Vorbemerkung
Zur "Banalität des Bösen" gehört in jeder autoritäten bis totalitären Herrschaft auch eine weitgehende Kontrolle der Bevölkerung, wenn und wie es möglich ist, bis ins Private hinein. Mit der Entwicklung von Wissenshcft und Technik wird auch diese immer entwickelter d, h. ausgeklügelter und lückenloser sein. Uns ist heute seit 1989 der instituto-nelle und technisch-bürokratische Aufwand der "Staatssicherheit" in der DDR bekannt und geläufig. Wir müssen uns aber klar sein, daß diese nicht "auf der grünen Wiese" enstanden ist, sondern schon eine lange Vorgeschichte aufweist, die leider auch schon zuvor in Deutschland eine erschreckende Epoche durchlaufen hat (und auch diese war, wie anderswo auf der Welt, nicht ohne Vorgänger).
Wenn in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft neben rassisch, sozial und gesundheitlich geächteten Menschengruppen auch eine als besonders ideologisch kritisch zu betrachtende gab, dann waren das die einstmals konkurrierenden Kommunisten. Dabei wurde es, angesichts der bekannt gewordenen Vorkommnisse in der jungen Sowjetunion (s. Alexander Solzenitschin: Archipel Gulag), relativ leicht sie von der bürgerlichen Gesellschaft in einer Kleinstadt zu isolieren (Kontaktschuld!) und sie unter Kontrolle zu halten sowie einzuschüchtern, ohne zum Äußersten greifen zu müssen. Die vom Autor zusammengetragenen Beispiele bilden hier nur einen Einstieg in das Thema und beschreiben die derzeitige Kenntnislage.
Die „Warnkartei“ der Fritzlarer NSDAP-Ortsgruppe im Jahr 1936
Von Thomas Schattner
Zur Praxis und vermutlich auch zur alltäglichen Routine der NSDAP-Ortsgruppe Fritzlar gehörte das Führen einer sogenannten Warnkartei, die Notizen und Einschätzungen über „politisch unzuverlässige“ Bürger beinhaltete. Solche Warnkarteien sind auch aus anderen Ortsgruppen bekannt, dort wurden sie aber in eigener Sache geführt, „damit ein einmal als unfähig erkannter Politischer Leiter nicht mehr in das gleiche Amt eingesetzt werden konnte“, so der Historiker Carl-Wilhelm Reibel, der heute an der Frankfurter Goethe-Universität lehrt, im Jahr 2002.
Wir würden die Niederschriften in der Fritzlarer Warnkartei heute wohl am ehesten als Dossiers bezeichnen. Für das Jahr 1936 sind Abschriften aus dieser Kartei im Staatsarchiv in Marburg überliefert. Anhand dieser besitzen wir auch Kenntnis von kleinen kommunistischen Zirkeln, welche in der Stadt auch Mitte der 1930er Jahre noch vorhanden waren, da die betreffenden Personen im Vergleich zu anderen sehr ausführlich beobachtet wurden. Dieser Personenkreis wurden genauso überwacht, wie Kontakte der deutschen Bevölkerung zu ihren jüdischen Mitbürgern (s. gesonderter Beitrag zum Thema auf dieser Seite). Das Denunziantentum war also in mehrerlei Hinsicht fester Bestandteil der Fritzlarer Stadtgesellschaft Mitte der 1930er Jahre. Der bzw. die Autoren der Dossiers sind allerdings nicht namentlich bekannt. Aufgrund der unterschiedlichen Rechtschreibung dürften aber die Einträge in verschiedener Autorenschaft liegen.
Einer dieser „politisch unzuverlässigen“ Stadtbewohner war der bekennende Kommunist Franz Ferdinand Götte (in den Marburger NS-Akten und im Einwohnerbuch von 1938 mit zwei „dd“ - Gödde - geschrieben). Vermutlich wurde der spätere Bergmann Götte am 13. Januar 1903 in Dortmund geboren. Wann er nach Fritzlar kam, ist unbekannt. Wir wissen aber, dass er am 24. März 1928 in Fritzlar Karolin(a)e Katharina Wiehl (geboren am 6. Januar 1903 in Fritzlar) heiratete, wo Franz und seine Ehefrau auch vor der Ehe schon ihren Lebensmittelpunkt hatten. Später lebte das Ehepaar in der Münsterstraße C 60 in der Domstadt.
Nach der „Warnkartei“ war Götte innerhalb der KPD bis zu deren Auflösung Ende Februar bzw. Anfang 1933 sehr aktiv und darüber hinaus auch später noch immer voller kommunistischer Überzeugungen. „Nach der Machtübernahme hat sich Gödde nicht etwa umzustellen versucht, und hat sich auch keine Mühe gegeben, sich mit dem nationalsozialistischen Ideengut vertraut zu machen. Er steht nach wie vor dem Staate Adolf Hitlers anscheinend interessenlos, nach meiner Überzeugung auch sehr staatsfeindlich gegenüber. Die Tatsache, dass Gödde in sich fast ausschließlich im Kreise der ehemaligen Kommunisten bewegt und dass sehr oft zu später Nachtstunde bei ihm noch Licht erblickt wird und der Radioapparat noch eingestellt ist, dürften Beweis genug für vorstehende Annahme sein. Gödde verweigert den ´Deutschen Gruß´. Er hat einen Einfluss auf eine große Anzahl Arbeiter, was dadurch bewiesen wird, dass von den Arbeitsstellen zurückkehrende Arbeiter sich mit ihm sehr angeregt und lange unterhalten“, so der Eintrag in seine Kartei nach bester Spitzel- bzw. Gestapo-Manier mit Mutmaßungen, Unterstellungen, Denunziationen und Verdächtigungen ohne konkrete Beweise für die Aussagen zu erbringen.
Wo Götte als Bergmann arbeitete, konnte nicht mehr geklärt werden. Götte wurde nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs gezogen und schließlich zu Beginn des Jahres 1944 ein Opfer dieses irrsinnigen Krieges. Am 2. Februar 1944 fiel er bei Luga/Pleskau (in der Nähe von St. Petersburg, Russland) an der Ostfront.
Ebenfalls ins Visier der NSDAP geriet der gebürtige Züschener Albert Dobler, der am 30. Januar 1904 im heutigen Fritzlarer Ortsteil Züschen als Sohn des Oberschweizer Joseph Dobler und seiner Ehefrau Hulda Albertina Schöneck geboren wurde. Joseph Dobler war Schweizer Abstammung, was sich auf seine Nachfahren übertrug. Albert Dobler lebte später im Seidner Beutel in der Domstadt. Zur Familie gehörten neben seiner Ehefrau Sophie Brede, die Dobler am 20. März 1926 in Oberzwehren geheiratet hatte, noch die beiden Söhne Hans (1926 in Oberzwehren geboren) und Heinz (1927 in Fritzlar geboren). Von Hans wissen wir nur, dass er von 1940 bis 1944 in Kassel bei der „Federstahl AG“ beschäftigt war und in Fritzlar lebte. Auch Heinz war im Jahr 1942 noch in Fritzlar gemeldet.
Vater Albert Dobler war ebenfalls Kommunist und von Beruf Steinbrucharbeiter. Über ihn hielten die Fritzlarer Nationalsozialisten folgendes fest: „Nach der Machtübernahme nahm Dobler zunächst regen Anteil an den Geschehnissen des nationalen Umbruchs, d.h. jedoch nicht, dass er sich aktiv beteiligte. Er grüßte mit dem deutschen Gruß. Seit ca. ½ Jahr ist Dobler Busenfreund des ehemaligen Kommunisten Gödde. Von dieser Zeit ist Dobler wie umgewandelt. Mir gegenüber ist er äußerst verschlossen geworden. Es besteht kein Zweifel, dass Gödde ihn beeinflusst. Dobler kann dadurch, dass er Vorabeiter in dem Steinbruchbetriebe von A. Melato [Alfred Melato war von März bis April 1932 NSDAP-Ortsgruppenleiter und im März 1945 stellvertretender Bürgermeister] in Fritzlar ist und somit einen gewissen Einfluss auf eine Masse auszuführen imstande ist, besonders gefährlich werden“.
Dobler arbeitete später von April 1942 bis Juni 1944 bei der Firma „Gebrüder Credé & Co.“ in Kassel in ihrer Waggonfabrik. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging Dobler in die Schweiz, wo er im Jahr 1948 wohl in Zürich lebte.
Der dritte Kommunist, den die Fritzlarer Ortsgruppe unter Beobachtung stellte, war der Arbeiter Max Seifert(h), der im Jahr 1938 im Alten Hof D 140 wohnte. Vermutlich handelte es sich hierbei um Max Hermann Seifert, der am 14. Dezember 1891 in Ernstthal (Kreis Hildburghausen, Thüringen) geboren wurde. Er heiratete am 16. Oktober 1920 in Fritzlar die Arbeiterin Maria Bauer, die am 10. Juni 1900 geboren in Geismar wurde. Max und Maria wohnten zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits in Fritzlar. Auf dem Heiratsregistereintrag wird Seifert(h)s Beruf noch als Landwirt angeben.
„Seifert war bis zur Machtübernahme eingeschriebenes Mitglied der K.P.D., im März 1933 wurde bei ihm die Sowjet-Fahne und 10 bis 12 derselben Fahnenwimpel durch die SA aus seiner Wohnung geholt. Seifert ist heute sehr verschlossen und verkehrt auch ausschliesslich nur mit seinen früheren Genossen (Bedarf besonderer Beobachtung)“, so eine Aktennotiz in der Kartei über ihn.
Aber auch deutschnational eingestellte Persönlichkeiten fanden ihren Niederschlag in der „Warnkartei“. Ein Beispiel dafür ist der Schriftsteller Horst Jacob Bodemer (1875 bis 1943), der in der Kartei fälschlicherweise als Ernst Bodemer bezeichnet wird (s. auch gesonderter Beitrag zu Bodemer auf dieser Seite).
Über Bodemer lesen wir in seinem „Dossier“: „B. war vor der Machtübernahme als hiesiger Gegner des Nationalsozialismus bekannt und zeigte sich sehr noch in jeder Weise als Gegner der Bewegung. B. hält es nicht für nötig, den Deutschen Gruß zu erwidern [sic.]. Nach Beobachtungen hält er evtl. Verbindungen mit Deutschnationalen-Kreisen aufrecht“.
Der kanadische Historiker Robert Gellately schrieb im Jahr 1993 in seiner Studie zur Rolle der Gestapo in der deutschen Gesellschaft: „Man sollte nicht vergessen, daß die Bevölkerung bei ihrer eigenen Überwachung eine Schlüsselrolle spielte und dazu beitrug, die blutigen Verbrechen des Regimes zu ermöglichen“. Zumindest ersteres lässt sich anhand der ausgewerteten Marburger Archivalien wie in einem Brennglas in der Domstadt beobachten. Fritzlar bildete diesbezüglich trotz der sehr starken konfessionellen Bindungen an die katholische Kirche leider keine Ausnahme.
Quellenverzeichnis:
Ancestry, Diverse Personenstandsdokumente,
Arolsen Archives, Diverse personenbezogene Dokumente,
Einwohnerverz. für den Kreis Fritzlar-Homberg, Ausgabe 1938, Betzdorf o.J.,
Robert Gallately, Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft, Die Durchsetzung der Rassenpolitik 1933 bis 1945, Paderborn u.a. 1993,
HStAM, Best. 327/6. Nr. 7,
HStAM, Best. 910, Nr. 1148,
HStAM, Best. 910, Nr. 10559,
Carl-Wilhelm Reibel, Das Fundament der Diktatur: Die NSDAP-Ortsgruppen 1932 bis 1945, Paderborn u.a. 2002.
Zur Abbildung:
Trotz aller Repressalien gelang es den nationalsozialistischen Machthabern in Fritzlar nicht, gänzlich kommunistische Widerstandsaktionen zu verhindern. Die Tagesmeldung der Kasseler Gestapo an die Zentrale in Berlin vom 27. November 1936 in Berlin zeigt ein solches Beispiel (Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED in Ost-Berlin, IML St 3/849)
Zur Abbildung:
Trotz aller Repressalien gelang es den national-sozialistischen Machthabern in Fritzlar nicht, gänzlich kommunistische Widerstandsaktionen zu verhindern. Die Tagesmeldung der Kasseler Gestapo an die Zentrale in Berlin vom 27. November 1936 in Berlin zeigt ein solches Beispiel (Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED in Ost-Berlin, IML St 3/849)