Carl Maria Joseph Ernst Schulte-Wintrop (1884 bis 1961),
Fritzlars mutiger Anwalt in nationalsozialistischer Zeit.
Von Thomas Schattner
Am 10. Mai 2026 schrieb Dr. Johann-Henrich Schotten eine E-Mail an den Autor im Kontext der Aufarbeitung der NS-Geschichte Fritzlars, in der er auf den Notar und Rechtsanwalt Carl Maria Joseph Ernst Schulte-Wintrop hinwies, von dessen „Integrität die Leute heute noch gelegentlich reden. […] Er soll seinerzeit als Anwalt vor Gericht wirklich Mut gezeigt haben“. Daraufhin beginnende Recherchen zur Person von Schulte-Wintrop zeigten, dass Dr. Schotten recht haben sollte.
Schulte-Wintrop wurde am 10. Februar 1884 in Geilenkirchen (Kreis Heinsberg, Aachen, Nordrhein-Westfalen) als Sohn des Kreisarztes Dr. med Schulte-Wintrop und seiner Ehefrau Josephine Lederle geboren.
In Lippstadt besuchte er die Volksschule und das Realgymnasium, welches er im Jahr 1902 mit dem Reifezeugnis nach bestandenem Abitur verließ. Anschließend studierte er an den Universitäten Münster und Berlin Rechts- und Staatswissenschaften. Im Jahr 1906 bestand er das Referendarexamen am Oberlandesgericht in Hamm, um anschließend im Herbst 1911 seine juristische Staatsprüfung in Berlin abzulegen. Anfang des Jahres 1912 ließ er sich in Hamborn (heute ein Stadtteil von Duisburg) als Rechtsanwalt nieder, ehe er drei Jahre später nach Fulda wechselte, weil er dort die Kanzlei eines verstorbenen Kollegen übernehmen konnte. Ebenfalls im Jahr 1915 erwarb er seinen Doktortitel als Jurist in Erlangen.
Gleichzeitig nahm er vom Februar 1915 als Soldat am Ersten Weltkrieg teil, den er bis zum Schluss im Jahr 1918 mitmachen musste.
Später lebte er in Münster, wo er auch seine zukünftige Ehefrau kennenlernen sollte. Am 31. Dezember 1918 heiratete Schulte-Wintrop in Münster Bertha Franziska Bunsmann (1891 bis 1969). Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor.
Schulte-Wintrop wurde bereits ein Jahr zuvor, 1917, in Fritzlar als Rechtsanwalt eingetragen und zum Notar ernannt. Die Familie lebte deshalb in der Domstadt. Bis zum Jahr 1928 wohnten die Schulte-Wintrops in der ab dem Jahr 1902 im Jugendstil errichteten Drachenburg, wo auch alle Kinder zur Welt kamen. Tochter Gisela (1920 bis 1985), die Großmutter des heutigen Waberner Allgemeinmediziners Dr. Philipp Klapsing, die ebenfalls als Ärztin mit Doktortitel tätig war, lebte in Wabern. Tochter Pia (1921 bis 2011) wurde Landwirtschaftliche Lehrerin und blieb in Fritzlar. Sohn Heinrich (1922 bis 2015), der später Oberstarzt bei der Luftwaffe und Doktor der Medizin wurde, lebte später in Münster (Westfalen). Sohn Jürgen (Jahrgang 1923), Weltkriegsteilnehmer, gilt seit dem 13. März 1944 als in der Sowjetunion (bei Mal-Makareijewo) vermisst. Tochter Jutta (1925 bis 2013) heiratete eine amerikanischen GI und verstarb in Arizona (USA).
Trotz und gerade wegen der stattlichen Anzahl von Kindern machte der Gesundheitszustand von Vater Carl der Familie in diesen Jahren mitunter sehr große Sorgen. „Er war seit mindestens dem Jahr 1923 jahrelang häufig krank mit Magenproblemen und lebensbedrohlichen Blutstürzen“, so Enkelin Dr. Jutta Schlia-Zimmermann.
Im katholisch geprägten Fritzlar muss sich der gläubige Katholik schon bald recht wohl gefühlt haben. Da er hier u.a. auch trotz seiner gesundheitlichen Handicaps seinen sportlichen Interessen und Aktivitäten nachgehen konnte. So war Schulte-Wintrop im Vorstand des Tennisclub Fritzlar aktiv, dazu war er nach seiner Enkelin ein begeisterter Skifahrer, Turner, Bogenschütze, Ruderer, Reiter und Schwimmer. Dazu ging die Familie regelmäßig in der Eder schwimmen, so auch in der damaligen „Badeanstalt“ im Mühlgraben.
Passend dazu bestand Schulte-Wintrop auch im Jahr 1930 seine Führerscheinprüfung. Das Auto stellte auch beruflich eine große Erleichterung dar, da der Anwalt viele auswärtige Termine wahrnehmen musste. Seine Ehefrau Berti begleitete ihn immer mit der Schreibmaschine. So mancher notarielle Schriftsatz wurde am Küchentisch auf Bauernhöfen verfasst, mitunter auch am Sterbebett.
„Befreundet waren Oma und Opa“, so die Enkelin Dr. Jutta Schlia-Zimmermann, „mit dem Prälaten Dechant Wilhelm Jestädt, dem Kirchenmaler Prof. Ernst Pfannschmidt (Berlin) sowie dem Landschaftsmaler Schmitz; beide waren öfters zu Besuch in Fritzlar“. Dazu bereitete z.B. der Familie „ein von Oma und Opa selbst gebasteltes Puppentheater, mit welchem sie Aufführungen (u.a.´Dr. Faust´) im Familienkreis und in der Ursulinenschule boten, viel Spaß“. Aber auch der Lyrik konnte Schulte-Wintrop viel abgewinnen, er dichtete gerne und viel. So befand sich in seinem Nachlass eine Sammlung kleiner, meist humorvoller Gedichte, die seine Enkelin an Gedichte von Christian Morgenstern erinnern. Dies alles trat dann mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus in der Domstadt sehr schnell in den Hintergrund.
Im Fritzlarer Stadtarchiv werden einige wenige Dokumente seine Person betreffend aufbewahrt, die aber aussagekräftig genug sind. Schulte-Wintrop wird in einem Schreiben vom Kasseler Gaupersonalamtsleiter an das Gaurechtsamt vom 10. September 1940 wie folgt beschrieben: „Sch.-W. war vor der Machtübernahme ein echter Zentrumsmann und bekämpfte die NSDAP. Zwar gehört er heute der NSV [Nationalsozialistische Volkswohlfahrt] und der DAF [Deutsche Arbeitsfront] an, doch segelte er auch noch nach der Machtübernahme im alten Fahrwasser. Als Judenfreund zierte er bereits den Stürmer [Antisemitisches Hetzblatt, welches wöchentlich seit 1923 erschien und in öffentlichen Schaukästen, sogenannten Stürmer-Kästen, aushing]. Er hält sich mit seiner Familie von allen Veranstaltungen der Partei fern, betätigt sich in keiner Gliederung der Bewegung“. Von daher verwundert es nicht, dass die Bilanz aus nationalsozialistischer Sicht über ihn sehr negativ ausfällt: „Es kann nicht vorausgesetzt werden, daß sich Schulte-Wintrop jederzeit rückhaltlos für den nat.-soz. Staat einsetzten wird“.
Diese Einschätzung hing auch stark damit zusammen, dass Schulte-Wintrop jüdische Mitbürger gegen deutsche Volksgenossen vor Gericht vertrat. Spätestens ab dem Jahr 1935 erhielt Schulte-Wintrop deswegen auch immer wieder anonyme Post. So wurde im Oktober 1935 in Wilhelmshaven eine Postkarte an ihn mit dem Text „Sie sind doch ein erbärmlicher Judenfreund. Pfui Teufel nur für schnöden Mamon verraten Sie das Vaterland“, abgeschickt.
Noch schlimmer wurde die Lage im Jahr 1937 für ihn. In diesem Jahr übernahm Schulte-Wintrop ein Mandat für den Handelsmann und Gastwirt Levi Gutheim (1863 bis 1952) aus Ungedanken vor Gericht, nachdem die Bad Wildunger SA am 24. Februar des Jahres mit Sprengbomben Gutheims Keller verwüstet hatten und in Zusammenhang mit dem grausamen Überfall Levis Sohn Hermann Naphtali (Jahrgang 1902) vor lauter Angst und Panik Selbstmord beging. Bereits zuvor hatte Schulte-Wintrop jüdische Mitbürger gegen deutsche Volksgenossen vor Gericht vertreten.
Somit war Schulte-Wintrop einigen Zeitgenossen, ein derartiger Dorn im Auge, dass sie dafür sorgten, dass er im September 1935 im „Stürmer“ an den Pranger gestellt wurde. Unter der Überschrift „Wie Jud Massenbach einen Bauern betrog: Ein deutscher Rechtsanwalt verteidigt die Lumperei“ las man u.a. dort: „Es gibt noch deutsche ´Rechts´anwälte, die kein Bedenken dagegen haben, mit der Verteidigung (!!) jüdischer Betrüger ihr Geld zu verdienen. Der Jude [Ludwig] Massenbach hatte sich den Rechtsanwalt Schulte-Wintrop von Fritzlar zum Vertreter genommen. Er führte aus: Die Judenfrage hätte nichts mit der Sache zu tun. Er kenne Massenbach. Dieser habe noch nie (!!) einen betrogen und sei noch mit keinem Gericht in Konflikt gekommen. (Weil seine Lumpereien eben nie ans Licht kamen“ Schr. d. St.) Massenbach sei ein guter (!), ordentlicher (!) Mensch und Geschäftsmann. […] Es liege hier kein (!) Betrug vor und er bittet den Angeklagten freizusprechen“!!!
Dementsprechend schrieb Fritzlars Bürgermeister Fritz Heckmann am 25. Oktober 1937 über Schulte-Wintrop in einem Schreiben an den Präsidenten des Oberlandesgerichts in Kassel, er habe nicht voll und ganz den Sinn des Nationalsozialismus erkannt. Die Folge: Die NSDAP-Ortsgruppe Fritzlar lehnte Schulte-Wintrop als Person und Anwalt ab. Dazu gab es auch weiterhin anonyme Schreiben an ihn. So lautete der Inhalt eines undatierten, aber zweifellos aus dem Jahr 1937 stammenden, Schreibens: „Da Sie schon durch den ´Stürmer´ gewarnt wurden, keine Talmud-Juden zu vertreten und unser Führer und Reichskanzler Adolf Hitler das deutsche Volk von der Ausbeutung durch die Juden befreien will, so mache ich Sie hierdurch nochmals darauf aufmerksam, sich nicht mit den Talmud-Juden als deutscher Rechtsanwalt einzulassen“:
Die nächsten Jahre müssen für Schulte-Wintrop nicht einfach gewesen sein. Das er und seine Familie sich in einer sehr markanten und wohl auch prekären Situation befanden, entging auch einem französischen Kriegsgefangenen nicht. Dieser machte sich bereits am 16. Juli 1944, also nur wenige Wochen nach der Landung der West-Alliierten in der Normandie, Gedanken über Schulte-Wintrops Schicksal nach dem Sieg der Alliierten und dem Kriegsende. Deshalb setzte er für die Familie ein Schriftstück auf, in dem er schrieb: „Ich, der Unterzeichner Jean Lemaire, […], erkläre auf meine Ehre als Unteroffizier der französischen Armee, dass Herr und Frau Schulte-Wintrop (Rechtsanwalt und Notar) mit Wohnsitz in Fritzlar sowie deren Kinder und deren Bedienstete weder Mitglieder noch Anhänger der NSDAP sind und es auch nie waren.
Ich stelle diese Erklärung aus, damit sie für alle zweckdienlichen Nutzen sein möge und die Familie Schulte-Wintrop keinerlei Schwierigkeiten weder von noch mit den Besatzungsbehörden haben möge.
Die Familie hat sich den Franzosen gegenüber stets von großer Freundlichkeit und außerordentlicher Höflichkeit erwiesen und sie sogar mit Herzlichkeit aufgenommen“. Das Dokument wurde am 5. Juni 1945 vom Französischen ins Englische übersetzt und beglaubigt.
Passend zu dem Inhalt des Dokuments hatte Berti Schulte-Wintrop bereits am 16. April 1944 in ihrem Tagebuch notiert: „Die Ausländer haben eine ganz andere Stellung bekommen als am Anfang des Krieges“. Man war sich scheinbar in Teilen der Bevölkerung in Fritzlar durchaus bewusst, dass dieser Krieg für das nationalsozialistische Deutschland nicht mehr zu gewinnen war. Gleichzeitig war man sich der damit verbundenen Folgen im Unklaren. Wohl auch deshalb finden sich in Berti Schulte-Wintrops Aufzeichnungen keine Hinweise auf Konfrontationen der Familie mit dem NS-Regime. Diese hat Berti wohl bewusst vermieden, passend dazu wurden teilweise auch Seiten aus den Tagebüchern entfernt.
Umso schöner muss es für Schulte-Wintrop gewesen sein, dass ihm der Landrat des Kreises Fritzlar-Homberg, Wilhelm Koolen (1882 bis 1977), am 6. Juli 1945 anschrieb. Darin verkündete er: „Die amerikanische Militär-Regierung beabsichtigt, Sie als Richter für das Amtsgericht in Fritzlar einzustellen, da die Weiterbeschäftigung der bisherigen Richter […] wegen ihrer Parteizugehörigkeit abgelehnt wird. Ich bitte, die anliegenden sechs Fragebögen mir bis spätestens Montagfrüh ausgefüllt wieder zugehen zu lassen“. Wenig später war klar, dass er auch auf dem Gudensberger Amtsgericht eingesetzt werden sollte. Was wird wohl in Schulte-Wintrop vorgegangen sein als er diese Schreiben in seinen Händen erhielt? Am 6. September 1945 trat er seinen neuen und gleichzeitig alten Dienst an. Fritzlar war das erste deutsche Gericht in Kurhessen, dass von der amerikanischen Besatzungsmacht genehmigt wurde.
Näheres über das weitere Leben der Familie, die seit Ende der 1920er Jahren in der Gießener Straße 37 in Fritzlar im eigenen Haus lebte, ist nicht bekannt. Das Haus, in dem auch die Anwaltskanzlei untergebracht war, stand direkt neben dem Amtsgericht, wurde aber im Jahr 1969 im Kontext von Straßenbaumaßnahmen abgerissen.
Dr. Carl Schulte-Wintrop verstarb nach langer Krankheit und Pflege Zuhause am 7. Juli 1961 im Fritzlarer Eigenheim. Er wurde auf dem Friedhof in der Georgengasse in der Domstadt beigesetzt. Seine Ehefrau Bertha verstarb am 23. März 1969 einige Jahre später und wurde neben ihm beigesetzt.
Quellenverzeichnis:
Diverse Archivalien und Materialien aus dem Familienarchiv Schlia-Zimmermann in Riede,
Diverse E-Mails von Dr. Jutta Schlia-Zimmermann an den Autor vom 18., 29., 30., 31. Mai und 22. Juni 2026,
Einwohnerverzeichnis für den Kreis Fritzlar-Homberg, Ausgabe 1938, Betzdorf o.J.,
https://grabsteine.genealogy.net/tomb.php?cem=3402&tomb=525&b=&lang=de, Stand: 13. Mai 2026, 20.16 Uhr,
HStAM, Best. 920, Nr. 1837,
https://www.ungedanken.de/userfiles/pdf/Juedische%20Gemeinde%20Ungedanken.pdf, Stand: 13. Mai 2026, 20.18 Uhr,
Stadtarchiv Fritzlar, FZ, Anx, XIX.4.21-Konv.11,
https://www.sto-ms.de/bildgeschichte/berti-bunsmann/, Stand: 14. Mai 2026, 16.29 Uhr,
https://www.ungedanken.de/userfiles/pdf/Juedische%20Gemeinde%20Ungedanken.pdf, Stand: 13. Mai 2026, 20.18 Uhr.