Vorbemerkung

Nachdem Kollege Dr. Jürgen Kneipp und seine Frau Susan Anfang Februar 2005 die letzten Dioramen für die Vor- und frühgeschichtliche Abteilung fertiggestellt hatten, kamen die jahrelangen Arbeiten zur Neugestaltung der Ausstellung zu einem befriedigenden Abschluss. Denn damit waren auch die Wünsche vieler Besucher, vor allem auch von Kindern und jugendlichen Besuchern zufrieden zu stellen. Das zeigte sich besonders bei der Durchführung der Kinderkurse von Frau Schrammel und Frau Heer, aber auch während vieler Schulführungen, weil sich durch die Gestaltung mancherlei historischen Abläufe leichter erläutern ließen. 
      Es lag daher nahe, nun auch dem schriftlichen Museumsführer eine aktuelle Form zu geben, der auf die neueren For-schungsergebnisse seit der Zeit von Dr. Bergmann (1975) Bezug nehmen konnte. Darüberhinaus hatten sich auch die Drucktechniken so weiterentwickelt, daß es nun möglich wurde, preiswerte Farbillustrationen bzw. -photos in einem Umfang zu publizieren, wie es zuvor nicht möglich gewesen war. Die fast "protokollarischen" Vitrinenabbildungen verdanken wir Herrn Lutz Buddrus, der eigentlich am liebsten als ein "hauptamtlicher Museumsphotograph" tätig geworden wäre, was aber für Stiftung und Verein leider finanziell nicht realisierbar war. Sein Beitrag zur Publikation im Juni 2008 ist dennoch nicht zu unterschätzen. 
      Dieser Führer bildete einen quasi "dokumentarischen" Beleg für die international wie regional als pädagogisch und auch wissenschaftlich bedeutsam angesehene Arbeit über die  Jahrzehnte, welche aber bereits kurze Zeit später lokalpolitisch nicht mehr goutiert wurde. Daher kam es auch zu keinen weiteren Veröffentlichungen in dieser Reihe, in der ursprünglich alle Abteilungen (Ausstellungen wie Sammlungen) des Regionalmuseums Fritzlar präsentiert werden sollten.

Rede zur Präsentation am 25. Juli 2008:

Dr. phil. Johann-Henrich Schotten                                                                                                                                                                         Regionalmuseum Fritzlar                                                                                                                                                                                                                   Am Hochzeitshaus 6-8                                                                                                                                                                                                                       34560 Fritzlar

 

Sehr verehrte Frau Trosse!                                                                                                                                                                                                                 Sehr verehrte Damen und Herren!                                                                                                                                                                                                   Liebe Mitglieder des Museumsvereins, ehrenamtliche Mitarbeiter, werte Freunde und Förderer des Regionalmuseums!

 

Sie können sich vorstellen, daß die Mitwirkenden am heutigen Projekt und ich uns sehr über Ihr zahlreiches Kommen freuen und für Ihr großes Inte­resse dankbar sind. Fast wirkt der Rahmen ein wenig groß für die Präsen­tation einer kleinen Broschüre, die ich Ihnen heute abend ans Herz legen möchte. Es ist doch nur ein etwas molliges Heft für eine einzige, allerdings zentrale Abteilung unserer Einrichtung. 

      Sie werden sich sicher fragen, was uns dazu bewogen hat, uns der Mühe zu unterziehen, um dieses Projekt fertigzustellen. Dazu erlauben Sie mir bit­te, ein wenig in die Geschichte unseres Museums zurückzublicken: Als im Jahre 1956, die Sammlungen erstmals in diesen Räumen der Öffentlichkeit zugänglich wurden, gab es sehr viel Idealismus, guten Willen und Fleiß, unendliche Geduld und Durchhaltevermögen, vor allem aber eine große Fabulierfreude, welche die Herren Martin Kliem, Willi Matthias, Franz-Josef Heer und vor allem Ludwig Köhler u. a. den jungen Redakteur Hans Heintel vor zahlreichen Besuchern immer wieder beflügelte, ihre Forschungsarbeiten darzustellen, mündlich, versteht sich. Nur der Bäckermeister Heer und dann, eher ganz professionell, Hans Heintel traten auch schriftlich an die Öf­fent­lichkeit. Zu einem Begleitheft durch die Sammlungen kam es aber zu­nächst nicht. 

     Das 1250jährige Jubiläum der Stadt Fritzlar und der damit verbundene Hessentag im Jahre 1974, der uns die „Erhöhung“ zum Regionalmuseum einbrachte, war vielleicht nicht der Hauptanstoß, trug aber, vor allem auch in finanzieller Hinsicht, erheblich dazu bei, daß der damalige Leiter der Vor- und frühgeschichtlichen Abteilung Dr. Joseph Bergmann im Landesmuseum Kassel nicht nur an der Neugestaltung der Abteilung neben Hans Heintel und Herrn von Andrian für den Hessischen Museumsverband mitwirkte sondern auch ein erstes knappes Führungsheft verfasste und herausgab. Der Text zeigte den damaligen Forschungsstand auf kundige aber eher nüch­terne Weise. Die schwarzweißen Photos unterstrichen diese Darstellung noch, entsprachen andererseits aber dem Stand des Publikationswesens und der Finanzierbarkeit wie auch der seinerzeitigen Ausstellungs-Didaktik. Sie strebte fast ideologisch eine Konzentration auf das Wesentliche an und trachtete alle Ablenkungen und gewissermaßen „Firlefanz“ zu vermeiden. Dies ist auch der Grund, warum die Vitrinen in diesem schlichten Weiß gehalten worden waren, das Sie heute noch sehen. Sogar Dioramen waren verpönt und unerwünscht. Ihre Wiedereinrichtung mit Hilfe von Christoph Kappel, dem Sohn der Nachfolgerin von Dr. Bergmann und dem Kollegen Dr. Jürgen Kneipp, musste regelrecht erkämpft werden.

      Inzwischen sind wir eine Forschungsgeneration weiter. Das Heft von Dr. Bergmann ist derweilen vergriffen, jüngere Archäologen haben modernere Publikationen verfasst, die aber historische Erkenntnisse über weite Räume verbreiten, für die wir hier um Fritzlar und im Museum nicht immer die Belege vorweisen können, welche das Leben der Menschen seit Jahr­tausenden anschaulich zu machen vermögen. Was also war zu tun?

      Unsere Vitrinen sehen nur scheinbar so aus, als ob sie sich in den ver­gangenen 35 Jahren nicht geändert hätten. Nicht zuletzt die großen und weithin bekannten Ausgrabungen der 1970er bis 1990er Jahre und danach haben uns nicht nur eine Fülle von Funden eingebracht, sondern auch eine immense Menge von neuen Erkenntnissen, die geradezu dazu zwingen, sie dem Publikum verständlich nahezubringen. Dr. Bergmann, bei dem ich das Glück hatte ein 21/2 jähriges Volontariat zu absolvieren, war schon vor dem Kriege seiner Zeit und seinen Kollegen weit voraus gewesen und hielt die Spur nach 1945 bis zu seinem Tode. Er hatte sich daher in Archäologen­kreisen gelegentlich den Ruf eines „Spinners“ eingehandelt, was ihn aber nicht beirrte. Sein Credo war, nie zu vergessen, daß man es im Beruf des Prähistorikers in Wirklichkeit nicht mit wertvollen Schätzen oder abstraktem Kunstgenuss zu tun hatte, sondern stets mit richtigen Menschen. Ein Ske­lett war ihm nicht einfach ein schauriges Objekt sondern ein einst lebendiges fühlendes, vielleicht sogar denkendes Wesen, eine Scherbe nicht nur ein schmutziger und kaputter Gegenstand, der sich nach theoretischen Formgesetzen gewissermaßen selbst gefertigt hätte, sondern  der „Finger­abdruck“ eines wirklichen Menschen. Hierin war er sich, bei allen sonstigen Diskussionen, mit den damaligen und heutigen Mitgliedern des Museums­vereins völlig einig. Es ging ihm also um Erkenntnisse zu einem annähernd tatsächlichen Lebensbild und zum Verständnis einer realen Welt in ihrer Ent­wicklung. Das Entscheidende dabei ist die Annäherung. Etwas bur­schikos ausgedrückt: „Der Archäologe weiß und sagt nie die Wahrheit aber er versucht immer sich ihr anzunähern.“ Die Geschichte, die er nach seinem derzeitigen Forschungsstand erzählt, wird daher nie vollständig wahr sein, Irrtümer verzeihlich. Selbst bei Augenzeugen darf man bekanntlich über­legen, wo die Grenzen von objektivem und subjektivem Erleben liegen, aber es erfreut sowohl den Erzähler wie den Zuhörer oder Leser, wenn die Dar­stellung wenigstens plausibel erscheint, und alle sind zufrieden. Das ist auch der Grund warum Sie beim Lesen immer wieder auf bildhafte Szenen stoßen werden.

      Ich kann beim besten Willen nicht schätzen, wieviel hunderte oder viel­leicht sogar tausende Führungen seit 1956 oder dann ab 1974 absolviert worden sind. Im Laufe der Zeit wurde aber eines deutlich. Mögen die Vitri­nen Schrammen abbekommen haben, mögen der ewige Kampf gegen Staub und Ungeziefer wie auch die zahlreichen Veranstaltungen ihre Spuren hinterlassen haben, immer noch und immer mehr entwickelte sich ihr Inhalt zu prächtigen Bildern, mit denen wir bei unseren engagierten Führungen unsere Worte illustrieren konnten.

      Es nützt aber nichts, wenn ich als gelernter Archäologe dies einzig und allein mache, die fortschreitende Forschung, deren Ergebnisse sich aus eigener Arbeit und aus Fachzeitschriften und Diskussionen unter Kollegen allmählich ansammelten, müssen auch weiter gegeben werden. Ich wurde von den Herren Fritz Rödde, Ludwig Köhler, Hans Heintel und Egon Schabe­rick gewissermaßen „angelernt“ und gab meine Kenntnisse –„gereinigt“ und vermehrt- zunächst an die Herren Heinrich Heupst und Werner Kattwinkel weiter. Nach ihrem Dahinscheiden ist nun ein neue Generation von Helfern und Museumsführern an der Reihe.

      Es war eigentlich der Gedanke an Rationalisierung, der mich dazu brach­­te, viele der Elemente meiner Führung zunächst in einem maschinen­schriftlichen Manuskript niederzulegen. Man könnte auch sagen „Faulheit“, denn es ist ein mühsames Unterfangen, jedem neuen ehrenamtlichen Mit­arbeiter die wesentlichen Inhalte der Ausstellung im Detail zu schildern. So war es sehr viel effektiver, wenn die neuen Betreuer zunächst diese Schrift lasen, und wir uns dann in Frage und Antwort miteinander in die Vorge­schichte vertiefen konnten.

      Vor nicht allzu langer Zeit war das letzte Bergmann-Heft verkauft, und die Besucher, darunter nicht zuletzt auch Lehrer, fragten öfter nach einer Publikation, die direkten Bezug auf die Ausstellung nähme. Meine Mitarbei­terin in Stellvertreterin im Verein Frau Marlies Heer vertrat dann ent­schlos­sen und entschieden die Meinung, es müsse ein neues Führungsheft her, sei es in Gestalt einer Überarbeitung der Vorgängerbroschüre, sei es als völlige Neuschreibung. Die genaue Analyse der alten Fassung ergab bald, daß es keinen Sinn machte „das Rad zweimal zu erfinden“, und so nahm ich den Bergmann´schen Text zunächst als Grundgerüst für das neue Heft. Ande­rerseits wurde schnell deutlich, daß seither nicht nur in der Datierung sondern auch in der Fülle der Kenntnisse ungeheuer viel dazu gekommen war, und dies nicht nur im Bereich der Archäologie, sondern auch der Kunstgeschichte, der Volkskunde, der Soziologie, der Religions- und Tech­nik- wie Baugeschichte aber auch der eigentlichen Geschichtsschreibung. Dazu überstürzt sich die naturwissenschaftliche Informationsflut von 14C über Jahrringzählung (Dendrochronologie), Pollenanalyse, Medizin und allgemeine Paläoanthropologie und was weiß ich noch. Der nahe Zugang zu meinem Freund, Mitarbeiter und Kollegen Dr. Jürgen Kneipp aus Züschen, der an der aktuellen Forschungsfront tätig ist, verschaffte mir eine Vielzahl an frischesten Informationen, für die ich ihm hier herzlich danken möchte. Dem Kollegen Dr. Thilo Warnecke aus Ahnatal verdanken wir die neuesten Datierungen, die erstmals in Gestalt einer neuen, farbigen Zeittafel auf uns kamen. Die Photographen der Abbildungen sind zum Schluss aufgeführt. Für die  Geduld bei der Korrektur und überhaupt danke ich wieder Frau Marlies Heer, ihr zu Seite standen Frau Irmhild Georg aus Metze, Frau Feih aus Borken und Dr. Kneipp. Sollten es trotzdem zu kleineren gram­ma­tikalischen Unzulänglichkeiten und Flüchtigkeiten gekommen sein, so geht das voll auf meine Kappe, aber zum Schluss konnte ich den Text ein­fach nicht mehr lesen. Schließlich aber nur scheinbar zuletzt danke ich Johannes de Lange und seiner Mitarbeiterin Frau Mathias, die aus annehm­baren Vor­lagen und flüchtigen Ideen zur Gestaltung ein vorzügliches Ge­samt­bild ge­schaffen haben.

      Nun geschieht ja heute vieles vergeblich aber nichts mehr umsonst auf dieser Welt. Das Heft ist im Wesentlichen privat finanziert, aber ohne die groß­mütige finanzielle Unterstützung durch die Kulturstiftung der Volks- und Raiffeisenbank Schwalm-Eder hätten wir das Projekt erst gar nicht an­zu­fangen brauchen. Auch hierfür vielen Dank, stellvertretend an Herrn Di­rek­tor Rembde und Herrn Päschke, der uns darüber hinaus auch stets mit vernünftigem und pragmatischem Rat und Tat zur Seite steht.

 

      Wir wollen dieses Heft natürlich auch verkaufen. Das Geld soll -nach Abzug der Kosten- ungeschmälert dem Museumsverein zugute kommen, der damit seinen Beitrag zur Pflege und Bewahrung der Museumsbestände lei­sten möchte, und da gibt es reichlich zu tun.

 

                                                                                                                                                                              Ich danke für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit!

 

 

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                                                                                        Dank an Horst Euler, Marlies Heer, Klaus Leise und Wolfgang Schütz für Hinweise und Tipps,                                                                                                                                                                                                           Johannes de Lange für die Scan-Vorlagen

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