Heinrich Karl Edmund Dietrich (1890 bis 1955): Studienrat, Dr. der Philosophie, Gegner der Nationalsozialisten und Bürgermeister Fritzlars 1945 - Ein Mann, der seiner Überzeugung in schwierigen Zeiten treu blieb

Von Thomas Schattner

Nach dem 30. Januar 1933 diente den Nationalsozialisten eine doppelte Taktik zur Machtsicherung. Einerseits sorgten Terror und Konzentrationslager für Einschüchterung und Abschreckung, andererseits verteilte das Regime Privilegien an „gleichgeschaltete“ Volksgenossen, denen im besten Fall später eine äußerst lukrative Reise im „Kraft durch Freude“-Programm winkte. Dazwischen gab es allerdings unendlich viele Grauzonen, in denen missliebige Personen eingeschüchtert, bedroht und vor allem auch in ihren beruflichen Werdegängen gefördert oder behindert werden konnten. Einer, der auf diese im Vergleich eher subtile Art und Weise vom Regime gemaßregelt wurde, war der Fritzlarer Lehrer und Doktor der Philosophie Heinrich Dietrich, über dessen Leben nicht allzu viel bekannt ist.

Dietrich wurde am 11. Februar 1890 als Sohn des Kaufmanns Heinrich Dietrich und seiner Ehefrau Anna, geborene Wieber, in Fritzlar im Haus B 5 geboren. Ob Dietrich ein Lehrerseminar oder eine Universität besucht hat, ist ebenso unbekannt, wie des Weiteren ob und wenn ja wo, er seinen Militärdienst absolviert hat. Sicher ist dagegen, dass nicht als Soldat aktiv in das Kampfgeschehen des Ersten Weltkrieges eingreifen musste, stattdessen diente er in der Heimat. Ebenso unbekannt ist das Jahr, in dem Dietrich in den Schuldienst kam. Vermutlich war dies aber erst dann der Fall, als die universitären Perspektiven ausblieben.

Dietrich heiratete am 15.  April 1922 in Oberhausen (Rheinland) Maria Christine Schnitzler. Die Familie lebte später im Grabengäßchen Nummer 10 bzw. im Jahr 1938 „Am Berge“ in Fritzlar, wo Dietrich ab dem Jahr 1924 mit einer Unterbrechung am Realgymnasium (heute König-Heinrich-Schule) bis zu seinem Tod unterrichtete. Dort eilte ihm der Ruf voraus, ein ausgezeichneter Pädagoge zu sein

Hier in der Domstadt engagierte sich Dietrich in den folgenden Jahren auch politisch, er stand auf Seiten der Republik von Weimar. Zunächst als Stadtverordneter, von 1929 bis 1933 saß Dietrich zudem auch als Mitglied der katholischen Zentrumspartei im Fritzlarer Magistrat. Dietrich galt in den Augen der Nationalsozialisten als geistige Stütze der Zentrumspartei. Des Weiteren war Dietrich Vorstandsmitglied im Verkehrs- und Verschönerungsverein seiner Heimatstadt aktiv.

Was nach der Machtübernahme der NSDAP mit Dietrich in Fritzlar geschah, geht nicht dem Detail aus den Marburger Archivalien der NSDAP-Ortsgruppe Fritzlar hervor. Dietrich muss aber nach seiner eigenen Wahrnehmung zutiefst gedemütigt worden sein, wenn ihm nicht gar weitaus Schlimmeres wiederfahren ist. Wir wissen aber, dass er im April 1933 einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP gestellt hat. Die Umstände selbst bleiben im Dunklen, der Antrag an sich war aber sehr folgenreich, wie sich wenige Jahre später herausstellen sollte.

Politisch verändert sich Dietrich nicht, er muss seinen Überzeugungen treu geblieben sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass er noch im Jahr 1936 oder 1937 den ehemaligen Landrat des Kreises Fritzlar Heinrich Treibert (1898 bis 1974, Landrat von 1929 bis 1932), ein Sozialdemokrat durch und durch, nach einer Zeugenaussage freudig mit den Worten auf dem Fritzlarer Postamt in aller Öffentlichkeit begrüßte: „Guten Morgen, wir bleiben immer die Alten, selbst im Wandel der Zeiten“. Es wird kein Zufall gewesen sein, dass Dietrich in diesen Fall den „Deutschen Gruß“ negierte.

Ende Januar 1938 wurde Dietrich zur Parteileitung der NSDAP in Fritzlar bestellt. Der Hintergrund: Sein noch immer nicht bearbeiteter Aufnahmeantrag in die Partei vom April 1933. Seinerzeit hatte Ortsgruppenleiter Konrad Schminke (1900 bis 1937) diesen Antrag abgelehnt bzw. nicht weitergeleitet, Dietrich davon aber nicht in Kenntnis gesetzt. So wurde Dietrich nun völlig überrascht, als ihm eröffnet wurde, es ginge um seinen Antrag, der nun aber erneut gestellt werden müsse. Er erbat sich einen Tag Bedenkzeit, kam aber bereits nach einer Stunde zurück und lehnte dieses Ansinnen ab. Als Grund gab er die Behandlung an, die ihm im Jahr 1933 zuteil geworden war, ohne diese näher auszuführen. 

Diese Reaktion passte ins Bild, welches die Parteileitung bereits zuvor über ihn gewonnen hatte und in einem Protokoll vom 2. April 1938 dokumentiert ist. Dort heißt es u.a.: „Tatsache ist weiter, dass sich D. seit der Machtergreifung keinerlei Verdienste um die Partei oder eine Gliederung erworben hat. Freiwillig habe ich ihn nie zu einer Veranstaltung gesehen oder darf erwähnen, dass er zu einer Wahlkundgebung vor einigen Tagen nicht erschienen war, obwohl ich sämtliche Behörden aufgefordert hatte, den Besuch dieser Wahlkundgebung für ihre Unterstellten zur Pflicht zu machen. Wie mir bekannt wird, hat der Leiter der Schule die Lehrer auf diese Anordnung hingewiesen, doch hat D. die Veranstaltung nicht besucht und zeigt damit wiederholt und auch heute, dass er der Volksgemeinschaft und ihren Veranstaltungen völlig interessenlos fern steht“. Das Protokoll schließt mit der Bemerkung, dass sich Dietrich damit das Misstrauen der Elternschaft seiner Schule zugezogen habe, „da sie kein Vertrauen mehr zu dieser Lehrkraft haben können“, stattdessen würden sie „in heutiger Zeit Lehrer“ sehen wollen, „die 100% in Ordnung sind“.     

Im Mai 1938 griffen nun als Reaktion auf die Vorgänge der letzten Monate die Rädchen im Machtappart der NSDAP Dietrich betreffend, die subtil daherkamen, aber mitunter wirksamer waren als die Anwendung von brutalster Gewalt. Die Kreisleitung der NSDAP in Homberg teilte Fritzlars Ortsgruppenleiter Ludwig Stegner am 5. Mai 1938 mit: „Dem Studienassessor Dr. Dietrich ist kein Geschichtsunterricht zu übertragen. Sein neuer Stundenplan ist mir vorzulegen. […] Dem Studienassessor Dr. Dietrich ist zu eröffnen, daß ich ihn bei nächster Gelegenheit im Interesse des Dienstes versetzten werde“. Den Vorgang insgesamt hatte die Kreisleitung unter Karl-Heinz Exter mit ihrem Schreiben vom 5. März 1938 an das Gaupersonalamt im Kassel initiiert. Dietrich wurde somit in Teilen mit Berufsverbot und Zwangsversetzung gedroht. Aus den Akten ist nicht ersichtlich, was ihn davon ereilte, sicher ist aber, dass es eine Unterbrechung in seiner pädagogischen Laufbahn gab, die vermutlich in diesem Kontext stattfand.

Leider ist nicht bekannt, wie Dietrich die nächsten Jahre der nationalsozialistischen Zeit überlebte. Zumindest körperlich muss er sie gut überstanden haben, denn schon kurz nach Kriegsende warteten große Aufgaben auf ihn.

Am 11. April 1945 wurde Heinrich Dietrich von der US-Besatzungsbehörde zum Bürgermeister der Stadt Fritzlar ernannt. Dieses Amt führte er bis zum Spätsommer 1945 aus, ehe Dr. Erich Schnitzler, der bereits von 1931 bis 1934 der Stadt als Bürgermeister vorstand, Dietrich am 19. September 1945 ablöste. Dietrich übernahm so die Geschicke der Stadt in einer der schwierigsten Phasen ihrer gesamten Geschichte. Dabei muss er großes Fingerspitzengefühl bewiesen haben, denn ein Zeitgenosse bilanzierte später seine Amtszeit wie folgt: „Für die Stadt muss er als glückliche Fügung angesehen werden, dass ein gebürtiger Fritzlarer mit den Amtsgeschäften betraut wurde. Seine Liebe zur Vaterstadt und seinem guten Einvernehmen mit der US-Behörde […] ist manche erleichternde Maßnahme seitens der Besatzung zu verdanken“. Dietrich hatte mit Major Dawes einen kongenialen Partner auf amerikanischer Seite gegenüber, „[…] der bemüht ist, in allen Dingen der Bevölkerung entgegenzukommen und ihr die schwere Lage zu erleichtern“, so der Zeitgenosse weiter.

Über Dietrichs Leben nach 1945 ist leider nichts Näheres bekannt. Wir wissen nur, dass er von 1946 bis 1949 versuchte, Wiedergutmachungsleistungen zu bekommen. Dietrich verstarb überraschend am 30. Oktober 1955 im Alter von 65 Jahren an akutem Herzversagen in Fritzlar.

Neben diesen facettenreichen Aspekten zum Alltag im Nationalsozialismus zeigt das Beispiel Dietrich auch, wie problematisch die herausragende Stellung der Mitgliedschaften in Partei und parteinahen Organisationen im Kontext der Entnazifizierung in der US-Zone war. Allein die Tatsache, dass Dietrich am 21. April 1933 den Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP stellte, besitzt keine sonderliche Aussagekraft wie der Kontext anderer Dokumente zeigt. Von daher sollten auch die jüngst im US-Nationalarchiv freigegeben NSDAP-Mitglieder-Karteikarten unbedingt mit der notwendigen Distanz und Kontextualisierung des Historikers betrachtet werden. Das wäre wohl eine Position, in der sich auch Dietrich vermutlich wiederfinden würde.

 

Quellenachweis:

Ancestry, Diverse Personenstandsdokumente,

Bürgermeisterchronik des Schwalm-Eder-Kreises, maschinenschriftlich, Homberg/Efze 1987,

Wilhelm Dietrich, Fritzlar - In den Jahren 1924 bis 1949, maschinenschriftliches Manuskript, Kopie im Besitz des Autors,

HHStAW, Best. 520/13, Nr. 1606,

HStAM, Best 327/6, Nr. 7,

StA Fritzlar, Anx, XV.2a.6a-Konv.26

Schreiben der NSDAP-Kreisleitung Fritzlar-Homberg an den Ortsgruppenleiter der Fritzlarer NSDAP Ludwig Stegner vom 5. Mai 1938 (HStAM, Best 327/6, Nr. 7)

Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP von Heinrich Dietrich vom 21. April 1933 mit der 1938 hinzugefügten Bemerkung „Kein Interesse“ (HStAM, Best 327/6, Nr. 7)

Traueranzeige für Heinrich Dietrich vom 1. November 1955 (Hessische Hessische Allgemeine vom 1. November 1955

Photo aus dem Bildarchiv Philipp Reinbold, Fritzlar

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