Wie die Berichte der Bürger durch Ortsgruppenleiter Schminke auch sprachlich verarbeitet wurden, zeigt ein anderer Brief, welche an die Ortsgruppenleitung in Bad Wildungen am 31. Juli 1936 gerichtet war, schon in der Einleitung: „Wie ich feststellen konnte […]“. Inhaltlich geht es darum, dass der Wildunger Händler Ernst Stracke Fleisch, wahrscheinlich Hinterviertel, vom jüdischen Metzgermeister Adolf Kleinberger (Jhg. 1889, Flucht noch im Jahr 1936 nach Südafrika) aus der Domstadt bezog. Nahezu logisch erscheint das Ende der Mitteilung: „Ich bitte um Kenntnisnahme und entsprechende weitere Veranlassung“. 

Aber auch die Kreisleitung der NSDAP Fritzlar-Homberg machte sich die zahlreichen Eingaben der Bürger zu Nutze. Erneut steht dabei das Metzgerhandwerk im Zentrum. Am 17. November 1936 schrieb NSDAP-Kreisleiter Karlheinz-Exter (1902 bis 1972) an die Fritzlarer Ortsgruppe wegen eines christlichen Metzgermeisters, da dieser Wurstdärme von einem jüdischen Zulieferer aus Bad Wildungen, Franz Katz, bezogen haben soll. Eingeleitet wird das Schreiben mit der Formulierung, “es wird mir bekannt, […]“. Exter endete dann wie folgt: „Ich bitte, wenn möglich, hierüber Feststellungen zu treffen und über das Ergebnis zu berichten. Es wäre ein unmöglicher Zustand, wenn etwa die Truppe in Fritzlar und die dortige Bevölkerung mit Wurst beliefert würde, deren Umhüllung von Juden stammt“. Da es in Fritzlar damals drei Metzgermeister mit dem Nachnamen Vaupel gab, erfolgten Recherchen, welcher davon nun der Betreffende sei. Im Dezember 1936 war dann klar, dass es sich um Franz Vaupel handelte. Darüber hinaus war von der NSDAP-Kreisleitung geplant gewesen, den Fritzlarer Metzger in Julius Streichers Hetzorgan „Der Stürmer“ bloßzustellen. Dies scheiterte aber aus technischen Gründen.  

Diese wenigen und nur auf den jüdischen Kontext bezogenen Beispiele, weitaus mehr sind überliefert, zeigen, dass der NS-Staat wider aller Goebbelschen Propaganda nicht ausschließlich stringent und hierarchisch von Oben nach Unten durchorganisiert war. Im Gegenteil, die Basis im Lokalen bildete das Fundament des NS-Staates. Ihr Wille, sich den Parteistellen in vorauseilendem Gehorsam anzutragen, war ein wesentlicher, vielleicht sogar der wichtigste, Bestandteil der NS-Diktatur.     

Die ausgewerteten Marburger Archivalien wurden im Jahr 1945 durch ein Mitglied der NSDAP dem Fritzlarer Stiftsarchiv übereignet. Dort schlummerten die Dokumente - passend zum Thema - Jahrzehnte vor sich hin, ehe sie im Dezember 2007 vom katholischen Pfarrarchiv Fritzlar an das Bistumsarchiv Fulda übergeben wurden. Von dort wurde der Bestand im Jahr 2008 an das Marburger Staatsarchiv abgegeben. Der Bestand endet mit den letzten Archivalien im Jahr 1939.

 

Quellenverzeichnis:

HStAM Best. 327/6, Nr. 6, NSDAP-Ortsgruppe Fritzlar, hier: Politische Bespitzelung und Denunziantentum 1935/36,

Paulgerhard Lohmann, Hier waren wir zu Hause, Die Geschichte der Juden von Fritzlar 1996 bis 2000, Norderstedt 2002.

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