Vorbemerkung
Die Aufarbeitung der NS-Zeit in Fritzlar erfolgte bislang überwiegend unter dem Aspekt der ideologisch verursach-ten antisemitischen Ablehnung, Diskriminierung, Verfolgung und "Ausmerzung" der jüdischen Mitbürgerschaft. Die Erkenntnisse zu dieser Thematik verdanken wir vor allem dem ehem. Pfarrer Paulgerhard Lohmann wie dem (nicht verwandten) Ehepaar Dagmar und Clemens Lohmann M.A. Dabei blieb eine Untersuchung der "Gegenseite" zumeist im Unverbindlichen stecken, da Verwandtschaften, Freundschaften, Bekanntschaften und/oder Kollegialität evtl. zu unangenehmen Störungen im kleinstädtischen Gefüge hätten führen können, solange dis Erinneungen nicht ver-blasst oder betroffende Zeitzeugen noch aktuell benachbart oder anderweitig verbunden waren. Daher ist die vorliegende, erste gewissenhafte Untersuchung des Autors nur als Einstieg in dieses Thema zu verstehen, Letztlich, denn die Epoche ist nun wirklich zwei Menschenalter her, bedeutet das auch doch einen Beitrag zum allmählichen Übergang in die Historisierung der Ereignisse.
Zur Geschichte der NSDAP-Ortsgruppe Fritzlar
Thomas Schattner
Carl-Wilhelm Reibel bezeichnete bereits im Jahr 2002 die NSDAP-Ortsgruppen in seinem gleichnamigen Buch als „das Fundament der Diktatur“. Sie „ermöglichten eine wirksame Kontrolle und Überwachung der Bevölkerung und bildeten einen wichtigen Teil des NS-Unterdrückungsapparats“, so der Autor. Besonders in der Person von Alfred Melato kann dies am Beispiel der Domstadt im Folgenden aufgezeigt werden. Umso erstaunlicher ist es, dass bisher die NSDAP-Ortsgruppe Fritzlar - und nicht nur diese - in der lokalen historischen Forschung nur sehr marginal betrachtet wurde. Ansatzweise soll dieser Beitrag diese Lücke in der Regionalgeschichte beleuchten.
Es gab Orte im Kreisgebiet, in denen ein Ortsgruppenleiter der NSDAP die gesamte nationalsozialistische Diktatur im Amt waren. Wabern mit Karl Sämmler (1895 bis 1945) wäre ein solches Beispiel. Sämmler amtierte von 1930 bis 1945 durchgehend. Ganz anders stellte sich die Situation der Ortsgruppe in Fritzlar dar. Allein zwischen 1930 und 1939 wechselte der Posten in der Domstadt fünf Mal, Kontinuität sah anders aus. Die Gründe dafür sind unbekannt. Lediglich bei Konrad Schminke kann vermutet werden, dass er aus gesundheitlichen Gründen sein Amt zur Verfügung stellte, da er wenige Wochen später verstarb.
Erstmals gründete sich in Fritzlar wohl im Dezember 1930 eine NSDAP-Ortsgruppe, die von Wilhelm Braune, andere Quellen sprechen vom Kaufmann Otto Braune, geleitet wurde. Diese wurde wenig später aus unbekannten Gründen durch den Stabsleiter Friedrichs, Adjutant von Gauleiter Karl Weinrich (1887 bis 1973), aufgelöst. Erste Veranstaltungen der NSDAP in Fritzlar sind aber bereits zu Beginn des Jahres 1930 nachweisbar, so z.B. am 25. Januar und am 9. Februar 1930.
Erst am 1. März 1932 erfolgte eine Neugründung mit 36 Mitgliedern. Ende April 1932 beschloss die Ortsgruppe die Anschaffung einer Ortsgruppenfahne (Einweihung am 6. Mai 1932) und etwa zeitgleich den Kauf eines Siegels. Somit bestand die Ortsgruppe nun auch offiziell seit dem Frühjahr 1932 erneut. Ihr stand der Steinbruchpächter und spätere Steinbruchbesitzer Max Alfred Melato von März bis April 1932 vor, der wohl erst vor Kurzem der Partei beigetreten war und zunächst das Amt des stellvertretenden Ortsgruppenleiters ausgefüllt hatte.
Melato wurde am 3. November 1896 in Dittersdorf (Amtsberg, Erzgebirgskreis) als Sohn von Joseph Melato und seiner Ehefrau Minna Selma Müller geboren. Einen Teil seines Lebens verbrachte er in Chemnitz. In Kassel heiratete er am 6. März 1920 Anna Elisabeth Neumann (Jhg. 1897, im Oktober 1930 wurde die Ehe wieder geschieden). Im Jahr 1924 machte er sich in Weimar selbständig, ehe er wohl zu Beginn der 1930er Jahre nach Fritzlar kam.
Im Jahr 1933 wohnte Melatto in der Kaiserstraße Nummer 158 in Fritzlar, andere Quellen zeigen, dass er im gleichen Jahr in der Kasseler Straße wohnhaft war. Fünf Jahre später wohnte er im Hellenweg. Er war SA-Sturmbannführer, SS-Mitglied und Leiter des Amts für ständischen Aufbau. In seiner Funktion bei der SA leitete Melato auch den SA-Sturm Nummer 11 in Fritzlar, der im Jahr 1933 aus 16 Mitgliedern (Handwerker, Landwirte und Kaufleute) im Alter zwischen 20 und 40 Jahren bestand.
Melato war einer derjenigen Nationalsozialisten, die im Vorfeld des wilden Waberner Konzentrationslagers im Landerziehungsheim Karlshof im Sommer 1933 bis zu 150 politisch Andersdenke und jüdische Mitbürger auf Anordnung von Konrad Schminke, stellvertretender Landrat und Melatos Nachfolger im Amt des Ortsgruppenleiters, verhafteten. So war er z.B. bei der Verhaftung von Fritz Franke in Haldorf zugegen. „Vor dem PKW ging ein dicker, in SS-Uniform gekleideter Mann auf und ab, der - wie sich später herausstellte - der Steinbruchpächter Alfred Melato war. Nachdem sich mein Bruder für die Abreise fertigmachte, ließ sich mein Vater in eine heftige Debatte mit Melato ein, von der man befürchten konnte, daß es jederzeit zu einem Handgemenge kommen konnte“ (August Franke 1990 und 1993). Dieser Tatsache musste er sich im Jahr 1949 wegen Landfriedensbruchs juristisch stellen und anschließend eine dreimonatige Gefängnisstrafe absitzen.
Das Gericht sah es am 12. Februar 1949 als erwiesen an, dass Melato in Wabern eine zentrale Rolle gespielt hatte. „Er fuhr am Freitag zusammen mit dem stellvertr. Landrat Schminke im Auto von Fritzlar nach dem Karlshof. Es war dies bereits am Nachmittag des Freitag. Er entfernte sich dann wieder. Am Abend kam er nochmals mit Schminke nach dem Karlshof. Er sass im Vernehmungszimmer und hörte den Vernehmungen von mehreren Festgenommenen zu“, so das Gericht. Mehrere Zeugen der Ereignisse hatten das bestätigt.
Melato heiratet zu einem unbekannten Zeitpunkt erneut. Liesel Dettmar (1. Juni 1908 bis 17. Dezember 1995) wurde seine zweite Ehefrau. Melato verstarb bereits am 11. Februar 1956 und wurde auf dem Fritzlarer Friedhof am Geismarrain beigesetzt.
Auf Alfred Melato folgte Franz Konrad Ernst Schminke als NSDAP-Ortsgruppenleiter, der von April 1932 bis Februar 1937 das Amt ausführte. Dazu war Schminke bis zur Vereinigung der Kreise Fritzlar und Homberg am 1. Oktober 1932 NSDAP-Kreisleiter im Kreis Fritzlar, anschließend wurde er stellvertretender Kreisleiter im Kreis Fritzlar-Homberg und stellvertretender Landrat des Kreises. Dazu hatte er im Jahr 1934 das Amt des Kreisamtsleiters für Kommunalpolitik des Kreises Fritzlar-Homberg inne.
Konrad Schminke wurde am 4. Dezember 1900 in Haldorf (Edermünde) als Sohn des Gutbesitzers Conrad Wilhelm Schminke und seiner Ehefrau Sophie Fehr geboren. Später war der Diplom-Landwirt als Stabsleiter bei der Landesbauernschaft in Kassel beschäftigt. Deshalb wohnte Schminke auch im Frühjahr 1937 in Kassel, nachdem er zuvor (1933) in der Allee (damals Adolf-Hitler-Straße) in Fritzlar gewohnt hatte. Schminke war verheiratet mit Edith Albertina Auguste Henrietta Kämmerer, geboren am 28. Oktober 1910 in Rostock, gestorben im Jahr 1976 in Emden.
Schminke war „der geistige Täter“ (Johannes Scherp 1945) bzw. „hauptverantwortlich“ (August Franke 1993) für das „wilde Konzentrationslager“ im Waberner Karlshof im Sommer 1933. Schminke verstarb am 1. April 1937 in Kassel. Die Gründe für seinen frühen Tod, er verstarb 36-jährig, sind unbekannt.
Als Ortsgruppenleiter folgte auf ihn Karl Keim, der von Februar bis mindestens Juni 1937 das Amt kommissarisch ausführte. Zuvor, im Jahr 1934, war Keim bereits Kreisamtsleiter der NSB (Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation) im Kreis Fritzlar-Homberg gewesen. Dieses Amt hatte er noch im Jahr 1938 inne.
Als Keims Nachfolger wurde Ludwig August Stegner zum Fritzlarer Ortsgruppenleiter gewählt. Er führte das Amt kommissarisch mindestens seit Oktober 1937 aus, ehe er es dauerhaft ab spätestens Februar 1938 übernahm.
Stegner wurde am 12. Januar 1899 in Fritzlar als Sohn des Dachdeckers Johann August Stegner und seiner Ehefrau Johannette Friedericke Dorothea geboren. Stegner war mit Margarete Stegner, 1897 bis 1991, verheiratet. Die Familie lebte in der Allee. Stegner verstarb im Jahr 1984 und wurde in Fritzlar auf dem Friedhof in der Georgengasse beigesetzt.
Stegners Stellvertreter als Fritzlarer Ortsgruppenleiter im Jahr 1940 war ein Herr Fennel (höchstwahrscheinlich Johannes Fennel). Der spätere Landwirt Johannes Fennel (Lachenhof) wurde am 14. Mai 1887 in Trockenerfurth als Sohn des Landwirts Johann Heinrich Fennel und seiner Ehefrau Anna Martha Pfan[n]kuche geboren. Am 14. Februar 1920 heiratete er in Borken, Dorothea Gertrude Elisabeth Hebeler (geboren am 25. Februar 1893 in Römersberg, gestorben am 14. März 1950 in Fritzlar) wurde seine Ehefrau. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Die Familie lebte später in Fritzlar. Fennel verstarb am 31. Juli 1947 in Fritzlar.
Nach Ludwig Stegner ist von März 1942 bis Februar 1944 ein Herr König als Ortsgruppenleiter der Fritzlarer NSDAP nachweisbar. Dabei handelte es sich sehr wahrscheinlich um den Stuckateur Reinhard König, der als städtischer Angestellter in der Kasseler Straße mit seiner Familie wohnte. König wurde am 21. September 1897 in Nordshausen (Landkreis Kassel) als Sohn von Konrad König und Lina Langefeld geboren. Er heiratete am 3. Juni 1922 in Neumorschen Magdalene Wilhelmine Bachmann, geboren am 29. September 1896 in Eving (Kirchderne, Dortmund). Aus der Ehe ging eine Tochter hervor. Die Familie lebte in Fritzlar. König verstarb am 4. Dezember 1967 in Fritzlar.
Passend dazu wurden im April 1941 die „Parteigrößen“ Heckmann, König, Melato und Stegner mit Auszeichnungen für ihre langjährigen Verdienste in der Partei ausgezeichnet wurden, dazu kam ein Herr Liebermann (vermutlich der Elektriker Konrad Liebermann). Die Ortsgruppenleiter der Jahrgänge 1900 und älter konnten sich durch eine Anweisung der Parteikanzlei seit dem Jahr 1943 als „unabkömmlich“ einstufen lassen, d.h. sie wurden nicht zum Kriegsdienst eingezogen. So erklärt sich, dass keiner der genannten Herren in den Krieg ziehen musste.
Untergliedert war die Ortsgruppe Fritzlar in mindestens 7 Zellen (Stand 1937, Nr. I bis V sowie Zellen in Ungedanken und Geismar, später kam noch Rothhelmshausen hinzu) mit mindestens 21 Blockleitern.
Ergänzend zu den Ortsgruppenleitern sollen auch die beiden Bürgermeister der Domstadt während der NS-Diktatur nicht unerwähnt bleiben. Diese waren in nationalsozialistischer Zeit von 1931 bis 1934 Dr. Erich Schnitzler und von 1934 bis 1945 Fritz Heckmann (NSDAP). Heckmanns Beigeordnete im Jahr 1938 waren Johannes Fennel, Alfred Melato und Ludwig Stegner, die alle drei zeitweilig den Posten des NSDAP-Ortsgruppenleiters innehatten. Heckmann wohnte mit seiner Familie in der Kasseler Straße.
Schnitzler wurde aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums im Jahr 1934 von den Nationalsozialisten in den Ruhestand versetzt. Von 1945 bis 1946 lenkte er dann erneut die Geschicke der Domstadt in der frühen Nachkriegszeit.
Bleibt zum Abschluss der Gesamtthematik noch passenderweise anzumerken, dass das zentrale Archivgut zur Thematik lange für die historische Aufarbeitung unzugänglich aufbewahrt wurde. Die Unterlagen zur Geschichte der Ortsgruppe der Fritzlarer NSDAP gelangten 1945 durch ein Mitglied der Partei in das Fritzlarer Stiftsarchiv. Von dort wurden sie im Dezember 2007 vom katholischen Pfarrarchiv Fritzlar an das Bistumsarchiv Fulda übergeben. Dieses gab den Bestand dann im Jahr 2008 an das Marburger Staatsarchiv ab, wo die Akten heute der Forschung zugänglich sind.
Quellenverzeichnis:
Ancestry, Diverse Personenstandsregister,
Einwohnerbuch für den Kreis Fritzlar-Homberg, Ausgabe 1938, Betzdorf (Sieg) 1938,
Find a grave, Diverse Grabsteine,
August Franke, Bericht über Erlebtees im Elternhaus bezüglich der Mißhandlung meines Bruders Fritz, maschinenschriftlich vom 1. April 1990 (Kopie im Besitz des Autors),
August Franke, Ein Sohn der nordhessischen Heimat erzählt 1930 bis 1993, Fritzlar 1993,
Fritzlarer Kreis-Anzeiger vom 4. März 1933,
Genealogy.net, Grabsteine der Fritzlarer Friedhöfe,
Handbuch für den Gau Kurhessen der NSDAP, Kassel 1934,
Hessische Nachrichten vom 8. Februar 1949,
Hessische Volkswacht vom 5. Dezember 1930,
HStAM, Best. 180 Eschwege, Nummer 6088,
HStAM, Best 274 Kassel, Acc. 1958/61, Nr. 17, Bd. 1 bis 5,
HStAM, Best. 327/6, Nummer 21,
https://www.fritzlar-forschungen.de/stadtgeschichte, Stand: 18. Februar 2026, 19.25 Uhr,
https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/showFondsDetails?fondsId=6448, Stand: 18. Februar 2026, 14.16 Uhr,
Kreisblatt für den Kreis Fritzlar-Homberg vom 22. April 1940, 21. April 1941, vom 24. März 1942, vom 6. Oktober 1942, vom 30. März 1943 und vom 2. Februar 1944,
Carl-Wilhelm Reibel, Das Fundament der Diktatur: Die NSDAP-Ortsgruppen 1932 bis 1945, Paderborn 2002,
Johannes Scherp am 25. Dezember 1945, Bericht über die Vorgänge im Landerziehungsheim „Karlshof“ in Wabern im Juni 1933, Evangelisches Pfarramtsarchiv Wabern,
Der Sturm vom 15. Februar 1930.
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