Vorbemerkung

Es gehört wohl zu den Eigentümlichkeiten jedweder Herrschaft, die sich als "epochal" verstehen möchte, daß sie allerleier Symbole, Zeichen oder Denkmäler bedarf, die den Anspruch ihrer Stabilität, Dauerhaftigkeit und Rechtmäßigkeit in der Tradition sucht, u. U. auch göttlicher oder wenigstens möglichst ruhmreicher Vergangen-heit. Das Phänomen ist schon in antiken Kulturen  durchweg gängig und offenbar über die ganze Welt verbreitet. Das gilt, wie der Autor berichtet, auch für das 3. Reich (das sich zunächst selber gar nicht so bezeichnete), dem der Anspruch auf 1000jährigen Bestand innewohnte. Offenbar war aber den handelnden Personen aber ihre eigene be-grenzte Lebenszeit schon durchaus bewusst, weswegen man in den tätsächlichen 12 Jahren sich sogleich bemüht hat, möglich viele "Pflöcke einzuschlagen". Dazu gehören die "Thingstätte" auf dem Heiligenberg bei Gensungen, der run-de Bergfrid-artige Turm auf der Homberger Burg, allerlei Freilicht-Theaterbühnen und andere architektonische Objekte auch in Nordhessen.
      Dabei geriet das 1886 entdeckte Galeriegrab von Lohne/Züschen schon früh in den Blick der neuen Protagoni-sten, was auch mit der relativ regen Vorgeschichtsforschung im Kasseler Umfeld nach Landgraf Carl, Boehlau, Eisen-traut, Kossinna, Jordan, Boley u. a. zusammenhängn dürfte. Das mag auch der Auslöser für die Idee gewesen sein, der legendären "Donar-Eiche" ausgerechnet in Züschen eine Gedenkstätte zu errichten, denn in der sonstigen, durchaus ernst gemeinten langjährigen Forschung ist niemals zuvor und danach eine These zu einem dortigen Standort geläufig gewesen.
      Das Projekt scheiterte bekanntlich, hier auch offenbar an einem typisch deutschen Problem: während man in anderen zeitgenössischen Diktaturen das Gelände wohl einfach enteignet hätte, sorgte man sich bei der SS ange-sichts der durch Hypothekenlasten bedingten wirtschaftlichen Situation um juristische und finanzielle wie soziale Folgen, vor denen man offenbar zurückschreckte. Die bürgerliche Gesellschaft existierte also doch noch.

NS-Kultstätte „Donar-Eiche“ - Ein SS-Projekt 1942/43 in Züschen

Von Thomas Schattner

Für faschistische Bewegungen ist der öffentliche Raum, den es aus ihrer Sicht, nahezu selbstverständlich zu beherrschen gilt, ein ganz wichtiges Element der Machteroberung und der sich im Idealfall anschließenden Machtsicherung. Das galt auch ganz besonders für den Nationalsozialismus. Zunächst beherrschten ihre braunen „Massen“ die Straßen, später wurde diese Tatsache durch das Erschaffen von Denkmälern, Kultstätten, ideologisierten Orten etc. flankiert und transformiert. Diese Orte bekamen fast immer eine mythische Aufgeladenheit zur eigenen Machtdemonstration, sodass aus faschistischer Sicht später in inszenierten Massenveranstaltungen vor der Kulisse solcher Orte eine perfekte Symbiose von Volk und Staat zelebriert werden konnte. Der öffentliche Raum wurde so bewusst gestaltet, denn dessen Funktion war die Visualisierung von Macht- und Ordnungsvorstellungen der Machthaber. Die Zugehörigkeit zur sogenannten Volksgemeinschaft wurde hier auf der einen Seite erfahrbar, auf der anderen Seite war es umgekehrt so leicht, diese zu kontrollieren. Dazu gehörten auch die Umbenennungen von Straßen. Nicht umsonst wurde in Fritzlar aus der Allee die Adolf-Hitler-Straße. Weitere Beispiele dafür finden sich auch z.B. in Borken und in Homberg. 

      Ein weitaus größeres und in die Umgegend ausstrahlendes Beispiel für die symbolische Besetzung des öffentlichen Raums findet sich im Kreisgebiet auf dem Heiligenberg bei Gensungen, auf dessen Basaltkuppe im Mai 1939 - und damit noch vor Kriegsbeginn - das Gauehrenmal für die Toten des Ersten Weltkriegs eingeweiht wurde. Aber es gab auch für den Raum Fritzlar Pläne einer Kultstätte, die sich auf Bonifatius und das Fällen der Donar-Eiche im Jahr 723 bezog.

      Im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde haben sich Archivalien aus den Jahren 1942 und 1943 erhalten, die dokumentieren, dass die SS (Schutz-Staffel des „Führers“ Adolf Hitler, 1889 bis 1945) und ihr Chef Heinrich Himmler (1900 bis 1945) persönlich spätestens seit Anfang 1942 ein großes Interesse daran hatten, das Gelände der Donar-Eiche ideologisch auszugestalten. Dies geschah unter Federführung des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes in Berlin und insbesondere vom persönlichen Stab Himmlers sowie in Person von ihrem Leiter, dem SS-Obergruppenführer und General der der Waffen-SS Oswald Pohl (1892 bis 1951). Des Weiteren war Rudolf Brandt (1909 bis 1948) als SS-Standartenführer in die Planungen involviert. Damit war das Projekt ganz oben in der nationalsozialistischen Hierarchie angesiedelt, denn Pohl war u.a. maßgeblich an der Organisation der Ermordung der europäischen Juden beteiligt. Während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse wurde er zum Tode verurteilt und am 7. Juni 1951 in Landsberg hingerichtet. Auch Brandt wurde im Nürnberger Ärzteprozess zum Tode verurteilt und am 2. Juni 1948 hingerichtet. Kriegsbedingt wurde das Projekt Ende September 1943 auf Eis gelegt, erst nach dem Sieg des nationalsozialistischen Deutschland im Krieg sollte es wieder aufgenommen werden. 

      Interessanterweise verlegten die Nationalsozialisten den historischen Ort der Donar-Eiche von Geismar bzw. Fritzlar nach Züschen auf das dortige Areal der in den Jahren 1894 bis 1898 errichteten Garvensburg. Gründe dafür sind aus den Archivalien leider nicht entnehmen. 

      Durch ein Schreiben von Pohl am Himmler mit der Anrede „Reichsführer!“ vom 4. September 1942 wissen wir aber, dass die SS das Gelände von Schloss Garvensburg bis zum Jahr 1945 gepachtet hatte und dass Pohl selbst dafür verantwortlich war. Deshalb ergab sich aus zeitgenössischer Sicht kein unmittelbarer Handlungsbedarf zur Umgestaltung des Geländes. Pohl verwies darauf, dass das Projekt bis Kriegsende zurückgestellt werden konnte. Gleichzeitig schrieb er: „Wegen der endgültigen Ausgestaltung des Geländes werde ich ihnen Entwürfe zur Genehmigung vorlegen“. In einem Schreiben vom 12. September 1943 von Brandt an Pohl wird deutlich, dass die SS „das Gelände der Donar-Eiche später einmal zu einem günstigen Zeitpunkt“ kaufen wird und dass Himmler den Plänen zur Ausgestaltung schon entgegensieht. Dass tatsächlich schon Pläne existierten, wird in einem Schreiben vom 16. September 1943 von Brandt an Pohl deutlich. Brandt fragte in diesem Dokument: „Hatten Sie vielleicht einen Besuch bei dem Reichsführer-SS benutzt, um diese Entwürfe persönlich vorzulegen?“ Aus Pohls Antwort an Brandt vom 29. September 1943 ist dagegen erkennbar, dass die Pläne „für die endgültige Gestaltung des Geländes der Donar-Eiche bei Fritzlar […] noch nicht fertiggestellt“ waren. 

      Bedingt durch die Lage an den Kriegsfronten stellten selbst die SS-Oberen das Projekt hintenan. Im gleichen Schreiben von Pohl an Brandt lesen wir: „Ich möchte vorschlagen, die Angelegenheit bis zum Kriegsende ruhen zu lassen, und dies schon deshalb, weil es bei dem heutigen Mangel an Arbeitskräften und Rohstoffen gänzlich unmöglich ist, während des Krieges irgendwelche Pläne durchzuführen. Auch dem Reichsführer möchte ich heute mit der Besprechung eines derartigen Entwurfes nicht kommen, da eine solche Ausgestaltung in Ruhe durchgesprochen werden muss und ich nicht weiss, ob es dem Reichsführer recht ist, wenn ich seine knappe Zeit jetzt hierfür in Anspruch nehme. Sollte der Reichsführer die Entwürfe schon in Kürze wünschen, so bitte ich um Nachricht“. Näheres über den verbleib der Pläne ist leider nicht bekannt.    

      So blieb es Züschen glücklicherweise erspart, sich in die Reihe mythologischer und antichristlicher Kult-Orte des Nationalsozialismus, wie z.B. dem zwischen 1934 und 1936 errichteten Sachsenhain in Verden an der Aller, einzureihen. Gerade in christlich und insbesondere in katholisch geprägten Gebieten versuchten die Nationalsozialisten solche Orte zu schaffen, um die religiöse Bindung der Bevölkerung zu brechen. Stattdessen sollte ideologisch an diffuse germanische Vorstellungen angeknüpft werden. 

      Aber nicht nur der Ort der Donar-Eiche war im Visier der SS, sondern passend dazu auch das Steinkammergrab bei Züschen. In der ur- und frühgeschichtlichen Abteilung des Hessischen Landesmuseums in Kassel existiert nach Dr. Johann-Henrich Schotten ein, in Fragmenten erhaltener, Schriftverkehr zum Thema. Federführend bei dieser Korrespondenz war Hans-Peter (Jean Pierre) des Coudres (1905 bis 1977, dem SS-Bibliothekar in der SS-Kultstätte Wewelsburg). Demnach hatte SS-Führer Heinrich Himmler auch erwogen, das Grab anzukaufen, was dann aber später aus unbekannten Gründen aufgegeben wurde.

 

Quellenverzeichnis:

BA, NS 19/1025,

E-Mail von Dr. Schotten an den Autor vom 11. März 2026, 

Marcel Glaser und Heinz Körner, Ein lebendiges Symbol des nationalsozialistischen Deutschlands? Der Heiligenberg bei Gensungen in der Zeit des Nationalsozialismus, in: ZHG, Band 130, 2025, S. 183ff., 

 Thomas Schattner, Jean-Pierre des Coudres: Ein Kasseler, der zum bedeutendsten SS-Bibliothekar im NS-Staat aufsteigen sollte, in: Verein zur Förderung der Gedenkstätte und des Archivs Breitenau e.V., Rundbrief Nr. 30, Kassel März 2011, S. 43ff. 

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