Schattner 2026 (H. Gassmann)

Heinrich Maria Georg Wilhelm Gassmann: Ein Fritzlarer PREAG-Mitarbeiter im Jahr 1942 zwischen Naivität, Realitätsferne und Übersensibilität

Von Thomas Schattner

Mit Gassmann haben wir es mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer der außergewöhnlichsten Charaktere der Fritzlarer Stadtgeschichte und der Borkener Kraftwerksgeschichte in der nationalsozialistischen Zeit zu tun. Allerdings haben wir bei ihm das Problem, dass es nur Quellen gibt, die aus der Perspektive der Anderen berichten, nicht aus seiner. Alles Wissen, was hier dargestellt wird, stammt aus Tätersicht oder ist aus Tätersicht gefiltert überliefert. 

Heinrich Gassmann wurde am 30. Oktober 1889 in Ditfurth (Kreis Quedlinburg, Sachsen-Anhalt) als Sohn des Sanitätsrats Dr. med. prakt. Arzt Carl „August“ Gassmann (1859 bis 1928) und seiner Ehefrau Veronica Lois (1862 bis 1931) geboren. Später schlug er sich als landwirtschaftlicher Arbeiter durch. Die meiste Zeit seines Lebens wohnte, lebte und arbeitete er in Fritzlar, da Gassmanns Vater bereits vor dem Ersten Weltkrieg in der Domstadt eine Arztpraxis betrieb. 

Seine Volksschulzeit absolvierte Gassmann von 1896 bis 1899 in Fritzlar. Nach dem vierjährigen Besuch der dortigen Rektoratsschule wechselte Gassmann auf die Gymnasien in Heiligenstadt (der Geburtsstadt seines Vaters) und in Warburg (Westfalen). Kurz vor dem Abitur verließ Gassmann jedoch aus Angst vor den Abschlussprüfungen die Schule, schon damals zeigte sich, dass Gassmann scheinbar psychisch labil und wenig belastbar war. 

Gründe hierfür könnten in seiner Kindheit liegen, denn Gassmann beschrieb seinen Vater als rechthaberisch, mitunter sehr jähzornig, der auch seine Kinder öfters verprügelte. Zudem war er nie mit Gassmanns schulischen Leistungen zufrieden, obwohl diese durchaus normal waren. Stattdessen beschimpfte ihn der Vater mit Begriffen wie „verkommenes Subjekt“ oder „verworfene Kreatur“, sodass Gassmann die letzten Schuljahre wie ein Martyrium vorkamen und sich Minderwertigkeitsgefühle in ihm ausbreiten konnten. Des Weiteren wurde Gassmann eventuell durch diesen Kontext überaus empfindlich und zurückhaltend, auch was zwischenmenschliche Beziehungen anging. Daher bleib Gassmann vermutlich auch zeitlebens ledig.

Nach der Schulzeit begann Gassmann eine Ausbildung in Kommern (Mechernich, Kreis Euskirchen) zum Apotheker. Doch nach nur wenigen Wochen brach er diese ab, um Landwirt zu werden. In der Mark Brandenburg und in Westfalen absolvierte er nun eine zweijährige diesbezügliche Ausbildung. 

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Gassmann als Verwalter und Inspektor auf verschiedenen Rittergütern und Domänen, hauptsächlich in Sachsen. Auffällig dabei war, dass er im Schnitt alle zwei Jahre seinen Arbeitsplatz wechselte. Möglicherweise liegen die Gründe dafür auch in seiner besonderen Biografie. Später half er viele Jahre seinem Bruder Josef in seiner Fritzlarer Gärtnerei mit angeschlossener Baum- und Rosenschule in der Kasseler Straße. Parallel dazu transportierte er in den Jahren 1938 und 1939 für einen benachbarten Fritzlarer Metzger Vieh, da er einen Führerschein besaß. 

Des Weiteren ist sicher, dass er im Jahr 1942 in Fritzlar in der Kasseler Straße Nummer 257 lebte und seit dem 17. Juni 1941 in Borken auf dem Kraftwerk der PREAG als Hilfsarbeiter beschäftigt war.

Bereits im Jahr 1939 geriet er wegen staatsfeindlichen Äußerungen ins Visier der Ermittler, das Verfahren gegen ihn wurde aber eingestellt. Allerdings wurde er ein halbes Jahr im Kasseler Untersuchungsgefängnis interniert, welches er erst im März 1940 verlassen konnte. Mittendrin war vom 15. Dezember 1939 bis zum 30. Januar 1940 in der Landesheilanstalt Marburg untergebracht. Denunziert hatten ihn, so Gassmann, sein Bruder Josef (1896 bis 1951) und dessen Dienstmädchen.  

Anfang des Jahres 1942 war sein Verhalten am Arbeitsplatz und während der Bahnfahrten von und zur Arbeit derart auffällig für seine Arbeitskollegen, dass erneut polizeilich gegen ihn ermittelt wurde, was ihn letztendlich Anfang März 1942 den Arbeitsplatz kostete. Und nicht nur den.

Protokolle, die im Marburger Staatsarchiv und im Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes in Kassel überliefert sind, übermitteln ein Bild von einem Mann, der sich immer wieder durch abfällige Äußerungen über Staat und Gesellschaft in Misskredit zum NS-Regime brachte und dabei mal naiv, mal realitätsfern erschien.

Zwei Beispiele, die ein Harler Arbeitskollege, mit dem er häufig zwischen Wabern und Borken mit dem Zug verkehrte, zu Protokoll gab, belegen exemplarisch Gassmanns Verhaltensauffälligkeiten. Als der Kollege eines morgens Gassmann in der Waberner Bahnhofsunterführung mit „Heil Hitler“ begrüße, war Gassmans Antwort „Guten Morgen“. Als der Kollege ihn darauf hinwies, dass es doch „Heil Hitler“ heiße, antwortete Gassmann mit den Worten „Das heißt Heil Scheiße“. Einige Tage später fuhren die beiden Kollegen mit dem Mittgaszug nach Hause. Etliche Luftwaffensoldaten saßen in dem Waggon, in den beide einstiegen. Während der Fahrt verließ Gassmann das Abteil und ging stattdessen auf die Plattform. Als ihn der Kollege später in Wabern auf sein Verhalten ansprach, antwortete dieser: „Ich kann diese blutrünstigen Menschen nicht sehen“. Inwieweit diese Schilderung tatsächlich die Darstellung des Arbeitskollegen darstellt, kann heute nicht mehr überprüft werden. 

Ähnlich wie der Harler Kollege Gassmanns äußerten sich vier weitere Arbeitskollegen bei einer Vernehmung am 7. März 1942 in Borken. „Es fiel uns auf, dass [Gassmann] in politischen Fragen ein komisches Benehmen zeige. Durch gelegentliche Äußerungen, welche er machte, konnte man feststellen, dass Gassmann staatsfeindlich eingestellt ist“. So machte er gegenüber einer Kollegin z.B. die Bemerkung: „Stalin hätte niemals den Krieg an Deutschland erklärt“. Ebenfalls konnten die vier berichten, dass Gassman bei der Sendung von Rundfunknachrichten stets aufsprang und den Speisesaal verließ. Zur Begründung hätte er gesagt: „Er wolle den Quatsch nicht hören, er dürfe ja den Auslandssender auch nicht hören“. 

Des Weiteren berichteten seine Kollegen: „Einmal als im Werk ein Betriebsappell stattfinden sollte, in welchem der Kreisobmann der Deutschen Arbeitsfront sprach, fiel auf, daß Gassmann verschwunden war. Nach langem Suchen wurde dann festgestellt, daß er sich auf der Toilette eingeschlossen hatte. Trotz wiederholter Aufforderung kam Gassmann nicht heraus […]“. Zur Begründung sagte Gassmann später, „seine Nerven seien ihm lieber, er wolle nicht ins Irrenhaus“.  

Da seine Kollegen ebenfalls zu Protokoll gaben, nicht mehr mit ihm zusammen arbeiten zu wollen, wurde Gassmann angeblich daraufhin am 8. März 1942 vom Arbeitgeber entlassen. 

Den Kern dieser Aussagen und Vorwürfe bestritt Gassmann in einer Vernehmung, die vermutlich ebenfalls am 7. März 1942 stattfand, erstaunlicherweise nicht. Er nivellierte einige Aussagen, konnte sich an vieles nicht erinnern, mehr nicht. Zu der Flucht vor den Soldaten im Zug sagte er z.B. aus: „Dies habe ich nur deshalb getan, weil ich den rauhen [sic.!] Kriegerton nicht vertragen kann […]. Ich kann diese blutrünstigen Menschen nicht sehen, als diese Soldaten für meine Begriffe zu sehr haarsträubende Kriegserlebnisse erzählten“. Andere Vorwürfe gegen ihn bestritt er nach dem von Repräsentanten des Staates erstellten Protokoll nicht einmal. 

Am 9. März 1942 wurde gegen Gaßmann Haftbefehl erlassen. Anschließend wurde er verhaftet und in die Untersuchungshaftanstalt in Kassel verbracht. 

Ein Sondergericht in Kassel verurteilte Gassmann am 20. Juni 1942 wegen Vergehens gegen das Heimtücke-Gesetz zu einem Jahr Gefängnis. In der Anklageschrift hieß es, dass er „im Zustande erheblich verminderter Zurechnungsfähigkeit fortgesetzt nicht öffentlich, jedoch böswillig gehässige, hetzerische und von niedriger Gesinnung zeugende Äusserungen über leitende Persönlichkeiten des Staates und der NSDAP über ihre Anordnungen oder die von ihnen geschaffenen Einrichtungen gemacht zu haben, die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben, […]“.

Die Gefängnisstrafe saß Gassmann im Gefängnis von Vachta (in Oldenburg) ab. Gleichzeitig wurde eine Unterbringung Gaßmanns in einer Heil- und Pflegeanstalt angeordnet, weil sich selbst wohl das Gericht unsicher war, was Gassmanns psychischen Zustand betraf. Andererseits ist auch typisch für das Regime und die Justiz im NS-Staat, dass psychiatrische Diagnosen nicht im heutigen Sinne verlässlich sind und auch zur Delegitimation politischer Gegner verwendet worden sind, was im vorliegenden Fall zutreffend sein könnte.

So kam Gaßmann am 19. März 1943 in die Heil- und Pflegeanstalt nach Haina (Waldeck-Frankenberg). Dort wurde er erst am 7. Mai 1945 entlassen, anschließend kehrte er nach Fritzlar zurück, wo er ironischerweise im Jahr 1946 entnazifiziert wurde.  

Ab dem Jahr 1951 versuchte Heinrich Gassmann, Wiedergutmachungsleistungen zu bekommen. Zuletzt lebte er in einem Altersheim in Jesberg. Gassmann verstarb am 22. Februar 1956 im Treysaer Hephata-Krankenhaus. 

Quellenverzeichnis:

Ancestry, Diverse Personenstandsdokumente, 

HStAM, Best. 180 Landratsamt Fritzlar, Nr. 2741,

LWV-Archiv, K 13, 1945/191.

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