Vorbemerkung

Ab wann sich der Bäckermeister Hans Josef Heer (6. Juli 1913 - 4. Oktober 1978) für die Geschichte seiner Heimatstadt interessierte, läßt sich leider nicht mehr feststellen. Sowohl er als auch der Juwelier und Uhrmachermeister Ludwig Köhler, die beide miteinander befreundet waren, sollen in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg begonnen haben Dokumen-te, Bücher und Sachgüter zusammenzutragen. Dabei schaffte es Bäcker Heer im Laufe der Jahre eine umfangreiche Fach-Bibliothek aufzubauen, die im Souterrain seines neuerbauten Altersitzes am Blaumühlengäßchen schließlich mindestens eine komplette Regalwand des Arbeitszimmers einnahm. Trotz seines berufstypischen eher ungewöhnlichen Tages-ablaufes fand er noch ausreichend Zeit zum Studium älterer und aktueller historischer und archäologischer Literatur, was ihm ein umfangreiches Wissen und große Kompetenz  eintrug.  
      Es ist daher nicht verwunderlich, daß er sowohl im Fremdenverkehrs- und Verschönerungsverein, der Ur- und frühgeschichtlichen Arbeitsgemeinschaft und in der Fritzlarer Sektion des Hessischen Geschichtsvereins von Anfang an eine wichtige Rolle spielte. Vor allem in ersterm, den man in gewisser Weise als den Vorläufer des späteren PRO FRITZLAR ansehen könnte, waren auch seine Fähigkeiten von Belang, sein historisches Wissen sowohl an seine Kollegen als auch an die auswärtigen Besucher der Stadt vermitteln zu können. Einen öffentlich organisierten Tourismus gab es ja zunächst nicht, und vor allem wurde er für Besucher der Stadt das, was der Domküster Paul Diederich war und sein Nachfolger, der Schreiner und Domküster Alfred Matthäi für die ehem. Stiftskirche St. Peter ("Dom") werden sollte. So fungierte er zeitweilig (neben August Boley, Ludwig Köhler und Hans Heintel) als wichtigster "Fremdenführer" (heute "Gästeführer"), das geschah in der Regel -wie bei seinen Nachfolgern zunächst auch- unentgeldlich (denn er war nicht darauf angewiesen und, was manchmal anschließende Einladungen durch die Besucher anging, ein Café besaß er ja selber)! Auch das Anlernen von Nachwuchskräften sah er als seine Aufgabe: zunächst bei Egon Schaberick und dann bei J.-H. Schotten, die später sein Wissen weitergaben (und zunächst ebenfalls seltsam berührt waren, wenn man ihnen ein "Trinkgeld" in die Hand drückte). Zur 1250-Jahrfeier, verbunden mit dem "Hessentag", erschien 1974 das Standardwerk "Fritzlar im Mittelalter" aus der Hand sehr bekannter Archäologen, Numismatikern, Kunst- und Mittelalterhistoriker (spez. Mediavisten) und anderer Koryphäen. Deren Ergbnisse gingen nicht soweit über die bisherigen Kenntnisse von Hans Josef Herr hinaus, als daß er sie in den letzten Jahren seines Lebens nicht auch für ein breites Publikum hätte aufbereiten können. Er veröffentlichte -wie schon zuvor- also weiterhin seine kleinen, bescheiden illustrierten Aufsätze im "Wochenspiegel" dem offiziellen Verkündigungsorgan (erst des Landkreises dann) der Stadt Fritzlar, wo er seine Kenntnisse den "geneigten Lesern" mitteilte, und das bis kurz vor seinem, für uns (trotz seiner vorangegangenen Krankheit) doch überraschenden Tode. Diese Verlautbarungen bilden den eigentlichen Grundstock des in den 1990er Jahren von Gerhardt Methner und Dr. Schotten neuorganisierten Gästeführerwesens. So bot es sich an, speziell diese, seine Hinterlassenschaft noch einmal zusammenfassend im Internet zu präsentieren. Ob dabei jemals eine Voll-ständigkeit zu erzielen sein wird, ist momentan noch nicht absehbar, denn leider haben weder seine Bibliothek noch alle seine Aufzeichnungen ihn -aus unterschiedlichen Interessen- sehr lange überlebt,..

1967-1974, danach:

Wochenspiegel Nr. 41/06, vom 06. Oktober 1972, S. 1-2 

UNSERE STADT, IN DER WIR LEBEN

Das Chorherrenstift St. Peter zu Fritzlar, eine Stätte des geistigen Lebens im mittelalterlichen Hessen I.

Aus der von Bonifatius gegründeten und Abt Wigbert geführ­ten bene­dik­tinischen Klosterschule des 8. Jahrhunderts entwickelte sich etwa nach 1000 eine Hochschule mit akade­mischen Studienfächern. Bei der Umwandlung des Fritzlarer Benediktinerklosters in ein adliges Chorher­ren­stift um die Jahrtausendwende, war eine der wichtigsten Einrich­tungen die Führung einer eigenen Stiftsschule.

      An ihrer Spitze stand der Scholaster (scholaster, scholadi­cus), der im Range der zweithöchste unter den 3 Prälaten des Fritzlarer Stifts war. Die Bezeichnung des Scholasters als „magister scholarum“ (schon 1190), die des Rektor: als „rector scholarum“ (1314) beweist, daß es da­mals nicht bloß eine Schule in Fritzlar gegeben hat, sondern daß außer der internen Stiftsschule auch noch eine externe Stadtschule vom Stift unterhalten wurde.

      Gelehrt wurde an der Fritzlarer Stiftsschule Sprachen, Theo­logie, Jurisprudenz und die schönen Künste wie: Musik, Dichtung, Buch­schreib- und Malerei sowie Goldschmiede­kunst.

      Es spricht für den hohen Stand der Schule, wenn sich Land­graf Hermann von Thüringen und Herr von Hessen (1190 - 1216), der Gön­ner und Freund der schönen Dichtung, aus Fritzlar einen gelehrten Schüler erbat, um sich von ihm eine Bearbeitung des Trojanerkrieges in deutschen Versen liefern zu lassen. Herbort von Fritzlar hat diesen ehrenvol­len Auftrag in 18 458 Versen gedichtet.

      Weiterhin ist urkundlich nachweisbar, daß schon 1290 die Uni­versitäten Paris und Bologna ausdrücklich als akademi­sche Fortbil­dungs­stätten der Fritzlarer Scholaren bezeichnet werden. Zum Stift und seiner Schule gehörte eine berühmte Handschriften-Bibliothek, die durch einen eignen Bibliothe­kar und Buchbinder (negociator librorum) im Stand gehalten wurde. Ein Beschluß v. J. 1387 verfügte regelmäßige jähr­liche Revisionen der Stiftsbibliothek durch gewissenhafte und er­prob­te Personen der Stiftskirche. Sorgfältig sollte von ihnen die Büche­rei nach Zustand, Wert und Zahl der darin oder an anderen Stellen frei oder angekettet befindlichen Bücher geprüft werden. Das vorhandene Handschriftenma­terial ging in die Tausende, welche kostbaren Bände das Stift früher besaß, beweisen die noch heute erhaltenen be­sonders kunstvollen 48 Bände im Schloß Pommersfelden bei Bamberg und die in der Landesbibliothek in Kassel mit über Hundert Bänden, deren Werte mehrere Millionen überstei­gen.

      Der damalige Bibliothekar und Stiftsscholaster von Speck­mann schreibt 1742: „bey einer Kurfürstlichen Commission Churfürst Lothar Franz von Schönbom, Erzbischof von Mainz, sehr schöne Manuscripte in Pergament sich ausgebeten und von dem Stift empfangen, sind aber noch 200 übrig.“ An anderer Stelle schreibt Speckmann vom gleichen Jahre: „Ist das Obergebäude der Stiftsbibliothek ober dem Kreuz­gang verfallen und durch die Bunnengefach sind zwey Wa­gen voll Bücher inbrauchbar hinweggeworfen worden.“ Den größten Verlust erlebte Fritzlar bei der Säkularisation 1803 wo das Stift aufgelöst wurde und das gesamte Vermögen an den Landgrafen von Hessen-Kassel fiel, hier­bei gingen ganze Wagenladungen von Handschriften und gedruckten Bänden in die Bibliotheken nach Kassel. Ob nun dieselben Fritzlar erhalten geblieben wären, in den Stürmen der letzten 170 Jahren, kann man nicht mit Sicher­heit sagen, wenigstens sind sie nach der Ab­setzung der hes­sischen Landgrafen in den Besitz des Landes Hessen gekom­men und stehen heute der Forschung offen. Die deutsche For­schungs­gemeinschaft stellte z. B. 1960 für Kassel 56.000,-- DM zur Verfügung um diese Handschriften zu katalogisieren, dessen erster gedruckter Band 1969 unter den Titel erschien: „Die Handschriften der Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel und Landesbibliothek Band 2, MANUSCRIPTE IURIDICA“. Bearbeitet von Marita Kremer, her­aus­gegeben von Dr. Ludwig Denecke, 1969, Verlag: Otto Harrassowitz, Wiesbaden.

      Frau Kremer bedankt sich für die Mitarbeit von 14 Professoren und 16 Doktoren aus dem In- und Ausland und schreibt un­ter anderem in ihren Vorwort: „Die `Manuscripta iuridica´ nach der Einteilung des al­ten handschriftlichen Katalogs umfassen 149 Handschriften und Frag­men­te aus dem Römischen, dem Kanonischen, dem Zivil- und Völker­recht, darunter auch einiges, was man heute nicht unbedingt als juri­stisch bezeichnen wurde Den wichtigsten Teil der Sammlung bilden die Codices und Fragmente aus der Bibliothek des Domstifts St. Peter in Fritzlar, die mit 54 mittelalterlichen Stücken ein sehr aufschlußreiches Bild von dem Zustandekommen und den Gehalt einer solchen Dom­bibliothek zu geben vermögen.“

      Von den 149 Handschriften vom 9. bis zum 19. Jahrhundert, bilden die 54 Bände aus Fritzlar ca. 90 % aller wertvollen mittelalterlichen Schriften vom 9. bis zum 15. Jahrhundert, welche zum größten Teil auf Pergament und mit kostbaren Initialen (mit farbigen Bildwiedergaben aus dem Gerichtsle­ben) ausgeschmückt sind. Diese Bände hatten auch zu ihrer Entstehungszeit großen Wert, welches die Kettenhalterungen an den Büchern beweisen, die sie vor Diebstahl schützen soll­te. Es handelt sich bei den Bänden um ganze Handschriften­pakete bis zu 600 Seiten, aus denen man außer juristischem auch viel Geschichtliches und sogar berühmte Reimdichtungen des Mittelalters finden kann.

      Aus dieser Stiftsschule hervorgegangene Stiftsherren finden sich, wie ein Blick in die Register der meisten Urkundenwer­ke lehrt, weit über die Grenzen des Archidiakonatsbezirks Fritzlar hinaus als „notarii“ und „scriptores“ (Notar und Schreiber) oder hohe geistliche Würden­träger in Mainz, Aschaffenburg, Paderborn, Minden, Hildesheim, Osna­brück, Halberstadt, Erfurt, Magdeburg, ja in allen größeren Orten Nord­deutschlands wie auch als Kurialen zu Avignon und Rom.   

                                                                                                                                                                                                                                      von H. J. Heer

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 48/06, vom 24. November 1972, S. 1-2 

UNSERE STADT, IN DER WIR LEBEN

Das Chorherrenstift St. Peter, zu Fritzlar , eine Stätte des geistigen Lebens im mittelalterlichen Hessen II.

Bis zur Reformation wurden ferner viele Kanoniker von den damaligen Fürsten als Kanzler herangezogen. 1194 nennt Erzbischof Siegfried von Mainz den Kan. Hermanus von Fritzlar als Notar, 1196 - 1207 wird Ade­­leldus aus Fritzlar als solchen genannt. Eckerardus von Momberg wurde 1248 Propst und Archidiakon des St. Peterstiftes in Fritzlar, er führte im Verein mit Konrad v. Elben und Werner v. Löwen­stein im Auf­trage des Markgrafen Heinrich v. Meißen die vormundschaftliche Re­gierung für den minderjährigen Hein­rich v. Brabant, das Kind von Hes­sen der spätere Landgraf. 1246 - 47 war der Fritzlarer Propst Bur­kar­dus von Ziegen­hain Kanzler Heinrich Raspes der Schwager der Hl. Elisa­beth von Thüringen. Auch sein Nachfolger, Wilhelm von Holland´s Kanzler, war Wilhelmus de Frieslarfa.

      1279 wird Henricus de Anreff can. fritl. Kanzler des Land­grafen Hein­rich von Hessen. 1354 war Bertram v. Wolfshain can. fritl. protno­tarius des Landgrafen. 1377 ist Heiden­rikus von Fritzlar notarius von Adolphi I., Tilmann Hollauch, ein Fritzlarer Altarist, war 1413 - 58 Kanzler des Landgra­fen Ludwig I. Unter den Räten dieses Landgrafen waren Dietrich v. Uffeln can. fritl. sowie die Altaristen Joh. Torlan und Joh. Morsen sind seine Räte. 1419 ist Volpert Regis de Fridslaria Notar und Schreiber des Mainzer Stuhles. 1434 war Joh. Kirchhain, später Dekan des St. Peterstiftes, „Kammerschreiber“ des Erzbischofs. 1465 war Conrad Balke can. fritl. landgräflicher Kanzler. 1465 war Dr. Joh. Herdeyn aus Fritzlar „Heimlicher Rat“ des Landgrafen Her­mann, 1479 Dr. Joh. Menche, scolast. fritl. Notar und Rat des Landgrafen Heinrich, 1483 wurde er als prepositus fritl. Kanzler Landgraf Hermanns zu Hes-sen, Erzbischof von Köln.

      Die Fritzlarer Stiftsschule mit ihren bedeutenden Juristen war si­cher­lich der Anlaß für „das Landfriedensgericht“, ein Bündnis, wel­ches in Fritzlar gegründet und wiederholt dort tagte. Um den fortwäh­renden Räubereien, Wegelagerungen und Plünderungen, Gewalttätig­keiten usw., die zu einer wahren Landplage geworden waren, ein Ende zu machen, traten eine Anzahl Fürsten zu Bündnissen zusammen, welche den Zweck hatten, diese Ausschreitungen zu unterdrücken und vor­kommende Streitigkeiten durch Landrichter zu schlich­ten.

      So schlossen Erzbischof Gerlach und Landgraf Heinrich 1. 1254 ei­nen solchen Landfrieden. Ihre Landrichter traten z. B. 1266, den 3. Mai in Fritzlar zusammen, um Mei­nungsverschiedenheiten zu schlichten. Nachdem nochmals 1273 bei Fritzlar zwischen Erzbischof und Land­grafen neue Vereinbarungen getroffen waren, traten 1293, weil die Ver­hält­nisse inzwischen wieder unerträglich geworden wa­ren, die Städte Fritzlar, Naumburg, Hofgeismar, Wolfha­gen, Warburg, Marsberg und Höxter zu einem Landfriedens­bunde zusammen. 1361 und 1370 finden wieder Vereini­gungen zwischen den beiderseitigen Landesherren in Fritz­lar statt. Jetzt treten auch benachbarte Fürsten dem Bunde bei. Am 12. März 1385 verbünden sich Erzbischof Adolf, Herzog Otto von Braunschweig, die Grafen von Waldeck und Ziegenhain und viele Ritter und Knappen. Zur Leitung der Geschäfte sollen der Erzbischof drei, das Land Westfa­len drei, das Land Sachsen drei und die Lande zu Hessen und in der Buchenau (Fulda) drei Abgeordnete wählen, „und wann die gekorne also alle zusamen ryden wurden, daz solde gescheen gein friczlar“ (aus Braunschw. Urkb. VI p. 123). 1393 traten dem Bunde die Bischöfe von Pader­born, der Landgraf Balthasar von Thüringen und Markgraf zu Meißen, sowie Landgraf Hermann von Hes­sen bei.

      „Auch sind wir fursten überkomen, waz das wir alle jare eyns czu­sa­men komen sollen czu Friczlar mit namen uff den suntag nach mit­fa­sten, und dazu überkomen, waz nucze gut sie czu dem fride“ (Cod. dipl. Sax.). 1401 ritten die Schiedsleute noch nach Fritzlar. In der Rechnung der Stadt Hildesheim heißt es da: „de hovetman verdan do he reden was van unses herrn weghen an de lant­richtere to Fritzlar“. In der Mitte des 15. Jahrhunderts ver­lieren sich die Richtertagungen in Fritzlar.

      All diese urkundlich belegten Vorkommnisse zeigen uns die be­deutende Stellung von Fritzlar im Mittelalter. Im Jubi­läumsband der Philipps-Universität in Marburg zur Vier­hundertjahrfeier des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, Band 56, 1927, von Seite 347 bis 436 be­schreibt Dr. Karl Heldmann, Professor an der Uni­ver­sität Halle-Wittenberg, „Das akademische Fritzlar im Mittelal­ter“ in einem Bei­trag zur Geschichte des geistigen Lebens in Hessen, worin er die Stiftsschule zu Fritzlar als ein Vorläu­fer der Philipps-Universität von Mar­burg sieht, als Abschlußkapitel folgendes: „Unbezweifelbar bleibt dennoch, daß das ungünstige, je­denfalls aus einem konfes­sionellen Vor­urteil geborene Ur­teil über die Fritzlarer Stiftsschule im Mittelalter in keiner Weise zu recht besteht und allein schon durch die Listen der Scholaster, Graduierten und Studierenden, die wir nun folgen lassen, bündig wiederlegt wird. In Wahrheit ist das Fritzlar jener Jahrhunderte vielmehr der eigentliche Mittel­punkt des geistigen Le­bens in Alt-Hessen gewesen, ein nicht bloß einfach kirchliches, son­dern auch ein `akade­misches ­Fritzlar´, das seine Rolle erst ausgespielt hat, als die neuen Geistesströmungen, Humanismus und Reformation, an seine Mauern heranbrandeten und im oberen Fürstentum Hessen die erste dem neuen Geist gewidmete Hochschule, Landgraf Philipps Universität zu Marburg, erstand. Ihr sei zu ihrem 400. Jubelfest diese Arbeit aus dankbarem Herzen darge­bracht!“ 

      (Es folgt dann der Nachweis bis zum Ende des 15. Jhrht. von cirka 500 Akademikern aus Fritzlar).

                                                                                                                                                                                                                                   Hans Josef Heer

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 02/10, vom 09. Januar 1976, S. 1-2

Deutsche Kaiser und Könige in Fritzlar

Der Besuch gekrönter Häupter war ein Beweis für die bedeutende Stellung unserer Stadt.

      Das alte Urkundenarchiv von Fritzlar, unter dessen Bestand sich sicherlich auch mehrere Kaiserurkunden befanden, wie et­wa die bedeu­tende Schenkung Karl des Großen an die Fritzlarer Kirche 782, sind durch die zwei großen Stadt- und Kirchenzer­störungen, 1079 durch die Sachsen und besonders 1232 durch Landgraf Konrad, vernichtet wor­den. Deshalb sind wir für die frühe Geschichtszeit auf Forschungsfunde anderer Archive ange­wiesen, mit dem Erfolg, daß man 1909 erst 13 Kaiseraufenthal­te in Fritzlar nachweisen konnte, die sich aber bis heute schon auf 23 erhöht haben. Der Ausbau der königlichen Anlage in Fritzlar zur Pfalz erfolgte wahrscheinlich schon unter Karl dem Großen im Zusammenhang mit den Sachsenkriegen, denn das Vorhandensein einer Pfalz wird uns mehrmals quellenmäßig be­legt.

      Warum es im alten Deutschen Reich mal Könige und mal Kai­ser gab, hat folgende Bewandtnis: die deutschen Könige wurden von den Fürsten, seit dem 13. Jahrhundert ausschließlich von den sieben Kur­fürsten gewählt, aber nur in Rom von den Päpsten zum Römischen Kaiser gekrönt; es sind daher nicht alle Könige zu Kaisern gekrönt worden.Mit Maximilian 1. (1493 -1519) hör­te die Krönung in Rom auf, der Gewählte nannte sich nun gleich mit der deutschen Wahl Römi­scher Kaiser.

      Die Reichsinsignien, die Hoheitsabzeichen der deutschen Kö­nige und Kaiser im alten Reich, bestanden in den Hauptteilen aus Krone, Zepter, Reichsapfel (Weltkugel mit Kreuz, ursprüng­lich Sinnbild der christ­­lichen Weltherrschaft des Kaisers), sowie Schwert, Schild und hei­lige Lanze mit den dazugehörigen Kaiserornaten. Diese Isignien und Klein­odien des Heili­gen Römischen Reiches deutscher Nation befinden sich wohl noch heute in der Schatzkammer des ehemaligen „Aller­höchsten Kaiserhauses“ in Wien.

      In der Hoffnung, daß auch unsere Stadt Fritzlar mit seinem histori­schen Rathaus aus dem 11. Jahrhundert, ähnlich wie die Städte Aachen, Frankfurt oder Goslar, sich dazu entschließt, diese deutschen Kaiser und Könige in Bild und Belegen zur Dauerausstellung zu brin­gen, um damit den Einheimischen wie den Besuchern die geschicht­liche Bedeutung unserer Stadt ins Bewußtsein zu rufen.

                                                                                                                                                                                                                                                        H.J. HEER

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 03/10, vom 16. Januar 1976, S. 1

DEUTSCHE KAISER UND KÖNIGE IN FRITZLAR

König Konrad 1. König von 911 bis 918

Die Hauptträger der karolingischen Politik in Hessen des 9. und 10. Jahrhunderts waren die Konradiner, die als karolingische Grafen nicht nur die üblichen Reichsrechte wahrnahmen, sondern auch in Fritzlar einen eigenen Verwaltungsmittelpunkt errichteten, der schon am Ende des 8. Jahrhunderts die Anfänge einer konradinischen Resi­denz erken­nen läßt.

      Damit war Fritzlar der bedeutendste Ort weit und breit gewor­den, wo das hessisch-konradinische Grafengeschlecht eine Villa besaß. Im Jahre 911 wurde der hessische Konradiner, Graf Konrad der Jüngere in Forchheim bei Bamberg zum deutschen König gewählt.

 Vor der Königswahl trug er den Titel „Konrad, Herzog von Ost­franken, Hessen, Wetterau und Fritzlar, Fürst von Thüringen. So wurde die kon­radinische Villa in Fritzlar Königsvilla, königliches Kammergut, Kö­nigspfalz. Dies wird später ausdrücklich bezeugt.

      Königspfalzen hatten in der Regel Pfalzkapellen, die dem hl. Johannes dem Täufer geweiht waren. Die alte Johanneskirche, die ehe­mals am Domplatz stand, ist wahrscheinlich als die alte Pfalzka­pelle an­zu­sehen, die uns zugleich den Platz der alten Kaiserpfalz in Fritzlar an­deu­tet. Sie stand in der Nähe des heutigen Domes, westlich gegenüber dem Rathaus an der Nordostseite des Domplatzes.

           Die Herrschaft Konrads I. sollte nur von kurzer Dauer sein. Nach­dem er den mächtigen Sachsen-Herzog Heinrich zur Anerkennung sei­ner Königswürdegezwungen hatte, kämpfte er gegen die raubsüchti­gen Feinde Deutschlands, die Ungarn, empfing aber in diesem Kriege eine schwere Wunde, an welcher er krank danieder lag. Als er nun die Nähe des Todes fühlte, berief er seinen Bruder Eberhard, der weder den Ruf der Tapferkeit, noch die Liebe und Zuneigung seines Volkes besaß, und redete ihm zu, der Regierung zu entsagen, die Reichsklein­odien dem Herzog Heinrich von Sachsen zu überbringen und dessen Wahl zum König auf alle Weise zu fördern. Zu dem Ende sagte er zu Eberhard u. a.: „Täusche dich nicht, mein Bruder, über Dinge, von denen ich dir bisher, um dich nicht zu betrüben, noch nichts sagen mochte. Das Volk wünscht dich nicht zum König zu haben. Zwar kann unser Haus Heere ins Feld stellen; wir haben Städte und Waffen und sind im Besitze der Zeichen des Reiches, sowie alles dessen, was die königliche Würde verlangt. Nur das fehlt uns: Glück und persönliches Ansehen.“

      So starb König Konrad I. nach nur achtjähriger Herrschaft am 23. Dezember 918. Der Tod dieses konradinischen Königs ist mit einer Handlung verknüpft, die seit jeher in der deutschen Geschichte als einzi-gartig gegolten hat, nämlich die Übergabe der Krone an seinen mächtigsten Gegner, Herzog Heinrich von Sachsen.

                                                                                                                                     H.J.HEER

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 04/10, vom 23. Januar 1976, S. 1

DEUTSCHE KAISER UND KöNIGE IN FRITZLAR

HEINRICH 1. König von 919 bis 936

Das historisch bedeutendste Ereignis in der 1250jährigen Ge­schichte Fritzlars ist zweifellos die Erhebung Heinrichs 1. zum Kö­nig im Mai 919 durch die dort versammelten Franken und Sach­sen. „Von da an“, be­merkte Otto von Freising, der größte Geschichts­denker des deutschen Mittelalters, schon vor mehr als 800 Jahren in seiner Chronik „von da an rechnen manche dem Reich der Fran­ken das der Deutschen“.

      Hier in Fritzlar am Domplatz vor der Kaiserpfalz haben wir uns die weltgeschichtlichen Stätte zu denken, an der die Wahl des Sach­senherzogs Heinrich zum deutschen König erfolgte. Der sterbende König Konrad hatte nämlich hochsinnig nicht an sein Haus, sondern an das Reich gedacht und darum seinen Bruder Eberhard und die Großen, die das Lager umstanden, aufgefordert, um Spaltungen zu vermeiden, Herzog Heinrich von Sachsen, „den würdigsten und mächtigsten Für­sten", zum König zu wählen. Nach seinem Tode erfüllte Eberhard alsbald seines Bruders letzten Willen. Mit der Kro­ne und den anderen Zeichen der königlichen Würde begab er sich zu Herzog Heinrich. Er traf ihn der Sage nach in Quedlinburg am Vogelherde, erzählte dem Staunenden seines Bruders Auftrag, fiel ihm zu Füßen und bot ihm Krone und Zepter an. Als Heinrich ein­willigte, berief Eberhard mit Zu­stimmung der fränkischen und säch­sischen Großen eine Reichsver­samm­lung nach Fritzlar im Mai 919.

Dort lenkte er die Wahl auf Herzog Heinrich, welcher auch wirk­lich von den Sachsen und Franken zum König erwählt, und nach­dem er die Würde angenommen hatte, als solcher ausgerufen wurde. Doch lehnte der neue König die ihm von dem Mainzer Erz­bischof Heringer angebotene Krönung und Salbung mit der Äußerung ab: „Es genügt mir daran, höher zu stehen als meine Vor­fahren und durch Gottes Gnade und euer Vertrauen König zu heißen; Salbung und Diadem mögen Würdigere em­pfangen.“

      Herzog Eberhard, dem der Verzicht auf die Krone gewiß nicht leichtgefallen ist, und König Heinrich haben sich ebenso respek­tiert, wie das um­ge­kehrt vorher König Konrad mit Herzog Heinrich getan hatte. Auch der neue deutsche König Heinrich I. hat zweifellos das ihm gebrachte Opfer in aller Form anerkannt und den fränkisch-hessischen Raum soweit wie möglich geschont und der Herrschaft Eberhards überlassen.

      Diese einmalige Tat hatte überjahrhundertelang. deutsche Dichter u. Denker bewegt. So schrieb 1840 der Romantiker Joh. Nepomuk Vogl das bekannte Gedicht: Herr Heinrich sitzt am Vogelherd recht froh und wohlgemut; aus tausend Perlen blinkt und blitzt der Morgenröte Glut“. 1910 erschien das Schauspiel von Ernst von Wildenbruch „Der Deut­sche König“, und 1925 die „Sonnenwende“ von Heinrich Winter, die alle das einmalige Thema beinhalten.

                                                                                                            H.J.HEER

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 05/10, vom 30. Januar 1976, S. 1

DEUTSCHE KAISER UND KÖNIGE IN FRITZLAR

Kaiser Otto 1. - genannt der Große - von 936 bis 973

Nachdem König Heinrich I. am 2. Juli 936 in der Pfalz zu Memle­ben die Augen schloß, übernahm sein Sohn Kaiser Otto I., genannt der Große, die Regierungsgewalt.

      Er war der größte Herrscher des sächsischem Hauses, der sich mit der Macht des Königtums gegen die der Stammesherzogtümer durchge­setzt hatte. Durch die Unterwerfung Oberitaliens 951 und durch seine Kai­serkrönung in Rom 962 schuf er die weltgeschichtliche Verbindung Deutschlands mit Italien. Er war der Gründer des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

      In Fritzlar weilte Kaiser Otto 1. am 18. Januar 943. Bei ihm sind Erz­bi­schof Friedrich von Mainz, Herzog Hermann und sein Bruder, der hl. Bruno, Erzbischof von Köln. Im Mai 953 hält er in der Kaiserpfalz zu Fritzlar einen Reichs- und Gerichtstag zum Abschlug eines in Dort­mund gegen fürstliche Empörer eingeleiteten Verfahrens. Anwesend wa­ren Herzog Heinrich, Erzbischof Friedrich von Mainz, Graf Dadi und Wilhelm. Konrad von Lothringen wird abgesetzt, die Grafen Dadi und Wilhelm gebannt, Herzog Heinrich zur Verwahrung übergeben. Auch Liudolf, der letzte hessische Graf, verliert auf diesem Reichs­tag Herzog­tum und Lehen.

   Vom 12. bis 16. Januar 958 finden wir Kaiser Otto I. abermals in Fritzlar. Auf die Fürsprache seines Bruders, des hl. Bruno von Köln, machte er eine Schenkung an das Kloster Meschede und an die Kirche zu Chur. Letztmals halten sich Kaiser Otto I. und sein Sohn Wilhelm, seit 954 Erzbischof von Mainz, für Jahre 959 in der Kaiserpfalz zu Fritzlar auf.

 Vom 12. bis 16. Januar 958 finden wir Kaiser Otto I. abermals in Fritzlar. Auf die Fürsprache seines Bruders, des hl. Bruno von Köln, machte er eine Schenkung an das Kloster Meschede und an die Kirche zu Chur. Letztmals halten sich Kaiser Otto I. und sein Sohn Wilhelm, seit 954 Erzbischof von Mainz, für Jahre 959 in der Kaiserpfalz zu Fritzlar auf.

     Dieser Kaiserbesuch hatte wohl für Hessen und Fritzlar eine Bedeu­tung von großer Tragweite. Er dürfte für Fritzlar ein Mark­stein in seiner Geschichte gewesen sein. Erzbischof Wilhelm war der Lieblingssohn des Kaiser Otto I., der ihm wiederholt Beweise seiner kaiserlichen Huld gab. Er hatte ihm das Reichs-Erzkanzleramt übertragen, das nunmehr mit dem erzbischöflichen Stuhle in Mainz verbunden blieb. Ergab ihm die weltliche Herrschaft über das Erfurter Land und auch, nachdem der letzte hessische Graf 953 abgesetzt war, die Grafschaft Hessen, die nun Mainz zunächst durch Wernerische und dann durch Gisonische Grafen verwalten ließ. Der Besuch Kaiser Otto I. und des Mainzer Erzbischofs Wilhelm in Fritzlar vom Jahre 959 sollte also wohl diesen wichtigen ge­schichtlichen Akt besiegeln.

      Nun gehörte Fritzlar nicht bloß kirchlich, sondern auch staatlich zu Mainz und blieb mit den Dörfern Ungedanken und Rothhelmshausen, gleichwie die Ämter Naumburg, Neustadt und Amöneburg, bis zum Jalrre 1803 mainzisch, während die übrigen hes­sischen Gebiete mit der Zeit an das thüringisch-hessische Fürstengeschlecht fielen.

                                                                                                            H.J.HEER

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 06/10, vom 06. Februar 1976, S. 1-2

DEUTSCHE KAISER UND KÖNIGE IN FRITZLAR

Kaiser Otto II. - 973 bis 983

Auch Kaiser Otto 1. der Große war - wie sein Vater Kaiser Heinrich I. - in der Pfalz zu Memleben am 7. Mai 973 gestorben. Sein Grabmal befin­det sich in dem von ihm gestifteten Dom zu Magdeburg.

      Sein Sohn, Kaiser Otto II. übernahm 973 die Regentschaft. Er war von gelehrter Bildung, ging über die politischen Bestre­bungen des Va­ters hinaus, indem er die auf eine vollkommene Beherrschung des Mit­tel­meers zielende Politik der römischen Imperatoren und ihre Nachfol­ger wieder aufgriff. Italien sollte als zentrale Macht Südeuropas gleich­be­rech­tigt neben Deutsch­land treten. 961 zum König gewählt, 967 als Mitkaiser gekrönt, 972 mit der griechischen Prinzessin Theophano vermählt, hat er meistens in Italien gelebt.  

Kaiser Otto II. ist wahrscheinlich urkundlich nur einmal in Fritzlar gewesen, und zwar wenige Tage nach der feierlichen Be­stattung seines Va­ters in Magdeburg, wo er von dort am 6. Juni 973 mit seinem Hof­staat aufbrach. In seiner Begleitung befand sich seine Mutter, die Kai­se­rin Adelheid, eine geborene Prinzes­sin von Burgund, und für unser Fritzlar von Bedeutung, ein ara­bischer Gesandter, von dem uns eine Schilderung über unsere Stadt vor 1000 Jahren überliefert wurde. Der Aufenthalt des Kaisers war nur kurz, die Reiseroute ging über die Pfalzen Werla, Grone und Fritzlar zu dem nach Worrns einberufenen Reichs­tag. Die in der Kanzlei des Kaisers zur Beurkundung in Fritzlar vorgenommene Schenkung wurde daher erst nach der Ankunft in Worms am 16. Juni vorgenommen.

      Der Gesandte, Araber Ibrahim ibn Achmed at-Tartuschi, war im Auftrage des Kalifen Hakam II. im mohammedanischen Spa­nien nach Deutschland an den Hof Ottos I. und Ottos II. 973 gekommen. Welcher Art seine Mission war, wissen wir nicht ge­nau. Es wird nur berichtet, daß er eine Menge kostbarer Ge­schenke für Kaiser Otto überbrachte und dieser ihm seinerseits Geschenke an seinen Herrn, den Kalifen, mit­gab.

      Tartuschi bereiste in Deutschland eine Reihe von Städten, von denen in den vorhandenen Textfragmenten noch folgen­de Namen erhalten sind: Schleschwiq (Schleswig), Itraht (Ut­recht), Madifurg (Magdeburg), Schu­schit (Soest), Magandscha (Mainz) und „Ifridislar", eine Arabi­sie­rung des Namens Fritz­lar.

      Hören wir nun, was er von seinem Besuch in Fritzlar zu be­richten weiß:

     „Ifridislar“, so beginnt Tartuschi, „ist eine feste Stadt in „Ifran­dscha“ (Frankreich), deren Häuser aus Steinen erbaut sind. Sie wurde vor mehr als zwei  Jahrhunder-      ten von einem gro­ßen christlichen Mär­tyrer (Bonifatius 724) gegrün­det. In der Stadt befindet sich auch eine Kirche, die aus großen Steinblöcken errichtet ist und ein        Kloster mit Mön­­chen. Ifridislar ist berühmt in den Frankenlande, weil hier die Infran­dschin (Franken) und die Schäschin (Sachsen) vor einem halben Jahr­hundert          ihren er­sten König gewählt haben“. (Heinrich I. 919)

      Über die Bevölkerung und ihr Leben heißt es:

     „Die Bewohner der Stadt sind alle Christen und verehren den Messias - Friede sei mit ihm! Sie gewinnen ihren Lebensunterhalt durch die Landwirtschaft, Handel            und Handwerk. Sie sind fleißig und ehrlich, fromm und gläubig und besu­chen oft in großer Zahl die erwähnte Kirche, um dort ihren Gott zu verehren.“

      Er fährt dann in seinem Bericht fort:

      „Die Leute wohnen dort in Häu­sern, deren Form verschieden von der unseren ist. Die Dächer sind spitz und nicht flach wie im Orient. Die Fenster­öffnungen befinden       sich an der Außenseite, so daß jeder ins Innere blicken kann, im Gegensatz zu unseren Häusern, deren Fenster an der Innenseite liegen. Die Umge­bung von Ifridislar       ist sehr frucht­bares Land. Ich sah dort Bäume, die Äpfel, Birnen und Pfirsiche trugen.“

      Auch beschreibt er noch in sehr eigenartiger Weise das Klima und die Sauberkeit der Einwohner von Fritzlar.

                                                                                                                                                                                                                                                         H.J.HEER

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 07/10, vom 13. Februar 1976, S. 1

DEUTSCHE KAISER UND KÖNIGE IN FRITZLAR

Kaiser Otto III. von 983 bis 1002

Kaiser Otto II. starb am 7. Dezember 983 in Rom. Sein Grabmal befin­det sich in der dortigen Peterskirche.

      Sein Sohn, Kaiser Otto III., als Nachfolger war ein hoch­strebender Jüng­ling von feiner und reicher Bildung, aber phan­tastisch, unpolitisch und unerfahren. Er nahm Rom zur Resi­denz und wollte von hier aus in Gemeinschaft mit dem Papst die Christenheit nach den Ideen des Got­tes­staats regieren. Bis 994 unter der Vormundschaft seiner Mutter, der Kaiserin Theophano, und nach deren Tod dann seiner Großmutter, der Kaiserin Adelheid. Auf dem 1. Römerfeldzug machte er seinen Vetter Bruno zum Papst (Gregor V.), der ihn 996 im Alter von 16 Jahren zum            Kaiser krönte.

      Zu einem Aufenthalt Otto III., des vierten in der Reihe der Herrscher aus ottonischem Hause, kam es in Fritzlar nicht mehr. Doch wissen wir aus den Viten der beiden Hildesheimer Bischöfe Bernward und Gode­hard von dem Plan eines Hofta­ges, zu dem Otto III. die Fürsten für den Fall seiner Rückkehr aus Italien auf den 31. Mai 1002, den Sonntag nach Pfingsten, geladen hatte. Auf einen Fürstentag zu Frankfurt im August 1001 einigten sich Erzbischof Willigis von Mainz und Thang­mar, der Vertreter Bischof Berwards von Hildesheim, den Gan­dersheimer Streit bis zu ihrem Erscheinen am 31. Mai 1002 vor dem Kaiser in Fritzlar ruhen zu lassen. Dieser Hoftag wur­de am 27. Dez. 1001 auf der Synode zu Todi (in der italieni­schen Provinz Perugia) vor Kaiser und Papst gehaltene Rede für nach „Fridislare ad palatium“" (Kaiserplatz) festgelegt.

      Jedoch der Tod Kaiser Ottos III. am 24. Jan. 1002 in der Burg Paterno in Sizilien macht den Hoftag in Fritzlar ge­genstandslos. Es war das Ende eines jugendlichen Phantasten von 22 Jahren. Sein Grabmal befindet sich im Dom zu Aachen.

                                                                                                            H.J.HEER

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 08/10, vom 20. Februar 1976, S. 1-2

DEUTSCHE KAISER UND KÖNIGE IN FRITZLAR

Kaiser Heinrich II. der Heilige von 1002 – 1024

Mit Recht kann die Wissenschaft in der Geschichtsschrei­bung nur sol­che Forschungen anerkennen, die urkund­lich belegbar sind. Leider sind über Besuche Kaiser Hein­rich II. in Fritzlar noch keine urkundli­chen Belege gefun­den worden, trotzdem sprechen überzeugende Überliefe­run­gen und besonders das kostbare Fritzlarer Kaiserkreuz im Dom­schatz für den Besuch dieses Kaisers. Für die Fritz­larer Geschichts­for­schung über diese frühe Zeit, haben sich die großen Urkundenverluste bei den Zerstörungen 1079 und 1232 als besonders bedauerlich er­wiesen. Andererseits muß man bei den urkundlichen Erwähnungen be­den­ken, daß sie über die Häufigkeit von Kaiserbesuchen in der Fritzla­rer Pfalz nur eine sehr beschränkte Aussage machen können, denn selbst­verständlich haben die Herrscher nicht jedesmal an jedem Ort, wo sie sich aufhielten, geur­kundet.     

      Die Erwähnung einer Fritzlarer Generalsynode in der „Vita Haime­radi“ wird wissenschaftlich durchaus für mög­lich gehalten. Nach der Überlieferung soll sie 1020 in Fritzlar unter dem Vorsitz des Erzbischofs Erkenbald stattgefunden haben, auf dessen Konzil Kaiser Heinrich II. der Kirche zu Fritzlar das kostbare Vortragekreuz schenkte.nnen, denn selbst­verständlich haben die Herrscher nicht jedesmal an jedem Ort, wo sie sich aufhielten, geur­kundet.

Das romanische Vortragekreuz von etwa 48 Zentimeter Höhe und 29 Zentimeter Breite ist von der Kunstwissen­schaft in das erste Drittel des II. Jahrhunderts datiert. Die Vorderseite ist mit 346 Edelsteinen in Goldfilet ge­faßt, die alle das Mittelstück, einen großen, ovalen, durch­sichtigen Bergkristall mit einem Kreuzpartikel vom „Kreuze Christi“ umrahmen. Sie setzen sich wie folgt zusammen:

7 Achate, 22 Almadin Granate, 46 Amethyste, 31 26 Chalcedone, 3 gebrannte Chalcedone, 16 Chrysopase, 3 Granate, 1 Labrador, 2 Nicolei, 1 Obsidian, 1 Onyx, 1 Plasma, 6 Saphire, 4 Wasser-Saphire, 1 Lux-Saphir, 1 Topas und 142 Perlen. 17 der Steine sind als griechische, römische und gallische Gem­men hervorzuheben. Wahrlich ein kaiserliches Geschenk.

      Dieses kostbare Kreuz schmückte bei festlichen Gelegenheiten den Altar der Krypta, der dem hl. Kreuz geweiht war. Landgraf Ludwig III. (1172 - 1182) berichtet uns in einer Urkunde, daß dieses Kreuz in der Fritzlarer Krypta ihn und seine Gemahlin zu Tränen gerührt und ihn bestimmt habe, für diesen Altar eine Stiftung zu machen. Es ist wohl kaum anzunehmen, daß Landgraf Ludwig III. eine solche Stiftung vorge­nommen hätte, wenn ihm nicht bekannt gewesen wäre, daß dieses Kreuz eine Schenkung des 1146 heiliggesprochenen Kaiser Heinrich II. war.

      Als weiterer Beweis, das Kaiser Heinrich II. in Fritzlar gewesen sein kann, muß die Tatsache gewertet werden, daß er fünf Mal das Kloster Kaufungen besuchte, eine Stiftung seiner Gattin Kunigunde, das letzte Mal am 22. Mai 1020, da es ja nicht weit von Fritzlar liegt.

      Kaiser Heinrich II., der letzte der Sächsischen Herrscher, starb am 13. Juli 1024 ohne Leibeserben, sein Grabmal befindet sich im Dom zu Bamberg.

                                                                                                            H.J.HEER

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 09/10, vom 27. Februar 1976, S. 1 

DEUTSCHE KAISER UND KÖNIGE IN FRITZLAR
Kaiser Konrad II. von 1024 bis 1039

Kaiser Konrad II., der erste Salier auf dem deut­schen Thron, war ein kraftvoller Herrscher. Er brachte Bayern, Schwaben und Kärnten an sein Stammhaus, sowie 1031 beide Lausitzen und 1034 Burgund an das Reich.

      1027 wurde er zum Kaisergekrönt und war mit der Tochter Gisela des Herzogs Hermann II. von Schwaben vermählt.

      Zum ersten Mal weilte Kaiser Konrad II. am 15. Juni 1028 in der Pfalz zu Fritzlar. Damals trat der kaiserliche Kapellan Hageno einige Gü­terstücke an Erzbischof Aribo von Mainz ab.

      Es ist wahrscheinlich, daß der Kaiser bei seinem Reisezug von Aachen über Dortmund und Pa­derborn nach Magdeburg im Juni 1028 den Weg über Fritzlar einschlug.

      Am 18. Januar 1032 weilte Kaiser Konrad II. auf seiner Fahrt von Paderborn nach Straßburg ebenfalls in der Pfalz zu Fritzlar. Im Gefolge des Kaisers befanden sich seine Gemahlin Kaiserin Gisela, sein Sohn, König Heinrich III. sowie die Bischöfe Meinwerk von Paderborn und Egilbert von Freising. Bei dieser Gelegenheit wurde in Fritzlar ein Diplom für das Bistum Paderborn ausgestellt.

     Kaiser Konrad IIL verstarb am 4. Juni 1039 in Utrecht, er wurde in dem von ihm gestifteten Dom zu Speyer beigesetzt.

                                                                                                            H.J.HEER

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 10/10, vom 05. März 1976, S. 1 

DEUTSCHE KAISER UND KÖNIGE IN FRITZLAR

Kaiser Heinrich III. von 1039 bis 1056

Kaiser Heinrich III., Sohn Konrads II., war einer der bedeutend­sten und von höchsten Idealen getragener Herrscher. Unter sei­ner Herr­schafts­führung hatte das Deutsche Reich seine größte Ausdehnung er­hal­ten. Er brachte Ungarn in seine Abhängigkeit und schob die Grenzen des Rei­ches bis zur Leitha vor.

      Er beseitigte 1046 das Schisma (die Kirchenspaltung; durch die Synoden von Sutri und Rom und brachte 4 deutsche Bischöfe auf den päpstlichen Thron (Klemens II., Damasus II., Leo IX. und Viktor II.). 1027 war er Herzog von Bayern, 1028 wurde er zum König und 1046 zum Kaiser gekrönt. Seine erste Gemah­lin war Gunhild, Tochter Knuts des Großen, dänischer König, zugleich König von England und Norwe­gen, seine zweite Gemahlin Agnes von Poitou. 

      Heinrich III. war erstmalig als junger König mit seinen kaiserli­chen Eltern am 18. Januar 1032 in der Pfalz in Fritzlar. Im Lau­fe seiner mehr als 17jähri-gen Regierungszeit ist Kaiser Heinrich III. noch dreimal in Fritzlar nachzuweisen: im Juli 1040, als sich der Hof auf dem Wege von der Pfalz Trebur nach Goslar befand. 

     Bei diesem Besuch in Fritzlar wurde in Anwesenheit des Kö­nigs, der Bischöfe von Speyer, Paderborn und Como sowie vier ge­nann­ter Grafen ein Streit geschlichtet wegen der strittigen Zehnten zwi­schen Erzbischof Bardo von Mainz und der Äbtissin Hildegard über das von der hl. Kaiserin Kunigunde gegründete Frauen­kloster Kaufungen bei Kas­sel.

      Vertreten wurde das Kloster durch den Bischof Theoderich von Metz, dem Bruder der hl. Kaiserin Kunigunde. Der sogenannte Hes­sen­zehnte des Klosters Kaufungen wird als zu Recht bestehend anerkannt, und zur Ablösung desselben werden einige Kaufun­ger Güter an Mainz abgetreten, und zwar Holzheim, Udenborn, Dorla, Nassen­erfurth und das Gut Gensungen. Am 7. Dezember 1046 schenkt Kaiser Heinrich III. in Fritzlar auf Fürsprache seiner Gemahlin dem Erzbischof Balduin in Salzburg ein Gut Liut­oldesdorf. Am 2. August 1047 macht Kaiser Heinrich III. in Fritzlar dem hessischen Frauenkloster Hilmars­hau­sen an der Weser unter der Abtissin Swanehild seinen Grundbesitz in der benachbarten Villa Scheden zum Geschenk.

      Kaiser Heinrich III. starb am 5. Oktober 1056 in der Pfalz zu Bod­feld im Harz, sein Grabmal befindet sich im Kaiserdom zu Speyer.

                                                                                                            H.J.HEER

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 11/10, vom 12. März 1976, S. 1-2 

DEUTSCHE KAISER UND KÖNIGE IN FRITZLAR
Kaiser Heinrich IV. von 1056 bis 1106

Heinrichs III. Sohn war Kaiser Heinrich IV., der von allen deutschen Herrschern sich am häufigsten in Fritzlar aufge­halten hat. Deutscher       König seit 1056, römischer Kaiser seit 1084.   

      Erstmals treffen wir den noch nicht sechzehnjährigen jungen König in Fritzlar Mitte Mai 1066. Da wurde er schwer krank. Die Ärzte gaben ihn auf, die Fürsten berieten bereits über die Reichsnachfolge. Am Kran­­kenlager weilten der Landesherr von Fritzlar, Erzbischof Siegfried 1. von Mainz, sein Weih­bischof, der Propst von Fritzlar, und Graf Ekbert. Die jugend­lich kräftige Natur Heinrichs siegte über seine schwe­re Krank­heit. Geheilt verließ er Fritzlar, um in Tribur Hochzeit mit Bertha von Turin (Savoyen). zu feiern.

      Acht Jahre später, am 22. März 1074, erschien Heinrich IV. abermals in Fritzlar, wo er dem Markgrafen Ernst auf seine Bitte inner­halb seiner Mark Ostreich 40 Hufen im Walde Raabs schenkte.

     Der große Kampf zwischen Kaisertum und Papsttum war ent­brannt, der sogenannte Investiturstreit. Schon die Vorgänger Heinrichs IV. hatten selbständig und ohne Zutun der Kirche kirchliche Stellen, be­son­ders Bischofs- und Abtssitze, besetzt. Solange sie dazu tüchtige Männer wählten, hatte Rom geschwie­gen, umsomehr, da es ein gewis­ses Mitwirkungsrecht der Krone bei der Besetzung dieser Stellen desh­alb anerkennen mußte, weil Bischöfe und Äbte damals vielfach zugleich Landesherren waren. Als aber Heinrich der IV. soweit ging, daß er eine Geld- und Günstlingswirtschaft einführte, konnte die Kirche nicht länger schweigen. Kaiser Heinrich IV., damals 24 Jahre alt, kümmerte sich nicht darum, besetzte nach wie vor die erledigten Bi­schofs­­sitze und ließ sogar am 24. Januar 1076 auf der Synode von Worms den Papst für abgesetzt erklären. Der. Papst erwiderte mit dem Bann des Kaisers, der deshalb verhängnisvoll für diesen war, weil er damit nach damals geltendem Rechte seinen Thron verlo­ren hatte. Durch diesen Bann wurde Kaiser Heinrich IV. in der Geschichte als Canossa-Kaiser bekannt.

      Papst Gregor VII. suchte durch Friedensverhandlungen die heillose Spal­tung zu beseitigen, und diese Friedensverhand­lungen zwischen Papst und Kaiser einerseits und zwischen dem 1077 zum Gegenkönig gewählten Rudolf von Schwaben ande­rerseits sollten zum Teil in Fritzlar stattfinden. Jetzt wurde noch mehr als bisher in Fritzlar die Weltge­schichte zur Orts­ge­schichte. Papst Gregor VII. hatte einen Legaten nach Deutsch­land zwecks Friedensherstellung gesandt. Diese Versammlung wurde nach Fritz­lar berufen und trat hier 1078 zusammen. Außer dem päpstlichen Le­ga­ten waren die sächsischen Großen und vertraute Ratgeber des Kaisers erschienen, an ihrer Spitze Erzbischof Udo von Trier, des Kaisers Wort­führer und Unter­händler. Die sächsischen Großen, Feinde Kaiser Heinrich IV., waren sehr ungehalten darüber, daß kein Reichsfürst sich einge­fun­den hatte, so wurde nur eine vor­läufige Einigung, ein Burg­friede, erzielt.

      Heinrich IV. hegte noch immer die Hoffnung, sich selber ohne Ver­mittlung mit seinen Gegnern auf friedlichem Wege aus­einandersetzen zu können. Und wirklich kam es in der Fasten­zeit 1079 zu einer erneuten Friedensversammlung in Fritzlar. Abgesandte von beiden Par­teien waren erschienen. Die Gesand­ten des Königs baten die Sachsen, sie möchten sich fügen und unterwerfen, der König würde dann alles vergessen und ihnen ge­wogen sein. Die Sachsen bestanden darauf, der König solle zuerst den Willen zum Frieden zeigen und dem Papst Gehorsam leisten. Als die Vertreter des Königs darauf erklärten, ihr Herr und auch sie kümmerten sich wenig um Frieden und Papst, löste sich die Versammlung wieder auf. (Danach entbrannte über Fritzlar ein schreckliches Geschehen, der Gegen­könig greift in die Ge­schich­te ein.)

      Der deutsche Gegenkönig Rudolf von Schwaben war 1080 ge­fallen und Papst Gregor VII. war 1085 gestorben. In demselben Jahre erschien Hein­rich IV. wieder in Fritzlar, wo ihn sein Freund, Bischof Udo von Hildes­heim, aufs neue seiner Treue und Unterwürfigkeit versicherte.

      Zu Beginn des 12. Jahrhunderts finden wir Heinrich IV. zum letzten Mal in unserer Stadt. Mit einer Heeresmacht war er an­fangs Dezember 1104 vom Rhein gekommen, um sich am Grafen Dietrich von Sachsen zu rächen. In seiner Begleitung befand sich sein Sohn, der bereits 1098 zum König gewählte spätere Heinrich V. Hier in Fritzlar, wo Heinrich IV. vor 38 Jahren als Schwerkranker mit dem Tode gerungen, hier sollte das an Bitternissen so reiche Leben dieses unglücklichen Kaisers den Höhepunkt der Tragik e­rei­chen. Hier in der Kaiserpfalz zu Fritzlar erfolgten die Flucht, der Abfall und die Empörung Heinrichs V. gegen seinen Vater.

      Am 7. August 1106 starb Kaiser Heinrich I V. in Lüttich, sein Grab­mal befindet sich im Kaiserdom zu Speyer.

                                                                                                            H.J.HEER

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 12/10, vom 19. März 1976, S. 1

DEUTSCHE KAISER UND KÖNIGE IN FRITZLAR
 Gegenkönig Rudolf von Rheinfelden 
Herzog von Schwaben von 1077 bis 1080

Rudolf von Schwaben wurde zum deutschen Gegenkönig in Forchheim am 15. März 1077 gewählt, er hat nur drei Jahre regiert und starb nach seiner siegrei­chen Schlacht über Kaiser Heinrich IV. bei Hohenmölsen 1080, sein Grabmal mit kunstvoller Bronzeplatte befindet sich im Dom zu Merseburg.

      Die gescheiterten Friedensverhandlungen und der Bann über Kaiser Heinrich IV. brachten den Gegenkönig Rudolf von Schwaben an die Regierungsmacht. Der Gegen­könig Rudolf von Schwaben hatte gegen Ende Januar 1079 eine ansehnliche Truppen­macht in Sachsen gegen den Kaiser zusammengezogen. Als die Fastensynode zu Fritzlar ergeb­nis­los verlaufen war, brach der Sturm los. Rudolfs Heer suchte zu­nächst Westfalen, das mehr zu Heinrich neigte, schwer heim, dann zog es südwärts durch das Hessenland und erschien vor Fritzlar. Denn Hein­rich war nach der Fastensynode selber nach Fritzlar gekommen. Der Chronist Gerstenberg erzählt: „Der Keyßer floch und enthilt sich zu Fritzlar. Da das der Herzog Rudolf vernahm, da tzoch er vor Fritzlar unde verbrannte die stad mit sente Bonifacius monster allerdinge, unde geschach auch große schade dem lande zu Heßen an fruchten. Da floch der Keyßer vorters an den Ryn.“

      Das Frühjahr 1079 brachte also wahre Schreckenstage über Fritzlar. Kirche, Stift und Stadt wurden von Rudolf und dem sächsi­schen Heere den Flammen preisgegeben. Sie müssen damals fürchter­lich hier gehaust haben, denn der Mainzer Erzbischof Wezilo, der sechs Jahre später das Trümmerfeld von Fritzlar besuchte, schrieb im Jahre 1085: „Als ich an den Ort kam, der Fritzlar heißt, fand ich das Münster von den Sachsen verbrannt, das Kloster völlig zerstört vor. Überall Trüm­mer und Leichen.“

      Die Verwüstung in Fritzlar hielt den Gang der Verhandlungen nicht auf. Schon im Sommer des Jahres 1079 beriefen die päpstlichen Lega­ten zur dritten Friedensver­handlung in Fritzlar ein. Der Kaiser und der Gegenkönig waren geladen, dazu Welf sowie die sächsischen und schwä­bi­schen Fürsten. Der Gegenkönig Rudolf und die sächsischen Fürsten erschienen, die anderen Geladenen, so hieß es, seien von Hein­rich von der Tagung abgehalten worden.

      Wohl aber war sein Vertreter zur Stelle, der Patriarch Heinrich von Aquileja. Dieser, sowohl wie auch die päpstlichen Legaten, Kardinal­erzbischof Petrus und Bischof Udalrich, wurden von dem gleichfalls anwesenden geistlichen Landesfürsten Siegfried I. von Mainz festlich em­pfangen.

      Der Gegenkönig Rudolf von Schwaben, der mit den sächsischen Für­sten zu Papst Gregor VII. hielt, sah den Zweck der Tagung darin, die Ursache der Zwistigkeiten sachlich und gerecht zu untersuchen und bestand darauf, Heinrich müsse nunmehr sichere Garantien geben, daß er sich den Festsetzungen des Fritzlarer Tages fügen werde. Man endigte die Tagung, als die Vertreter Heinrichs die befriedigende Erklä­rung abgaben, daß sie, wenn nötig, Heinrich zwingen würden, die aufge­stellten Forderungen zu erfüllen.

                                                                                                            H.J.HEER

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 13/10, vom 26. März 1976, S. 1-2

DEUTSCHE KAISER UND KÖNIGE IN FRITZLAR
Kaiser Heinrich V. von 1106 bis 1125

Der letzte Salier war kühn und energisch, aber verschlagen - Realpoli­ti­ker. Deutscher König 1106 - 1111, römischer Kaiser 1111 - 1125, vermählt mit Mathilde, der Tochter Heinrichs I. von England, ge­storben am 23. Mai 1125 in Utrecht, Grabmal im Kaiserdom zu Speyer. Heinrich V. war kinderlos und hatte seinen Neffen, den Staufer Fried­rich II. von Schwaben, zum Nachfolger ersehen.

      Heinrich V., Heinrich IV. Sohn! Ein weltgeschichtliches Drama mit Schuld und Sühne. Fritzlar sollte die Bühne dieses Dramas sein. Es war in der Nacht des 12. Dezember 1104, da verließ Heinrich V. heim­lich mit seinem Freunde Hermann von Wingenburg und anderen Ver­trauten die Kaiserpfalz in Fritzlar und begab sich nach Bayern in das Lager der Feinde seines Vaters, um mit ihnen gemeinsame Sache zu machen.

      Die Flucht und der Verrat seines Sohnes, das war wohl der größte Schmerz und die bitterste Enttäuschung im Leben Heinrichs IV. Tief erschüttert gab er am nächsten Tag sofort sein Unternehmen ge­gen die Sachsen auf. Schon sein erster Sohn Konrad hatte sich gegen ihn erhoben, die erste Ehe mit Berta war unglücklich gewesen, seine zweite Gemahling Praxedis hatte ihn verlassen, und nun erhob sich auch sein zweiter Sohn Heinrich gegen ihn. Das brach ihm das Herz. Am 7. August 1106 stand es zu Lüttich still. Ein unglückliches Leben hatte geendet.

      14 Jahre später. Nach seiner Thronbesteigung zeigte Heinrich V. sich als Sohn seines Vaters. Innerlich der Kirche fremd, kümmerte er sich nicht um das Investiturverbot und vergab wie sein Vater Bistümer und Abteien. Wie sein Vater erschien er auch in Rom, ließ Papst und Kardinäle gefangen nehmen und zwang den Papst, ihm für die Be­setzung von Bistümern und Abteien Zugeständnisse zu machen. Allein das Blatt wandte sich bald. 1115 war er von den Sachsen geschlagen worden, die seine Feinde geblieben waren, wie sie es seinem Vater gewe­sen. Vor Allerheiligen 1115 waren sie dann unter dem Vorsitze des Kar­dinals Dietrich in Fritzlar zusammengekommen, um selbständig ohne das Reichsoberhaupt über Reichsangelegenheiten zu beraten.

      Für den 28. Juli 1118 hatte der päpstliche Legat Kuno von Präneste abermals eine Synode nach Fritzlar ausgeschrieben. Sie war glänzend besucht. U. a. waren zugegen: Erzbischof Adalbert von Mainz und Erzbischof Friedrich von Köln, ferner die Bischöfe Godebald von Utrecht und Bruno von Speyer, außerdem aus Sachsen vier Bischöfe: Dietrich von Mün­ster, Gottschalk von Osna­brück, Arnold von Merseburg und Diet­rich von Naumburg.

      Die erste Handlung dieser glänzenden Versammlung war der Baunn über Kaiser Heinrich V., über den von ihm aufgestellten Gegenpapst und alle ihre Anhänger. In Fritzlar hatte er sich gegen seinen Vater vor 14 Jahren empört, in Fritzlar traf ihn auch der Bann. Geschichte und Gericht!

                                                                                                            H.J.HEER

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 14/10, vom 02. April 1976, S. 1

DEUTSCHE KAISER UND KÖNIGE IN FRITZLAR
König Konrad III. von 1138 bis 1152

Der erste Hohenstaufe als König 1138 auf deutschem Thron, Neffe Kai­ser Heinrich V., war ein fröhlicher umgänglicher Mann und ein tüchti­ger Territorialpolitiker. Als König vermehrte er die fränkischen Besitzun­gen der Familie im Nürnberger Gebiet durch die Ehe mit Gertrud von Sulzbach, kam 1149 vom zwei­ten Kreuzzug krank zurück und starb am 15. Februar 1152, sein Grabmal befindet sich im Dom zu Bamberg.

      Die Menge der Reichs- und Kirchenversammlungen in Fritzlar, die unter den sächsischen Kaisern Heinrich IV. und Heinrich V. ihren Höhepunkt erreicht hatten, ebbten allmählich ab.

 Ende August des Jahres 1145 traf König Konrad III., anläßlich der Weihe des Augustiner-Chorherrenstiftes Weißenstein bei Kassel mit Erz­bischof Heinrich von Mainz in Fritzlar zusammen. Das Kloster Weißenstein war eine Gründung des Fritzlarer Kanonikers Bubo von Fritzlar, 1143 Magister beim Chorherren­stift.

      Dann schließt die Reihe der Fritzlarer Tagungen mit drei großen Kirchenversammlungen. Eine Provinzialsynode hielt hier Erz­bischof Sieg­fried III. von Mainz am 30. Mai 1243, in der der Bann über Kaiser Friedrich II. verhängt und Statuten über Aus­spendung der Sakramente und die Kirchenzucht erlassen wurden.

      

      Zwei weitere Synoden fanden in den Jahren 1246 und 1259 in Fritzlar statt, die sich mit kirchlichen Aufgaben befaßten.

      11 Könige und Kaiser haben vom 10. bis 12. Jahrhundert die Geschicke des großen römischen Reiches deutscher Nation zum Teil bei 23 urkundlich nachweisbaren Aufenthalten in der Pfalz in Fritzlar ge­lenkt. Sicherlich sind die Herrscher noch weit öfter in Fritzlar gewesen, denn die Urkundenverluste aus der frühen deutschen Geschichte sind groß und nicht jeder Besuch wurde beur­kundet. 

      Darum möchte ich die Herrscherbesuche mit dem Abschlußsatz aus dem Festvortrag „Königs­stadt Fritzlar“ von Oberstaats­archivrat Dr. K. E. Demandt aus Marburg beschließen, der da lautet: „Wenden wir den Blick noch einmal Ab­schied nehmend unserer aus dem Morgenlicht der deutschen Ge­schichte herüber grüßenden Königsstadt Fritzlar zu und schließen mit den Worten der Dichtung: `Erinnerung und Hoffnung: Was vergangen, kehrt nicht wieder, aber ging es leuchtend nieder, leuchtet's lange noch zurück.´" 

                                                                                                            H.J.HEER

Stadtgeschichte:

 

Wochenspiegel Nr. 15/10, vom 9. April 1976, S. 1-2
 

DER ROTE HALS“ - NORDEINGANG AM DOM ZU FRITZLAR

Ein Beitrag zur Klärung des seltsamen Namens

An der Nordwand des Fritzlarer Domes, gegenüber des Treppenauf­ganges zum Rathaus, befindet sich in Gestalt eines Windfanges ein wie­terer Zugang zum Dominneren mit dem eigenartigen Namen „Der rote Hals“. Mit der Deutung dieses seltsamen Namens haben sich in den letzten hundert Jahren viele Forscher befaßt.

      Die erste baugeschichtliche Beschreibung des Domes, von Heinrich von Dehn-Rotfelser, Kassel 1864, in Sonderdruck „Die Stifts­kirche St. Petri zu Fritzlar“. Bei seiner Beschreibung der Nordwand des Seiten­schiffes schreibt Dehn-Rotfelser auf Seite 19 fol­gendes:   

      „An der Stelle des fünften Fensters befindet sich jetzt eine im Rund­bogen überwölbte, rechtwinklig eingeschnittene Tür, vor welcher ein Vor­bau in Renaissance-Form angebaut ist, über dessen Eingang sich unter dem erzbischöflichen Wappen die Jahres­zahl 1735 eingehauen findet.

      Dieser Vorbau führt den sonderbaren Namen ,Der rothe Hals´. Er ist mit einem rippenlosen Kreuzgewölbe überdeckt und enthält eine Trep­pe, welche von dem sehr erhöhten äußeren Boden in die Kirche ´hinabführt“. 22 Zeilen weiter unten schreibt er:

      „Ob westlich vom rothen Hals Lisenen und Bogenfries an der Seitenschiffmauer vorhanden waren, erscheint zweifelhaft, da zwischen dem rothen Hals und dem sechsten Fenster keine Spur von einer etwa abgearbeiteten Lisene zu finden ist und noch weniger am Anschluß der alten Seitenschiffmauer an den Thurm eine Spur sich zeigt. Wahr­scheinlich rührt dieser Theil der Seitenschiffmauer aus der frühesten Zeit des Baues her, in welcher eine Ausstattung des Seitenschiffes mit Lisenen und Bogenfries noch nicht beabsichtigt war“.

C. Alhard von Drach schreibt in seinen „Bau- und Kunstdenk­mäler im Reg. Bezirk Kassel, Band II Kreis Fritzlar, 1909“ folgendes: S. 56 - 57:

   „Vor dieser Nordwand befindet sich heute noch 'der rote Hals' als Windfang für den darin befindlichen Eingang in die Kirche; es ist ein 1735 in antikisierenden Barockformen errichteter quadratischer Vorbau mit je einem Fenster auf beiden Seiten­wänden und einem oben mit dem Stiftswappen und der Jahres­zahl versehenen Portal auf der Nordseite.

 

 Das Innere ist mit einem rippenlosen Kreuzgewölbe überdeckt, letzteres war bis zu der vorher erwähnten Veränderung der Nordwand des Seitenschiffs auch an dieser weitergeführt.

      (An vielen Quaderstücken des heutigen Baues findet sich ein altes Steinmetzzeichen in Gestalt eines römischen A.)

     Es erübrigt noch, den seltsamen Namen, der von einem früher hier befindlichen Anhängsel der Stiftskirche sich auf den neueren Bauteil übertragen hat, zu erklären. In der „Fabrik­rechnung des Jahres 1548“ kommen Anstreicherarbeiten „am rothen halse“ vor, es werden ver­rechnet 7 1/2 alb. und 3 hlr., „wofür am rothen halse die thuer geschwartzt und das maurnwerg weis und roith angestrichen“. Ein Beweis für das Vorhandensein eines so genannten Baues schon zu je­ner Zeit; klar wird die Sache jedoch erst dadurch, daß in der „Fabrica de annis 1659/60“ zu lesen ist: „Im rothen hals St. Johannis haupt ahn­zumachen dem steinmetz geben 42 Schillinge“. Es war also in dem alten Durchgang eine Skulptur oder Gemälde von dem Haupt Johannis des Täufers mit der blutig rot gemalten Schnittfläche des Halses als Schlußsteinverzierung oder an der Wand zu befestigen.

Christian Rauch, schreibt in seinen Kunstgeschichtlichen Führer „Fritzlar“, 1926, S. 34 folgendes:

      „Der Vorbau vor dem Nebenschiff, der als Windfang dient, im Volksmunde der rote Hals genannt, hat klassizistische Barockformen und ist durch eine Inschrift über der Tür auf 1735 datiert. Seinen Namen soll dieser Bauteil von einem nicht mehr vorhandenen Bilde des blutigen Hauptes Johannes des Täufers bekommen haben, aber viel­leicht gibt der Sprachge­brauch des Volkes, das einen Vorbau als Hals bezeichnet „Kellerhals“ und die vorwiegende Verwendung roten Sand­steins eine näherliegende Erklärung.“

Volker Katzmann schreibt 1974 in „Fritzlar, die alte Dom­- und Kaiser­stadt und ihre Kunstschätze“ auf Seite 10 folgendes:

      „Der kleinere Zugangsbau vor dem Nordeingang, der ,Rote Hals´, hat klassizistische beruhigte Barockformen, er ist über der Tür 1735 datiert. Der Name dieses Vorbaus wird auf eine Darstellung vom blu­tenden Haupt des Täufers Johannes zurück­geführt, die sich früher hier befunden haben soll, vielleicht erinnert er auch daran, daß die Hingerichteten dereinst an die­ser Stelle des alten Friedhofs begraben worden sind.“

      Diese verschiedenen Deutungen waren bis heute eine mögliche Erklärung zu den Namen „Der rote Hals“, jedoch hat der Forschungs­bericht von den archäologischen Ausgrabungen über die Pfalz auf der Nordseite des Paderborner Domes in den Jah­ren von 1964 bis 1970, ein ganz neues Licht zu diesem Thema geliefert. Prof. W. Winkelmann schreibt in seinem Bericht „Die Frühgeschichte im Paderborner Land“ (Die Pfalz Pader­born) in: Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern, Band 20, Paderborner Hochfläche - Paderborn - Büren - Salz­kotten. Unveränderter Nachdruck 1975, S. 99 bis 121.

      Bei den Ausgrabungsarbeiten sind die Fundamente von den Pfalzbauten sowie der alte Rechtsplatz mit einem Thronunter­bau zu Tage getreten. Winkelmann schreibt in seinem For­schungsbericht auf Seite 105 - 6:

      „Das Ganze stellt den steinernen Unterbau für einen Thron­sitz dar, der hier in der mittleren Achse der alten Anlage in zentraler Lage vor der Mitte der Ostwand des Pfalzhofes er­richtet war. In die Mauerschlitze konnten, wenn dieser Platz in Funktion war, hölzerne Pfosten eingestellt werden, die einen Baldachin Überbau trugen, wie ihn mittelalterliche Miniaturen wiederholt darstellen.

     Mit diesem steinernen Monument erhält die Pfalz in dieser histo­rischen Stätte ein Herrschaftszeichen besonderer Bedeu­tunn: denn hiermit ist das solium wiedergefunden, das zweimal auch im Text des Epos zu 799 erwähnt wird: „Rex pius interea sulium conscendit“ - und „Ipse sedet solio Karolus rex iustus in alto danns leges patriis, et regni foedera firmat“.

      Der Thronunterbau ist heute durch eine schmale Treppe an der Ostseite des großen Treppenpodestes vor dem Nordportal (Rote Pforte) des Domes zugänglich.

      Auf eine ungebrochene Tradition dieses alten Rechtsplatzes weist das 2,5 m höher direkt über dem karlischen solium im frühen 13. Jahrhundert errichtete Nordportal des Domes, die Rote Pforte, es ist noch im 14. und 15. Jahrhundert als Rechtsplatz bezeugt. Unter dem Namen Rote Pforte oder Rote Tür sind auch unter anderem an den Domen zu Frank­furt, Magdeburg und Erfurt alte Rechtsplätze über­lie­fert.

                                                                                                                                                                                                                                (wird fortgesetzt)

Wochenspiegel Nr. 18/10, vom 30. April 1976, S. 1-2
 

„DER ROTE HALS“ - NORDEINGANG AM DOM ZU FRITZLAR 

Ein Beitrag zur Klärung des seltsamen Namens

Dieses Forschungsergebnis stellt auch für Fritzlar die berech­tigte Frage, ob es sich bei dem „roten Hals“ am Nordausgang des Domes nicht ebenfalls um eine Gerichtspforte handelt. Prüft man in dieser Hin­sicht die geschichtlichen Überlieferun­gen, so ergibt sich für das Gelän­de an der Nord- und Westseite am Fritzlarer Dom fast die gleiche rechts­ge­schichtliche Situ­ation wie in Paderborn.

C.B.N. Falckenheiner beschreibt uns 1841 in seinem Werk „Geschichte Fritzlar's“, Seite 426 - 28 im Zweitdruck 1925 folgendes:

      „Die höchste Instanz bildete der Erzbischof, von welchem auch ,Gebot und Verbot´ ausging. Anfangs, als der Erzbischof regelmäßig seine Umreisen hielt, nahm er in eigener Person den, sonst dem Vice­dom überlassenen Vorsitz in den Gerichts­versammlungen ein. Diese wurden überall an einem fest be­stimmten Platz (mallum) gehalten, und hatten, als aus lauter Freien bestehend, auch nur über Freie zu richten; über Unfreie richtete der Vogt, als dessen Gerichtsplatz in Fritzlar schon 1109 das Vogteihaus (praetorium) genannt wird.

      Das älteste mallum in Fritzlar lag da, wo wir es in den bei weitem meisten alten Orten finden, nämlich neben der Kirche. Es war hier der Friedhof (bei der Stiftskirche) da­zu bestimmt worden und zu diesem Behufe, um den Richtern und der versammelten Menge Schutz gegen Regen, Schnee und Son­nenbrand zu gewähren, mit einem Bretterdach (testudo) überdeckt, nach den Seiten aber wahrscheinlich, wie alle ähnlichen Plätze, von bedeckten Gängen umgeben. Er hieß daher die Halle (atrium); auf ihm sprudelte ein Quell. Hier in der Halle sehen wir daher 1287 den Erzbischof Heinrich den Vorsitz einnehmen und den Vertrag mit Fritzlar wegen der Erbauung der Burg genehmigen.

      Hier auf dem Kirchhofe tritt 1244 ein gemisch­tes Gericht aus Geistlichen und Rittern zu­sammen und entscheidet über eine Hufe Landes in Wabern; hier auf demselben ,Kirch­hofe´, („acta sunt hec fritslar in Cimiterio Ecclesie Fritslariensis“) wird am 24. April 1315 der Verkauf Meiseburg'scher Güter in Lützelmaden an den Cantor Hermann von Grune durch die beiden Bürgermeister Stadt, deren Schöffen und den Notar (also die Gerichtsperson) beglaubigt. Hier, auf demselben Platze, sehen wir 1389 den Erz­bischof Adolph von Mainz als Lehnsherren im Lehnsgericht dem Landgrafen Hermann die Lehen reichen. Selbst der den Hallen nie fehlende Quell oder Brunnen auf dem Fritzlar'schen Kirchhofe, welcher erst im vorigen Jahrhundert zugeworfen wur­de, läßt sich urkundlich nachweisen. - Daß meine Ansicht von der Lage des alten Gerichtsplatzes und die hier gegebene Be­schreibung desselben auf festem geschichtlichen Boden steht, und mehr als schwankende Muthmaßung ist, geht auch aus den unzweideutigen Worten einer ungr. Urk. d.d. 31. März 1463 her­vor. Dort heißt es nämlich von dem kurz zuvor verstorbenen Fritzlarer Decan Johannes Kirchain:

      „incendebat Remedium salutare quandam Capellam renouare et in eadem altare novum consttruere - ante foras ecclesie supradicte (S.Petri). ubi itur ad atrum Dictum Frithoff sub testudine Dicta sancte Elizabeth werg a parte dextra“ etc. - Von hier wurde der Gerichtsplatz erst nach 1400 (Denn noch 1440 Dienst. nach U.L.F. Tag assumpt. tritt auf dem Kirch­hofe an der S. Peterskirche ein Compromißgericht zusammen, um über eingezogene Lehen in dem Dorfe Geismar zu entschei­den) auf den Marktplatz verlegt, (siehe meinen Aufsatz „Der Rolandsbrunnen, ein Rechtswahrzeichen aus Fritzlarer Vergan­genheit“ Wochenspiegel vom 11.6.1971, 5. Jahrgang Nr. 24), und als endlich das öffentliche deut­sche Recht wie allenthalben so auch in Fritzlar, von dem römi­schen nun ganz und gar ver­drängt wurde, auf die engen Rathhaus­stuben mit ihren Acten­-Reposituren beschränkt. 

     Wir sehen also, daß in Fritzlar fast dieselben Anlagebedingungen wie in Paderborn vorliegen, und der Name „roter Hals" als Ge­richts­pforte vom Dom zum Rechtsplatz hinweist. Von Ent­scheidung für das Alter der Deutung des Namens „roter Hals" sind zwei Dinge, erstens die Tatsache, daß die Mauerteile an der Stelle der Nordseite des Domes wo sich der rote Hals befindet zu den Ältesten am Bauwerk gehören und die Tatsache von dem Vorhandensein des alten Rechtsplatzes, der wahr­scheinlich schon in vorgeschichtlicher Zeit als Thingstätte diente.        Der seltsame Name „Roter Hals“ oder „Rote Pforte“ bezeichnet nichts anderes als den Zugang zum „rode land“ der alten nieder­sächsischen Bezeichnung der Blutgerichtsstätte. Eine archäologische Gesamtgra­bung würde wohl Klärung des geschichtsträchtigen Gelände am heuti­gen Jestädt- und Domplatz ergeben, denn kleinere Grabungen erbrach­ten schon verschiedene Hinweise. So unter anderen von W. Stock, „Gesammelte Be­merkungen über die Lage der Konradinischen Burg zu Fritzlar“, mit drei Skizzen, ein handschriftlicher Aufsatz vom Jahre 1909, K. Becker, „Ausgrabungen im Dom in Fritzlar“, Zeitschrift die Denkmalpflege, 21. Jhrg. 1919, mit einer Geländezeichnung, sowie von F. Osswald, „Die bauliche Entwicklung des Fritzlarer Domes nach den Untersuchungen von 1969“, mit der Beilagekarte Nr. 3, in der Fest­schrift zur 1250-Jahrfeier „Fritzlar im Mittelalter“. Die letzte Grabung ergab ebenfalls Hinweise vom ältesten Steinbau am roten Hals, wo auch die bis jetzt älteste Fritzlarer Münze aus der Zeit Kö­nig Otto 1. 936-62 am 4.6.1970 gefunden wurde.

      Es wäre somit denkbar, bei der großen geschichtlichen Vergangen­heit Fritzlars, daß auf diesem alten Rechtsplatz, 919 die Wahl König Heinrich 1. durch die versammelten Franken und Sachsen stattge­fun­den hat, aber auch die Reichsversammlungen wo hier 1118 über Kaiser Heinrich V. und 1243 über Kaiser Friedrich II. der Bann ver­hängt wurde, wo 11 deutsche Könige und Kaiser tagten und zahlreiche Kir­chensynoden ihre Tagungen hatten. An der Grenze zwischen dem fränkischen und sächsischen Reich, war Fritzlar mit seiner Pfalz und seiner alten Rechtsstätte, wo sich 23 König- und Kaiserbesuche 300 Jahre lang nachweisen lassen, ein Ort großer deutscher Vergangenheit.

 

Fritzlar, den 28. Jan. 1976                                                                                                                                                                                         Hans Josef Heer

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 25/10, vom 18. Juni 1976, S. 1-2
 

DER „GRAUE TURM“ ZU FRITZLAR, DEUTSCHLANDS GRÖSSTER WEHRTURM
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Eine geschichtliche und baugeschichtliche Betrachtung.

Der „Graue Turm“ zu Fritzlar war nicht nur der größte unter den 19 Wehrtürmen der mittelalterlichen Stadt-Be­festigungsanlage, sondern ge­­hört er auch zu den mächtig­sten Wehrtürmen Deutschlands, welcher noch unsere Zeit überdauert hat. Seinen Namen „Grauer Turm“ (grae turn) oder auch „Großer Turm“ (turis magna) hat er wohl durch den noch an vielen Stellen vorhandenen graugelben Bewurf und seiner Größe erhalten.

      Er wird zuerst 1274 erwähnt, der hufeisenförmige Unter­bau, dessen gerade Seite 10,5 m mißt, ist jedoch älter, in diesem befindet sich ein 7,2 m hohes Verließ in Kuppel­form mit Angstloch, welches als Stadt­gefängnis diente. Laut Inschrift wurde im Jahre 1541 durch die Stadt­mauer eine Seitentür in dies Verließ gebrochen, der eisenbeschlagene Flü­gel mit Schiebeschloß und Eisenring ist noch heu­te vorhanden.

      Zu dem ersten Stockwerk gelangt man von dem in ganzer Breite hinter dem Turm auf der Stadtmauer herlaufenden Wehrgang durch eine oben mit Traufgesims abgedeckte Eichentür.

      Der Turm erhebt sich zu 35 m Höhe im Steinbau, zunächst waren dem mit der Stadtmauer gleichhohen Unter­bau nur drei Stockwerke, jedes von etwa 4 m Höhe, auf­gesetzt worden. Der obere Abschluß dieses Baues läßt sich sehr leicht auf der geraden Stadtseite des Turmes an einem schrägen Mauerabsatz, sowie an dem Beginn eines anderen Stein­formats erkennen. In diesen drei Geschossen sind überall die gleich einfachen Schießschlitze mit Falzen an der Schartenenge fit Prellhölzer der Nacken­büchsen, im untersten Stockwerk ist auf der südlichen Seite auch auf Konsolen ein vorgekragter steinerner Abtritt, was darauf schließen läßt, daß der Turm einer ständigen Besatzung zum Aufenthalt diente, also gewissermaßen ein Wohnturm war.

 

 

      Er bildete nämlich die Signalstation für die sieben auf der Grenze des Fritzlarer Stadtgebietes stehenden Warten und wurde wohl hauptsäch­lich wegen dieses Gebrauches im 16. Jahrhundert nochmals bedeutend aufgestockt. Von den beiden damals aufgesetzten Geschossen hat der untere nach außen zu sechs große Rechteckfenster in großer Stich­bogenblenden und drei ebensolche auf der Stadtseite. Oberhalb der letzteren ist eine Türöffnung und darunter stehen noch vier Kragsteine aus der Mauer hervor, die wahrscheinlich bestimmt waren, einen höl­zernen Aufbau mit Aufzug zu tragen

      Die Veranlassung zum Baue dieses mächtigen Turmes hat fol­gende geschichtliche Ursache: Das Schicksal der ältesten nach­weisbaren Fritz­­larer Stadtbefestigung wurde im September 1232 besiegelt, als Land­graf Konrad von Thüringen im Verlau­fe seiner Auseinandersetzung mit Erzbischof Siegfried III. von Mainz die hartnäckig verteidigte Stadt erstürmte.

      Er ließ Mauern und Türme niederbrechen, wie nicht nur chro­ni­kalisch überliefert, sondern auch aus dem baulichen Befund der nörd­lichen Stadtmauer ersichtlich ist.

      Vor allem aber besitzen wir auch verschiedene urkundliche Nach­richten über die Neuerrichtung der Befestigung, die sofort wieder in Angriff genommen worden ist, denn bereits 1233/34 einigten sich Stadt und Petersstift über den Betrag von 30 Pfund Geldes zum Baue der Mauern. Nach fünf Jahren angestrengter Bautätigkeit war der Neubau der Stadtbefesti­gung im wesentlichen abgeschlossen, wie aus zwei Urkun­den des Jahres 1237 hervorgeht.

      Mit der Neuerrichtung der Stadtmauer wurden die Mauertür­me der Nord- und Ostseite als die gefährdetste Stelle des Verteidigungsringes als erste ausgebaut. Der Jordansturm, der Greben- und Rosenturm, von welchen die beiden letzteren schon dem 12. Jahrhundert angehö­ren. Vollendet aber war der Schutz der gefährdeten Nordseite der Stadt erst nach der Errichtung des „Grauen Turmes“ an der nordwestlichen Ecke der Stadtmauer.

      Staatsarchivrat Dr. Demandt schreibt darüber 1974 in einem Aufsatz „Die mittelalterliche Befestigung Fritzlars“ im Jubi­läumsband der Festschrift zur 1250-Jahrfeier folgendes: „Die­ser offensichtlich in einem Zuge erbaute, etwa halbkreisförmi­ge Turm, dessen gerade Seite 10,5 m mißt, erhebt sich zu einer Höhe von 35 m im Steinbau und stellt einen der mächtigsten deutschen Stadtbefestigungstürme überhaupt dar. Auch er ist noch im 13. Jahrhundert aufgeführt worden.

      Eine urkundliche Nachricht vom Jahre 1274, nach der das Stift 20 Pfund Geld zum Bau eines Turmes beigetragen hatte, ist wohl nur auf den großen Turm beziehbar. Die Summe ist im Ver­gleich zu dem 40 Jahre vorher zum gesamten Mauerbau beige­steuerten Betrag von 30 Pfund für einen einzelnen Turm so unverhältnismäßig hoch, daß es sich hier um ein außerordent­liches Werk gehandelt haben muß.

      Als solches kommt für diese Zeit aber allein der Graue Turm in Betracht.“

Fortsetzung folgt.                                                                                                                                                                                                     Hans Josef Heer

Wochenspiegel Nr. 26/10, vom 25. Juni 1976, S. 1-2 

DER „GRAUE TURM“ ZU FRITZLAR, DEUTSCHLANDS GRÖSSTER WEHRTURM --------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 

1. Fortsetzung

Nachdem im 15. Jahrhundert das Wartensystem um Fritzlar ver­voll­ständigt wurde, hatte man noch im Anfang des 16. Jahr­hun­derts den „Grauen Turm“ um zwei Stockwerke erhöht, damit wurde er zur Signalstation für die Warten und der gesamten Festungsanlage herge­richtet, und unter dauernde Besetzung mit Wachmannschaften gehalten. In den vielen Fehden zwischen Hessen und Mainz, aber auch noch im 30jährigen Krieg hatte Fritzlar, dank seiner vorzüglichen Wehranlage lan­ge nicht so viel zu leiden gehabt wie fast alle anderen Städte in Hessen. Fritzlar trug in damaliger Zeit mit Recht den zusätzlichen Na­men „urbs turritica“, die turmreiche Stadt, denn sie hatte außer ihren 10 Kirch­türmen, 23 Stadttürme und sieben Wart­türmen, zusammen also ein Stadt­bild mit 40 Türmen.

      Grunddessen zählte Fritzlar auch zu den schwer einnehmbaren Städten wie etwa: Nürnberg, Bamberg, Augsburg oder Rothen­burg ob der Tauber. Jedoch wurde seine Wehranlage nach dem 30jährigen Kriege ver­nachlässigt und konnte den immer stärker werdenden Feuerwaffen im 7jährigen Kriege nicht mehr stand­halten. So liest man bei Falckenheiners „Geschichte Fritzlars“ 1841 wie folgt: „Bis in den Juni 1762 blieben die Franzosen im Besitz Fritzlars und räumten dann die Stadt freiwillig, nach­dem sie in ihr noch ein trauriges, bis auf unsere Zeiten sichtba­res Denkmal sich - durch Zerstörungen gegründet hatten. Der Graf von Ro­chem­beau erhielt mit seiner Brigade den Be­fehl, die Festungswerke Fritzlars zu schleifen. Der Befehl wur­de nur zu gut vollführt. Die Brust­wehren der starken Mauern, die noch vor einem Jahre den deutschen Kugeln getrotzt und die Franzosen geschützt hatten, wurden niederge­brochen, die alten bemoosten Türme, an denen so manches Jahrhundert vorübergegangen war, deren Zahl unserem Fritzlar ein so statt­liches Ansehen gab, und deren Höhe und Stärke von seiner ehe­maligen Kraft und seinem Reichtum Zeugnis gab, sie sanken größtenteils unter der zer­störenden Hand der Fremdlinge. Sogar der unschuldige trockene Graben über dem Haddamartor wurde verschüttet.

      Es war, als ob die durch den Krieg ausgesogene, bettelarm ge­machte Stadt nicht einmal mehr einer sichtbaren Erinnerung an bessere Zeiten sich sollte erfreuen dürfen.“

      Fritzlar hat im siebenjährigen Kriege, der am 15. Febr. 1763 durch den Frieden von Hubertusburg beendet wurde, schreck­lich gelitten. Die Zahl der Bürger war von 550 auf 190 zurück­gegangen.

      Doch seine Lebenslinie stieg wieder aufwärts. 1829 zählte die Stadt schon wieder 436 Bürger mit 2.632 Einwohnern.

      Aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind uns noch zwei schöne Bilder des Grauen Turmes erhalten geblieben, dessen Künstler zum Kreis der „Romantischen Maler“ von Hessen zäh­len. Fin Ölgemälde des Malers J. Ickler vom Jahre 1839 und eine Pinselzeichnung vom Maler August von Wille, beides Bilder im Besitz der Staatlichen Kunstsammlung Kassel. Abbildung und Besprechung erfolgt in der letzten Fortsetzung.

      Im Sommer 1874 besuchten Ihre königlichen Hoheiten, der Kron­prinz Wilhelm mit seinem Bruder Prinz Heinrich unsere Stadt. Kronprinz Wilhelm äußerte dem sie begleitenden und führenden Bürgermeister Kraiger den lebhaften Wunsch, daß der Graue Turm wieder in seiner früheren Gestalt hergestellt werden sollte. Jedoch sollten noch 15 Jahre vergehen, ehe dieses Vor­haben in die Wirklichkeit umgesetzt wurde. Die Ereignisse wer­den uns in einem köstlichen Amtsdeutsch wie folgt überliefert: „1888 am 9. März schied aus Seinem glorreichen Leben Kaiser Wilhelm 1. ihm folgte sein ritterlicher Sohn Friedrich auf den Thron. Infolge eines schweren Leidens (Kehlkopfkrebs) schied die königliche Eiche am 15. Juni 1888 aus diesem Leben. Nach dem Tode Kaiser Friedrichs III. trat sein Sohn als Kaiser Wilhelm II, die Regierung an. 1889, auf Veranlassung des Herrn Ministers der geistlichen Angele­genheiten wurde der „Graue Turm“ wieder hergestellt und mit einem neuen Dache versehen. Das alte Dach war im Jahre 1859, weil reparaturbe­dürftig, einfach abgenommen worden. Die Kosten der Wie­der­­her­stellung betrugen 4.630 Goldmark.“

      Damals erhielt der Graue Turm in vier Etagen gedielte Balken­böden, die dann mit Leitern zu besteigen waren.

      1882 erfolgte der Abbruch der alten Stadtmauer von etwa 10 m Höhe und 30 m Breite am Grauen Turm, um vom Marktplatz am Hochzeits­haus vorbei durch den Burggraben direkt zum Zimmerplatz zu gelangen.

1925, anläßlich der 1200-Jahrfeier der Stadt Fritzlar, trat erst­malig die Planung auf, den Grauen Turm mit seinen vielen Eta­gen als altes Wahrzeichen aus Fritzlars Glanzzeit für eine Jugend­herberge auszu­bauen. Der damalige Stadtbaumeister Reuter ent­warf die Baupläne, je­doch an der schwierigen Wirtschaftslage unserer Stadt, nach dem verlorenen 1. Weltkrieg, konnte dieses Projekt nicht verwirklicht werden.

Schluß folgt.                                                                                                                                                                                                              Hans Josef Heer

Wochenspiegel Nr. 27/10, vom 2. Juli 1976, S. 1-2
 

DER „GRAUE TURM“ ZU FRITZLAR, DEUTSCHLANDS GRÖSSTER WEHRTURM --------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 

2. Fortsetzung

Seine größte Feuerprobe erlebte der schon fast 700 Jahre alte Recke im 20. Jahrhun­dert, vom 30. März bis 1. April 1945 bei der Einnahme unserer Stadt durch die Soldaten der Neuen Welt. Die amerikanischen Einhei­ten beschossen ihn mit schweren Panzer-Gra­naten, in dem Glau­ben, daß die bedachten Türme unserer Stadt den deutschen Soldaten als Beobachtungsposten dienten. Außer dem Grauen Turm wurde der Bleichenturm, der Steingossenturm, der Regilturm und der Frauenturm beschossen. Wenn auch die Letz­teren in der Hauptsache ihre alten Dächer verloren, so hatte der Graue Turm doch meh­rere schwere Mauereinschläge erhalten, so daß sein Bestand für die Zukunft gefähr­det war. Auch erstürmten, nach der Einnahme Fritzlars, amerikanische Soldaten den Grau­en Turm. Sie erbrachen den unteren Eingang und gelangten über die Leitern in die ein­zelnen Stockwerke. Sie hielten ihn längere Zeit besetzt und haben sich noch heute sicht­bar durch Ein­schnitzen ihrer Namen und Wohnorte des amerikanischen Kontinents verewigt.

      Nachdem nun 1954 durch die großzügige Stiftung zweier Fritzlarer Söhne, die Brüder Karl und Franz Seibel, Fabrikanten in Er­witte, ge­mein­sam mit der Stadt den Bestand des Grauen Turmes mit einem Kostenauf­wand von ca. 14.000 DM durch Ausbesse­rungen der Ein­schlag­stellen und des Daches sowie durch Zementspritzungen erhalten hatten, trat erstmalig der Plan auf, diesen großen und hohen Turm für friedliche Zwec­ke nutzbar zu machen.

      Der Verkehrs- und Verschönerungs-Verein Fritzlar hatte diesbe­züglich wiederholte An­träge an die verschiedenen Stellen wie Stadt, Kreis und Fremdenverkehrsverband Kurhes­sen und Waldeck gestellt, welche auch Erfolg hatten. Die Stadt Fritzlar stellte durch ihren Stadt­baumeister Eckert die benötigten Bau­pläne sowie Baumaterial und Ba­saltsteine ko­stenlos, der Kreis bewilligte die Pläne und überwies zu­sätzlich eine Summe von 500 ­DM, der Fremdenverkehrs-verband vermit­tel­te über das Land liessen aus Lottomitteln die Summe von 2000,- DM.

      1958 kam es dann zum ersten größeren Bauabschnitt. Die 10 Meter hohe Stadtmau­er bis zum oberen Eingang des Grauen Tur­mes wurde von außen durch eine Basaltstein­treppe mit 42 Stufen erschlossen. Die schöne Außentreppe hatte damals die Baufirma K. Balke, trotz der vorhandenen geringen Bar­mittel für ihre Heimatstadt erstellt. Das schmiedeeiserne Treppengeländer ist eine Arbeit der Schlosserei O. Anders.

      1962 gab das Stadtparlament seine Zustim­mung zum Gesamt­ausbau des Grauen Tur­mes mit einem Kostenaufwand von über 30.000,- DM. In zweijähriger Bauzeit wur­den alle Etagenböden in Ei­sen­beton gegossen und mit 90 Betonstufen ersteigbar gemacht, die ebenfalls mit schmiedeeisernen Gelän­dern versehen wurden, damit es jedem noch halbwegs rüstigen Einwohner oder Besucher unserer Stadt möglich ist, den Turm über 131 Stufen zu ersteigen. Im obersten Aus­sichtsturm, von etwa 6 Meter Höhe, sind 18 große Fernsichtfenster vorhanden, wobei die neun oberen Fenster durch eine eingebaute Zwerggalerie erreichbar sind.

      Zwischen den Fenstern an der Innenmauer wurden vom Ver­kehrs- und Verschönerungsverein eine Geschichtstafel des Tur­mes und Wap­pen des Landes Hessen, des Kreises Fritzlar-Ilom­berg und seinen Städten -im Raume verteilt- angebracht.

      Zur 1250-Jahrfeier unserer Stadt und zum 700jährigen Be­stehen des „Grauen Turmes“ wurde 1974 das Gelände um den Turm in würdigem Zustand hergerichtet. Die große Gartenstein­fläche vor der Stadt­mauer, die noch einen zusätzlichen Aus­gang durch die Stadt­mauer erhielt, war damals der Zeltplatz für die vielen kulturellen Fes­tveranstaltungen. Im Grauen Turm selbst war in den unteren Räumen erstmalig eine Kunst­ausstellung von Gemälden und Graphiken im Stil unserer Zeit.

      Deutschlands größter Wehrturm hat nun seine volle Festig­keit wiedererlangt. Wenn nicht neue Kriegseinwirkungen oder gar Erdbeben seinen Bestand gefährden, kann er in Zukunft als Aussichtsturm und zum Zwecke kultureller Belange genutzt werden, um nochmals weitere 700 Jahre -etwa im Jahre 2700- ­kund zu tun von der großen Ver­gangenheit unserer Stadt Fritzlar.

      Mögen darum die Einwohner und Besucher unserer Stadt wenigstens einmal im Jahr die Gelegenheit nutzen, diesen Aus­sichtsturm zu ersteigen, um sich mit ihren Kindern an der Schönheit unseres Hessenlandes zu erfreuen.

                                                                                                   Hans Josef Heer

 

 

 

 

 

 

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 33/10 vom 13. August 1976, S. 1-2
 

Fritzlar in der Zeit der Romantik I

Im heutigen Zeitalter der atomaren Technik mit seiner hek­tischen Automation überkommt uns Menschen bei der Betrach­tung und Lesung von Bildern und Schriften des vergangenen Jahrhunderts eine Sehn­sucht nach der einfachen „Genügsam­keit", der Romantik und des Bie­der­meier. Eine der inter­essantesten Vertreterin um die Wende des 19. Jahrhun­derts war zwei­fellos Bettina Brentano, die den Romanti­ker Achim von Arnim heira­tete. Bettina von Arnim, die Verfasserin von „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“, wur­de am 4. April 1785 als Dritt­jüngstes Kind aus der Ehe des Kauf­manns Peter Anton Bren­ta­no mit der von Goethe hochverehrten Maximiliane von Laroche in Frank­furt am Main im „Goldenen Kopf“ in der Sandgasse ge­boren. Nach dem Tode der beiden Eltern wurde sie mit ihren drei Schwestern gegen Ende des 18. Jahrhunderts vier Jahre lang als Zögling in dem Kloster der Ursulinen zu Fritzlar erzogen, worüber sie in ihrem bekannten oben­genannten Buch an Goethe schreibt:

      „In den hängenden Gärten der Semiramis bin ich erzo­gen, ich glattes, braunes, feingegliedertes Rehchen, zahm und freudig zu jedem Liebkosenden, aber unbändig in eigentümlichen Neigungen. 

-Oben im ersten und höchsten Garten stand die Kloster­kirche auf einem Rasenplatz, der am felsigen Boden hin­ab grünte und mit einem hohen Gang von Trauben um­geben war; er führte zur Türe der Sakristei. In dieser Tür­wölbung saß ich manchen heißen Nachmittag, links in der Ecke des Kreuzbaues das Bienenhaus unter hohen Taxusbäumen, rechts der kleine Bienengarten, bepflanzt mit duftenden Kräutern und Nelken, aus denen die Bie­nen Honig saugten. In die Ferne konnte ich da sehen; die Ferne, die so wunderliche Gefühle in der Kinderseele erregt, die ewig eins und dasselbe vor uns liegt, bewegt in Licht und Schatten, und zuerst schauerliche Ahnun­gen einer verhüllten Zukunft in uns weckt; da saß ich und sah die Bienen von ihren Streifzügen heimkehren; ich sah, wie sie sich im Blumenstaub wälzten und wie sie weiter und weiter flogen in die ungemessene Ferne, wie sie im blauen, sonnendurchglänzten Aether verschweb­ten, und da ging mir mitten in diesen Anwandlungen von Melancholie auch die Ahnung von ungemessenem Glück auf. -

      Von dem Kirchgarten führte eine hohe Treppe, über die das Wasser schäumend hinabstürzte, zum zweiten Garten, der rund war, mit regel­mäßigen Blumenstücken ein gro­ßes Bassin umgab, in dem das.Wasser sprang; hohe Pyrami­den von Taxus umgaben das Bassin, sie waren mit purpur­roten Beeren übersäet, deren jede ein krystallhelles Harz­tröpfchen ausschwitzte; ich weiß noch alles, und dies be­sonders war meine Lieblingsfreude, die ersten Strahlen der Morgensonne in diesen Harzdiamanten sich spiegeln zu sehen. -

      Das Wasser lief aus dem Bassin unter der Erde bis zum Ende des runden Gartens, und stürzte von da wieder eine hohe Treppe hinab in den dritten Garten, der den runden Garten ganz umzog, und grad so tief lag, daß die Wipfel seiner Bäume wie ein Meer den runden Garten umwogten. Es war so schön, wenn sie blühten, oder auch wenn die Aepfel und die Kirschen reiften und die vollen Aeste her­überstreckten.

Oft lag ich unter den Bäumen in der heißen Mittagssonne, und in der lautlosen Natur, wo sich kein Hälmchen regte, fiel die reife Frucht neben mir nieder ins hohe Gras; ich dachte: „Dich wird auch keiner finden!“ Da streckte ich die Hand aus nach dem goldenen Apfel und berührte ihn mit seinen Lippen, damit er doch nicht gar umsonst ge­wesen sein solle. 

-Nicht wahr, die Gärten waren schön! - zauberisch! Da unten sammelte sich das Wasser in einem steinernen Brunnen, der von hohen Tannen umgeben war; dann lief es noch mehrere Terrassen hinab, immer in steinerne Becken gesammelt, wo es dann unter der Erde bis zur Mauer kam, die den tiefsten, alle anderen Gärten umge­benden einschloß, und von da sich ins Tal ergoß, denn auch dieser letzte Garten lag noch auf einer ziemlichen Höhe; da floß es in einem Bach weiter, ich weiß nicht wohin. So sah ich denn von oben hinab seinem Stürzen, seinem Spru­deln, seinem ruhigen Lauf zu; ich sah, wie es sich sammelte und kunstreich emporsprang und in feinen Strahlen umherspielte; es ver­barg sich, es kam aber wieder und eilte wieder eine hohe Treppe hinab; ich eilte ihm nach, ich fand es im klaren Brunnen von dunklen Tannen umgeben, in denen die Nachtigallen hausten; da war es so traulich, da spielte ich mit den bloßen Füßen in dem küh­len Wasser.“

      Ein Märchenbuch liegt über dieser poesievollen, naturfrohen Schilderung, in der Bettina, Dichtung und Wahrheit anmutig mischend, des Paradieses ihrer Kindheit gedenkt. So kann man auch verstehen wenn Goethe schreibt:

      „Deine Briefe, allerliebste Bettine, sind von der Art, daß man jederzeit glaubt, der letzte sei der interessanteste. So ging's mir mit den Blättern, die Du mitgebracht hat­test, und die ich am Morgen Deiner Abreise fleißig las und wieder las.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         Goethe“

 

Kein geringerer als der General-Inspektor der Fürstlichen Gärten zu Kassel und Wilhelmshöhe, Wunsdorf, hatte aus Dankbarkeit fur die Er­zie­hung seiner zwei Töchter den von Bettina geschil­derten schönen Klo­stergarten angelegt.

                                                                                                                                                                                                                                   Hans Josef Heer

Wochenspiegel Nr. 34/10 vom 20. August 1976, S. 1-2
 

Fritzlar in der Zeit der Romantik II

„Du wunderliches Kind, Bettine und Goethe“, trägt der Titel eines Bu­ches von Alfred Kantorowicz, wo er unter anderem in ei­nem Vorwort schreibt: „Sie muß unwiderstehlich gewesen sein, die junge Bettine; ihr Zauber ergreift uns in ihren Briefen wieder, frisch, als stünde sie vor uns in ihrem Ungestüm, ihrer Begeisterungsfähigkeit, ihrer Einfühl­sam­keit, ihrem Spürsinn für das, was groß und echt und wertbeständig war in ihrer Zeit. „Die Freundin bedeutender Männer“ nannte man sie im Kreise vornehmer Dichter, Denker und Künstler des 19. Jahr­hun­derts.

      Die bedeutendsten ihrer Zeitgenossen haben Bettines Zauber gehuldigt; Schleiermachers schönes Kompliment: „Gott müsse bei besonders guter Laune gewesen sein, als er Bettine erschaffen habe“, setzt das Maß für die heitere Wertschätzung, die die Großen der Zeit Goethes ‚Kind‘ entgegenbrachten.“

      Am 8. August 1808 schreibt Bettine in einem langen Briefe an Goethe unter anderem folgende herrliche Geschichte aus der Fritzlarer zeit: „Alle Blumen habe ich geliebt, eine jede in ihrer Art, wie ich sie nacheinander kennen lernte, - ich will sie nicht nennen alle, mit denen ich so innig vertraut wur­de, wie sie mir jetzt im Gedächt­nis erwachen; nur eines einzigen gedenke ich, eines Myrthenbau­mes. den eine junge Nonne dort pflegte. Sie hatte ihn winters und sommers in ihrer Zelle; sie richte­te sich in allem nach ihm; sie gab ihm nachts wie tags die Luft, und nur so viel Wärme erhielt er im Winter, als ihm not tat. Wie fühl­te sie sich belohnt, da er mit Knos­pen bedeckt war ! Sie zeigte mir sie, schon wie sie kaum angesetzt hatten; ich half ihn pflegen; alle Morgen füllte ich den Krug mit Wasser am Mädchenbrünnchen; die Knospen wuchsen und röteten ich, endlich brachen sie auf; am vierten Tag stand er in voller Blüte; eine weiße Zelle jede Blüte, mit tausend Strahlen­pfeilen in ih­rer Mitte, deren jeder auf seiner Spitze eine Perle darreicht. Er stand im offenen Fenster, die Bienen begrüßten ihn. 

- Jetzt erst weiß ich, daß dieser Baum der Liebe geweiht ist; da­mals wußt ich's nicht; und jetzt erstehe ich ihn. Sag: kann die Liebe süßer gepflegt werden als dieser Baum? ­und kann eine zärtliche Pflege süßer belohnt werden als durch eine volle Blüte?

- Ach, die liebe Nonne mit halb verblühten Rosen auf den Wan­gen, in Weiß verhüllt, und der schwarze Florschleier, der ihren raschen zier­lichen Gang umschwebte; wie aus dem weiten Ärmel des schwarzen wollenen Gewands die schöne Hand hervorreichte um die Blumen zu begießen!

       Einmal steckte sie ein Kleines schwarzes Böhnchen in die Erde, sie schenkte mir's und sagte, ich solle es pflegen; ich werde ein schönes Wunder daran erleben. Bad keimte es und zeigte Blätter wie der Klee; es zog sich an einem Stöckchen in die Höh wie die Wicke mit kleinen geringelten Haken; dann bracht es sparsame gelbe Blüten hervor ; aus denen wuchs so groß wie eine Hasel­nuß ein grünes Eichen, das sich in Reifen bräunte. Die Nonne brach es ab und zog es am Stiel ausein­ander, in eine Kette von zierlich geordneten Stacheln, zwischen denen der Samen von kleinen Bohnen gereift war. Sie flocht daraus eine Krone, setzte sie ihrem elfenbeinemen Christus am Kruzifix zu Füßen und sagte mir, man nennt diese Pflanze Corona Christi.

      Wir glauben an Gott und an Christus, daß er Gott war, der sich ans Kreuz schlagen ließ; wir singen ihm Litaneien und schwen­ken ihm den Weihrauch; wir versprechen, heilig zu werden, und beten und em­pfinden's nicht. Wenn wir aber sehen, wie die Na­tur spielt und in diesem Spiel eine Sprache der Weisheit kindlich ausdrückt; wenn sie auf Blumenblätter Seufzer malt, ein Oh! und Ach !, wenn die kleinen Käfer das Kreuz auf ihren Flügel­decken gemalt haben und diese kleine Pflanze eben, so unschein­bar, eine mit Sorgfalt gehegte, künstliche Dnrnenkrone trägt ; wenn wi; Raupen und Schmetterlinge mit dem Geheimnis der Dreifaltigkeit bezeichnet sehen; dann schaudert uns, und wir fühlen, die Gottheit selber nimmt ewigen Anteil an diesen Ge­heimnissen; dann glaub ich immer, daß Religion alles erzeugt hat, ja daß sie selber der sinnliche Trieb zum Leben in jedem Gewächs und jedem Tier ist. Die Schönheit erkennen in allem Geschaffenen und sich ihrer freuen, das ist Weisheit und fromm; wir beide waren fromm, ich und die Nonne; es werden wohl zehn Jahre sein, daß ich im Kloster war.

      Voriges Jahr hab ich's im Vorüberreisen wieder besucht. Meine Nonne war Priorin geworden, sie führte mich in ihren Garten, - sie mußte an einer Krücke gehen, sie war lahm geworden, - ihr Myr­tenbaum stand in voller Blüte. Sie fragte mich, ob ich ihn noch kenne; er war sehr gewachsen; umher standen Feigenbäu­me mit reifen Früch­ten und großen Nelken, sie brach ab, was blühte und reif war, und schenk­te mir alles, nur der Myrte schonte sie; das wußte ich auch schon im voraus. Den Strauß befestigte ich im Reisewagen; ich war wieder einmal so glück­lich, ich betete, wie ich im Kloster gebetet hatte; ja selig sein macht beten!"

- In den Brief vom 30. Aug. 1808 schreibt sie an Goethe:

„Du erfreust Dich an der Geschichte des Myrtenbaums meiner Fritz­larer Nonne; er ist wohl die Geschiche eines jeden feurig liebenden Herzens. Glück ist nicht immer das, was die Liebe nährt, und ich hab mich schon oft gewundert, daß man ihm je­des Opfer bringt und nicht der Liebe selbst, wodurch allein sie blühen könnte wie jener Myrtenbaum. Es ist besser, daß man Verzicht auf alles tue, aber die Myrte , die einmal eingepflanzt ist, die soll man nicht entwurzeln - man soll sie pflegen bis ans Ende.“

- Bettine lebte nach der Fritzlarer Klosterzeit von 1801 an mei­stens bei ihrer Großmutter, die Schriftstellerin, Sof ie von Laro­che in Offenbach oder bei ihren Geschwistern in Frankfurt, spä­ter bis zu ihrer Ver­heiratung in der Familie ihres Schwagers von Savigny in Marburg, Landshut und Berlin. Sie kam dadurch mit geistig bedeutenden Män­nern in Verbindung, wie Achim von Arnim, ihrem späteren Gatten, und den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm.

- Durch diese lernte sie als junges Mädchen im Sommer 1807 in Kassel im Hause ihres Schwagers Jordis den Maler und Radierer Ludwig Emil Grimm, kennen. Über die Brüder Grimm wollen wir die Betrach­tungen in der Zeit der Fritzlarer Romantik fort­setzen.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        Hans Josef Heer

Wochenspiegel Nr. 36/10 vom 3. September 1976, S. 1-2
 

Fritzlar und die Brüder Grimm in der Zeit der Romantik III

Die berühmten hessischen Brüder Grimm, besonders der Roman­tiker-Philogoge und Mitgestalter der Deutschen Sagen- und Mär­chenwelt Wilhelm Grimm und dessen jüngerer Bruder, der Maler und Radierer Ludwig Emil Grimm, waren mehrmals in Fritzlar.

      Zu diesem Freundeskreis gehörte auch die Tochter, Marianne Karoline Friederike Christiane von Schwertzell, die seit 1821 mit dem Rittmeister Wilhelm Freiherr von Verschuer in Fritz­lar verheiratet war. Dieser stand zu der Zeit, als die Briefe geschrieben wurden, bei dem Fritzlarer Kur­hessischen Leibhusarenregiment. Von ihnen stammen 14 an Wilhelm Grimm gerichtete Briefe, und zwar einer aus Willingshausen, einer aus Kassel, elf aus Fritzlar, zwei aus Solz bei Bebra, dem Stammsitz der Familie von Ver­schuer, und umspannen den Zeitraum von 1820 bis 1829.

      Der bekannte Grimmforscher Dr. Wilhelm Schoof schreibt in seiner Abhandlung in der ZHG. Band 57, 1929, „Beziehungen Wilhelm Grimms zur Familie von Schwertzell“ unter anderem folgendes: „Im Sommer 1826 besuchte Wilhelm Grimm die Familie von Verschuer in Fritzlar. Karoline schreibt darüber am 30. Juli 1826 an Wilhelm Grimm: „Aber noch eine herzliche Freude haben Sie mir dadurch gemacht, daß Sie mir sagten, es habe Ihnen gut bei uns in Fritzlar gefallen, und Sie dächten gern daran zurück. Für uns war es eine wahre Erholung und ich wün­sche nur, wir könnten öfters die Freude haben.“ Auch im nächsten Jahr, im Spätsommer 1827, war Wilhelm Grimm in Fritzlar bei der Familie von Verschuer zu Besuch. Am 1. August 1826 schreibt Herr von Verschuer an Wilhelm Grimm: „Es ist nun fast ein Jahr, daß wir uns nicht gesehen haben; wir denken noch immer mit Freuden an den Tag zurück, den Sie vorigen Sommer bei uns zubrachten, und haben dabei den leb­haften Wunsch, Sie auch in diesem Sommer wieder hier bei uns zu sehen!“ Und ebenso schreibt Karoline von Verschuer am 30.7.1828 an Wilhelm Grimm: Wie angenehm wäre es für uns, wenn Sie lieber Grimm uns einmal wieder besuchten, wir möch­ten Sie so gern einmal wiedersehen, kommen Sie dieses Jahr denn nicht nach Möll­rich? Richten Sie es doch wieder so hübsch ein, daß Sie von dort dann die größte Zeit bei uns sind, und be­denken Sie, was Sie uns für eine Freude damit machen würden.“ Wir sehen aus den Briefen, daß damals Besuche von Kassel nach Fritzlar nicht so einfach wie heute waren. Die Familie des Rittmeisters von Verschuer wohnte in ihrer Fritzlarer Zeit auf dem Rittergut des Oberst Karl von Baum­bach in Obermöllrich, der uns Fritzlarer als Hof der Familie Pfennig bekannt ist und 1967 abgerissen wurde.

Außer Wilhelm Grimm läßt sich sein jüngerer Bruder, der Maler und Radierer Ludwig Emil Grimm 1825 und 1826 in Fritzlar nachweisen. Mir sind drei Bilder von ihm bis jetzt bekannt, „Fritzlar vom Mühlen­graben“, ein farbiges größeres Aquarell, sowie aus seinem Skizzenbuch eine Landschaftszeichnung mit Fritzlar und Büraberg im Hintergrund, welche darauf schlie­ßen läßt, daß er wahrscheinlich ebenfalls auf dem Rittergut des Oberst von Baumbach wohnte, da die Zeichnung den Rich­­tungsblick von dort aufweist und vom Maler folgende Beschrif­tung trägt: „Landschaft vor Fritzlar von ober Möllerich gez. Sonntags mor­gens den 21. July 25“, und die im Wochenspiegel veröffentlichte Skizze „Der Weg zur Ursulinen-Schule“.

      1826 war Ludwig Emil Grimm wieder in Fritzlar, wo von ihm eine entzückende Radierung unter dem Namen „Die alte Lore von Ungedanken“ erhalten ist. Die alte Wahrsagerin muß wohl damals die Ho­roskopstelle unserer Zeit in Ungedanken vertre­ten haben. Besonders reizvoll für uns ist, daß uns durch dieses Bild die damalige schöne Mäd­chentracht unserer Gegend über­liefert wird und man kann gleich­zeitig feststellen, daß es vor 150 Jahren in Ungedanken auch schon schö­ne Mädchen gab, die neugierig auf ihre Zukunft waren.

In seinen Lebenserinnerungen erzählt uns Ludwig Emil Grimm viel von sei­ner Familie und von seinen Freunden Achim von Arnim, Clemens Bren­tano, Bettina von Arnim und Friedrich Karl von Savigny. Auch Goethe hat ihm mehrmals seine Anteil­nahme bezeugt und förderte ihn. Der bescheidene und stille Künstler war mehr Zeichner und Radierer als Maler, und so gehören seine Feder- und Bleistiftzeichnungen und Aquarelle zu den reizvollsten Zeugnissen der deutschen Romantik.

      Er schuf mehr als hundert radierte Blätter mit Landschaften, Szenen aus dem Volksleben und besonders Porträts. Unter letzteren sind die Köpfe führender Romantiker, wie Clemens Brantano, Betinna von Arnim, Savigny, Görres, seine Brüder Jacob und Wilhelm. Seine Ausbildung fand Grimm an der Kasseler Kunstakademie und in Mün­chen. 1816 war er in Italien, von 1832 bis zu seinem Tod war er der Akademie­professor der Kasseler Kunstakademie.

      Auf Grund all dieser geschichtlichen Begebenheiten wäre es wohl angebracht, bei der Suche nach geeigneten neuen Straßen­namen in Fritzlar auch an eine „Bettina-Straße“ oder „Brüder-­Grimm-Straße“ zu denken, welche die Erinnerung an diese be­rühmten Deutschen in un­serer Stadt wachhalten werden.

                                                                                                                                                                                                                                  Hans Josef Heer

Wochenspiegel Nr. 22/11 vom 3. Juni 1977

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KENNEN SIE DIE „DEUTSCHE MÄRCHENSTRASSE“?

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Die zweite geschichtliche Legende über Fritzlar aus dem „Hessen-Nassau­ischen-Sagenbuch" von dem Volkskundler Professor Dr. Paul Zaunert bezieht sich auf die Stadtentwicklung und seinen Stadt-Heiligen Sankt Wigbert.

Fritzlar um 730

Es war schon eine Zeit vergangen, seit die heilige Eiche bei Geismar gefallen war, da fing Bonifatius (wie es heißt im Jahre 732) zu Fritzlar an der Eder eine Kirche nebst Klösterlein an zu bauen in St. Peters Ehre unter der Klosterregel des heiligen Benediktus. Soll auch geweissagt haben, daß diese Kirche durch kein Feuer beschädigt werden würde. So ist es auch in der Folgezeit geschehen, als zur Zeit Karls des Großen die Sachsen in das Land fielen und Fritzlar nahmen. Sie steckten die Stadt in Brand, nur die Kirche widerstand dem Feuer, und von den Christen, die auf den festen Büraberg geflüchtet waren, sahen etliche, wie zwei Jünglinge in weißen Kleidern das Gotteshaus beschirmten.
     Zu den Zeiten des Bonifatius war St. Wigbert in England aus einem adligen Geschlechte des Volkes, genannt Angelsachsen, der verließ die Welt und führte ein göttliches und tugendhaftes Leben. Als das Bonifatius erfuhr, da sandte er Botschaft zu ihm und bat ihn, daß er wolle herauskommen nach Deutschland und ihm helfen arbeiten in dem Weingarten Gottes. St. Wigbert kam und predigte und lehrte das Volk den Weg der Seligkeit. Da setzte ihn Bonifatius nach Fritzlar zu einem Regierer der Mönche. Da er dann ein gar strenges und geistliches Leben führte manche Zeit. Danach sandte ihn Bonifatius nach O¬druff hinter dem Doringer Wald (Thüringer), daselbst auch ein geistliches Leben zu pflanzen, und da wohnte er auch geraume Zeit. Zuletzt aber kam er wieder gen Fritzlar. Und zu einer Zeit stand er über dem Altar und las die Messe. Und da er den Kelch bereiten wollte, so war nicht Wein da. So ging er heraus vor die Kirche, wo er Weinstöcke mit Trauben wußte, brach eine Traube ab, ging wieder über den Altar und preßte zwischen seinen Händen den Wein in den Kelch. Zuletzt fand er noch ein ganzes Korn in dem Kelch, und alsbald ging er wieder heraus, pflanzte das Weinkorn in die Erde und brachte danach das Amt der Messe vollends aus.
     Da das geschah, da fragte ihn ein Mönch, seiner Brüder einer, was er damit meine, da sprach er: „Ist es an dem, daß Gott meine Sachen behagen, das wird man über neun Jahre erfahren daraus." Und als die neun Jahre um waren, da stand ein schöner Weinstock an der Statt, wo er das Weinkorn gepflanzt. Dadurch verstanden sie, daß Wigbert ein getreuer Arbeiter im Weingarten Gottes war. Und danach, da man schrieb nach Gottes Geburt 740 Jahr, da starb er eines seligen Todes. Und ward vor der Kirche zu Fritzlar begraben, wo dann viel Wunder geschahen an seinem Grabe.
     Zu der Beschreibung auf der Vorderseite paßt sehr gut ein 1200 Jahre später verfaßtes romantisches Gedicht, wahrscheinlich von einem heimat-vertriebenen Dichter, aus der Sonntagsbeilage „Deutsches Vaterland" der Kasseler Post vom 4. April 1954:

Wochenspiegel Nr. 26/11 vom 1. Juli 1977, S. 1-2
 

Kennen Sie die »Deutsche Märchenstraße« ?

Die letzte Geschichte aus dem „Hessen-Nassauischen Sagenbuch“ von dem Volkskundler Professor Dr. Paul Zaunert befaßt sich mit den Schrecken des Siebenjährigen-Krieges in Fritzlar (von 1756 bis 1763).

BONIFATIUS RETTET FRITZLAR

Im Siebenjährigen Krieg, als die Franzosen Fritzlar besetzt hiel­ten (denn Fritzlar war damals noch mainzisch, und Mainz hielt mit Kaiserin und Reich und Franzosen gegen Preußen und Hes­sen in Braunschweig), da kamen einst die verbündeten Truppen vor die Stadt und beschossen sie dermaßen, daß den Bürgern himmelangst wurde und sie laut zu klagen begannen. Da hieß es auf einmal, Bonifatius sei wiedergekommen, um seine Stadt zu retten. Alles Volk strömte dem Haddamarer Tore zu und sah mit eigenen Augen, wie der Heilige auf der Mauer stand,- mit ei­nem weißen Tuche fing er die Kugeln auf, und die prallten alle davon zurück auf die Feinde. Wie nun die feindlichen Soldaten sahen, daß so viele von den Ihrigen fielen, ohne daß von Fritzlar her auch nur eine Muskete ab­geschossen wurde, da befiel sie große Furcht, die Befehlshaber mußten den Sturm aufgeben und zogen unverrichteter Sache mit ihren Leuten ab. Alsbald war auch Bonifatius wieder von der Mauer verschwunden. Soweit das Sagenbuch von Zaunert.

      Es mag diese Sagendarstellung etwas zu naiv klingen, aber der tatsächliche Verlust an Menschenleben in Fritzlar muß wohl ge­ring ge­we­sen sein. Ein Augenzeugenbericht des Altarristen Hein­rich Schüssler überliefert uns über den 14. und 15. Febr. 1761 im damaligen Schrift­deutsch folgendes:

„Samstag, den 14. Febr. kamen die Alliierten mit ca. 20 000 Mann, wie dafür gehalten wird, mit 50 Canonen von verschie­denen Calibre aus dem Englisch-Hessisch-Hannöverisch- und Bückeburgischen Artillerie­barque bestehend unter Anführung seiner Durchlaucht dem Herren Erbprinzen, ja sogar des Herrn Herzog Ferdinand von Braunschweig Durch­laucht selbsten, nebst dem Englischen Lilord Gramby hier vor der Stadt an und mach­ten mit der Canonanden gegen die Stadt um 7 Uhr morgens von allen Ecken, außer von der Eder her, den heftigsten An­fang, continuierten damit, doch ohne feurige Kugeln, den ganzen Tag mit bißweiligen Inhalten.

      Dem französischen Commendanten Graf von Narbonne Pelet in un­serer Stadt, wurde nachmittags abermahlen ein honorabe­ler Accord an­ge­boten, wenn er ausziehen würde, da aber der Herr Commendant da­für hielte, daß einige Cavallerie Regimenter der Alliierten, welche über die Niedermöllericher Brücke der Eder sich jenseits der Eder hinauf bis ins hiesige Unterfeld ge­zogen und in 8 Divisionen gestellt hatten, fran­zö­sische Securs-­Völker wären, wurde der abermals angebotene Accord abge­schlagen, ohngeachtet in der Stadt bereits ein großer Scha­den an Kirchen, Klöstern, Thürmen und Häusern durch 3-, 6- und 12-pfundige Canonenkugeln, deren über 3000 zum wenigsten in hiesige Stadt geflo­gen sind, leyder, geschehen war.

      Den 15. Februar morgens 7 Uhr fingen abermals die Alliierten an mit einigen Bomben und unterschiedlichen feurigen Kugeln in die Stadt zu spielen, verursachten auch hie und da einigen Brand, welche jedoch gleich mit Hülff der Cuarnison gelöscht wurden, da solches der Herr Commendant erfahren, ließ er Chamade schlagen, worauf gegen 8 Uhr mit einem Stillstand die Capitulation durch Übersteigung deren Adju­tanten mit Leitkern über die erbärmlich zugerichtete und stark zer­schos­­senen Stadt­mauern alliiertenseits beym Herren Erbprinzen von Braunschweig zu Fraumünster, französischerseits in dahiesigen Deut­schen Ordens Hofe vorgenommen worden.

      Es wollte aber, ohngeachtet mehrmaligen Hin- und Herschicken bei­derseitiger Adjutanten und ohnangesehen von Stifft- und stadt­seitigen der Herr Commendant kräftigst ersucht worden, die vorgeschla­gene Capitulation zur Verhütung fernerer Verwü­stung der Stadt ein­zugehen, bis 11 Uhr nicht zum Stande ge­bracht worden, weilen der Herr Commendant darfür gehalten, daß die angebotene Bedingungen nicht genugsam honorabel für seinen König, für den Commendanten und die Carnison seyen, worauf alsbalden die stärksten und ent­setz­lich­sten Canonaden von allen Ecken her mit Einwerfung von Bom­ben, feurigen Kugeln, Haubitzen, Pechkränzen, Trauben oder Cartät­schen, de­ren feuerspeienden Materien viele Tausend (ohne in der Stadt was an­zuzünden) gefallen seyn, nebst gewöhnlichen großen und kleinen Ca­nonkugeln, nicht ohne Jammern deren einer augen­blicklichen Tod­tes­­gefahr ausgesetzten Einwohnern, aufs aller­erbärmlichste anfin­gen und bey 2 Stund ohne Unterlaß darmit continuiret wurde.

     Solches der Herr Commendant, und das die Stadt zum Steinhau­fen werden könnte, ersehend, die Chamade abermahl schlagen ließe, die Ca­­pi­­tulation, wovon die Puncta in der Stadt nicht bekannt worden, wie­der ihren Anfang nahm und nach 3 Uhren nachmittags geschlossen wurde, gegen abends aber 7 Uhr der Aus- und Abzug der in 900 bis 1000 Köpfe bestandener franzö­sischen Carnison (Wovon während der Belagerung ein einziger todt verblieben u. 5 verwundet worden) mit klingendem Spiel, fliegenden Fahnen, rührender Trommel, geschulter­tem Gewehr, 2 bedeckten Wagen und einer kleinen mit sich führender und mit hereingebrachter Canone, Amuset genannt, dann allen Kriegs Ehrenzeichen und gänzlicher Bagage unter Convoy englischer Cavallerie zum Münsterthor hinaus zogen.“

Man ersieht aus diesem Bericht, welch ein großer Spektakel sol­che Kriege zu allen Zeiten für die arme Bevölkerung alter Städte und Dörfer waren, und wenn man dabei noch sein Leben gerettet hatte, glaubte man sicherlich gern an ein Wunder.

                                                                                                                                                                                                                                                              Hans Josef Heer

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 27/11 vom 8. Juli 1977, S. 1-2

Die Kronen der Welt im Kaiserdom zu Fritzlar

Dem Kirchenvorstand der katholi­schen Kirchengemeinde ist es gelun­gen, die bedeutendste Kaiser- und Königskronensammlung zu einer Ausstellung im Fritzlarer Kaiser­dom zu bekommen. Die Ausstellung wird vom 8. Juli bis 1. August 1977 im Domschatz zu Fritzlar sein.

      Wer die kunstvollen Kronen der Welt besichtigen wollte, müßte im Tower von London, in der Wiener HoJburg, in der Rüstkammer des Moskauer Kremls und an vielen an­deren Platzen gewesen sein. Viele Kronen sind der Öffentlichkeit gar nicht zugänglich, andere verschol­len.

Der schlechte Zustand der Deutschen Reichskrone brachte den Wup­per­taler Goldschmied Jürgen Abeler auf die Idee, die Herrschafts­zeichen der Welt nachzugestalten. Unter seiner Regie entstanden bisher 72 original­getreue Nachbildungen, die zusam­men mit 18 echten Kronen und In­signien auf einer Wanderausstellung in Europa und Amerika gezeigt wur­den; Millionen von Besuchern haben sie schon bewundert.

In der Tat ist das, was Goldschmie­de, Ziseleure, Graveure, Emailleure und Steinschneider mit dieser Aus­stellung auf die Beine gebracht ha­ben, um dem Menschen von heute einen Einblick in die Pracht der weltlichen und geistlichen Herr­schaftszeichen zu bieten, in dieser Art wohl einmalig. Vom Diadem, dem Kronreif aber Mitra, Tiara, Schulen-, Votivkronen bis hin zu den venezianischen Dogenmützen kann man auf dieser Ausstellung bewun­dern.

      Bauwerke, Straßen, Städte und Staaten haben oft eine lange Ge­schichte. Auch Kronen, jahrhun­dertelang das Zeichen der Macht, Herrschaft und des Reichtums, wüßten bestimmt eine Menge aus ihrem »Leben« zu erzählen, wenn sie nicht nur ein Metallzierwerk wä­ren. Sie würden aber Kriege, Herr­schaftswechsel, schöne Frauen und stattliche Könige berichten, über Feste und Plünderungen, aber fried­liches Leben und Revolutionswirren. Weil die kostbaren Symbole vergan­gener Herrlichkeit nicht selbst er­zählen können, haben es ihnen stets geschichtsinteressierte Menschen ab­genommen und die »Lebensge­schichte« der Kronen schriftlich auf­gezeichnet.

      Recht turbulent ging es im Leben der Kronen der Anden zu. Um von der Pest verschont zu bleiben, legten die Bewohner der peruanischen Stadt Popaydn im 16. Jahrhundert das Gelübde ab, eine Krone zu stiften. Die Überlieferung sagt, daß ein Goldklumpen von 100 Pfund Ge­wicht und Smaragde von 1521 Karat verarbeitet wurden. Im Jahre 1593 war die Krone fertig. Kurz darauf fiel das Prachtstück in die Hände einer Piratenbande, konnte den See­räubern jedoch schnell wieder ab­gejagt werden. In Einzelteile zer­legt hat man sie dann »begraben«. Rund 300 Jahre später war die » Wie­derauferstehung«. Zugunsten von Kranken- und Waisenhäusern ver­kaufte man die Krone im Jahre 1909 mit Zustimmung des Vatikans an eine amerikanische Stiftung, in deren Besitz sich das Kleinod noch heute befindet.

      Noch bewegter war das Leben der Reichskrone, die viele Genera­tionen verschiedener Herrscherfamilien auf dem Kaiserstuhl des Heili­gen Römi­schen Reiches Deutscher Nation »überlebte«. Zehn dieser deutschen Kaiser von Otto I. 936 bis Kon­rad III. 1152 haben sogar in Fritz­lar residiert. Die Reichskrone ent­stand unter Otto IL zur Kaiserkrö­nung desselben. Bis zum Jahre 1792 hat sie wohl jeder deutsche Kaiser mindestens einmal getragen. In den ersten »Lebensjahrhunderten« wan­derte sie von einer Herrscherresi­denz zur anderen, Kaiser Sigismund befahl die Krone 1424 »unwiderruf­lich und ewiglich« in die Obhut der Nürnberger Bürger. Vor Napoleons Truppen wurde sie 1796 nach Wien gerettet. Die Österreicher wollten sie später nicht wieder herausgeben. Erst das Hitlerregime holte den Kro­nenschatz zurück nach Nürnberg und stellte ihn in der Katharinen­kirche glanzvoll zur Schau. Bei Kriegs­ende mauerte man den Schatz in der Nürnberger Burg ein. Das nützte jedoch nichts. Die Sieger­machte fanden die Kleinodien trotz­dem und gaben sie nach Wien zu­rück. Dort fristet die Krone seither in der Schatz­kammer der Wiener Hofburg ihr Dasein.

      Chronologisch zeigt die Ausstellung Kopfschmuck und Zeichen der Würde aus vielen Jahrhunderten. In der Art der Zeitraffung ziehen durch die Rekonstruktionen Ge­schichten der Völker, Schicksale derer Herrscher und Meisterwerke alter Goldschmiede und Juweliers vorüber. Studien und Stilkunde, der Techniken und der geistigen Hin­tergründe bietet diese Ausstellung reiches Lehrmaterial, welches sich mit dem kostbaren Domschatz, ins­besondere in Verbindung mit dem Fritzlarer Kaiser-Heinrich-Kreuz, vergleichen läßt.

 

HANS JOSEF HEER

Wochenspiegel Nr. 27/11 vom 8. Juli 1977, S. 1-2

GEDANKEN ZUR KRONENAUSSTELLUNG
im Kaiserdom zu Fritzlar

Kronen sind Herrschaftszeichen der Welt. Die symbolische Darstellung der Macht erfolgte in der Ge­schichte der Menschheit immer durch ein Symbol, das auf dem Kopf getragen wurde. Ob es der weiße Generals­busch am Helm des preußischen Reiterführers Seidlitz in der Schlacht bei Roßbach war, oder die Kronen auf den Häuptern der Kaiser und Könige bei ihren Staatsemp­fängen.

      Ich möchte hier nicht näher in die verschiede­nen Weltbereiche des Kronenkultes eingehen, sondern nur kurz auf die Gepflogenheiten der Reichsinsignien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hin­wei­sen. Weil wir in Fritzlar gerade für diese Zeit durch elf deutsche Kaiser und Könige auf das engste mit der Ge­schichte des Reiches verbunden waren. Denn das histo­risch bedeutendste Ereignis in der 1250jährigen Ge­schichte Fritzlars ist zweifellos die Erhebung Heinrichs I. zum deutschen König im Mai 919 durch die dort ver­sammelten Franken und Sachsen. „Von da an“ bemerk­te Otto von Freising, der größte Geschichtsdenker des deutschen Mittelalters, schon vor mehr als 800 Jahren in seiner Chronik „von da an rechnen manche dem Reich der Franken das der Deutschen“.

      Hier in Fritzlar am Domplatz haben wir uns die weltgeschichtliche Stätte zu denken, an der die Wahl des Sachsenherzogs Heinrich zum deutschen König er­folgte. Aber auch hier in Fritzlar hatte der sterbende König der Franken, Konrad I., hochsinnig nicht an sein Haus, sondern an das Reich gedacht und durch seinen Bruder die Insignien des Reiches an den Herzog Heinrich von Sachsen, „den würdigsten und mächtigsten Fürsten“ überreichen lassen.

      Professor Percy Ernst Schramm, einer der bedeutendsten Fachwis­sen­­schaftler auf diesem Gebiete, schreibt in seinem Buch „Denkmale der deutschen Könige und Kaiser“, folgendes:

      Unter den weltlichen Besitztümern der Könige standen natürlich die Insignien oben an, durch die sichtbar gemacht wurde, daß sie die Herrscher waren. Aus den Angaben des lateinischen „Ruodlieb-Romans“ um 1040 ergab sich be­reits, daß die Herrschaftszeichen in den Pfalz­kapellen verwahrt und von den Kapellanen betreut wurden. Denn der heilige Schimmer, der auf den liturgischen Geräten der Kapellen und ihren Reliquien ruhte und sich auch den in ihrer Mitte verwahr­ten Herrschaftszeichen mitteilte, hat sich in der Folgezeit nicht vermindert, ja wohl noch verstärkt.

      „Heilig“ konnte eine Krone mit Fug und Recht genannt werden, wenn in sie eine Reliquie eingefügt war. Das ist bereits im 9. Jahrhundert der Fall, ja, der Legende nach hatte bereits Konstantin der Große die Nägel vom Kreuze Christi in seinen Helm und sein Zaumzeug einschmieden lassen. Auf dem in das Blatt der Heiligen Lanze einge­fügten Nagel Christi beruhte das Ansehen dieser seit dem 10. Jahr­hundert zum Reichshort gehörenden Waffe, die Reliquie und Herr­schafts­­zeichen.zugleich war.

      Gerade in dieser Hinsicht haben wir in Fritzlar eine der kostbarsten Reliquien in dem hervorragend gear­beiteten Kaiser - Heinrich - Kreuz aus dem Jahre 1020, dessen 346 Edelsteine in Goldfilet gefaßt, die alle die Aufgabe haben, das geheiligte Mittelstück, einen großen ovalen, durchsichtigen Bergkristall mit einem Kreuzpartikel vom „Kreuz Christi" zu umrahmen.

      Aus der Geschichte wissen wir, daß oft Kronen von einem Herrscher an einen anderen verschenkt worden sind, um ihn zu ehren und um - offen oder versteckt - zum Ausdruck zu bringen, daß der Empfangende der Abhängige sei. Wer die Herrschaftszeichen des Vorgängers über­nommen hat, ist der rechmäßige Herrscher. Sie bilden für ihn, was das Siegel für die Urkunde bedeutet: die Rechtsbekräftigung.

      Was Kronen für das Heimatgefühl der Menschen noch heute bedeuten können, habe ich 1950 in den Vati­kanischen Museen erlebt, da standen tausende von heimatvertriebenen Ungarn vor der Stephans­krone, die Reichskrone des alten Ungarreiches, mit Tränen in den Augen beteten sie um die Erhaltung ihrer angestammten Heimat zum christlichen Glau­ben.

      All diese Kostbarkeiten von Kronen aus den verschiedenen Zeiten und Nationen werden uns hier im Dom im Original und kunstvollen Nachbildungen zur Anschauung geboten, anders ist es auch gar nicht möglich, selbst nicht auf der großen Staufer-Ausstellung in Stuttgart, wo Kopien und Originale eine Einheit bildeten, und auch da haben gerade unsere kostbaren romanischen Stücke des Fritzlarer Dom­schatzes mit dazu beigetragen, uns Menschen des 20. Jahrhunderts einen Einblick in das Kunstschaffen der letzten tausend Jahre zu bieten.

 

HANS JOSEF HEER

Stadtgeschichte:

Wochenspiegel Nr. 46/11 vom 18. November 1977, S. 1-2

EIN BEITRAG ZUR MUSIKGESCHICHTE FRITZLARS 
von Hans Josef Heer

 

Fritzlar, als eine der ältesten Kulturstätten östlich des Rheins und nördlich des Mains, tritt bereits 724 durch die Missionstätigkeit des Apostels der Deutschen, Bonifatius, in das hellere Licht der Geschichte. Nach der Fällung der Donareiche bei Geismar gründete Bonifatius 732 in Fritzlar ein Benetiktinerkloster, welchem gleichzeitig eine Kloster­schule angeschlossen wurde. Die Leitung dieser Kloster­schule lag in den bewährten Händen des ersten Fritzlarer Abtes Wigbert, welcher diese zu hoher Blüte brachte, so daß aus derselben Männer wie Sturmi, der Gründer von Hersfeld und Fulda, sowie der Franke Gregor, nachmals Abt von St. Martin in Utrecht, hervorgingen.

      Schon in dieser ersten Schule des Hessenlandes fand die religiöse und geistige Musik, welche im frühen Mittelalter fast nur kirchlichen Charakter hatte, ihre erste Pflege­stätte. Denn es wird uns durch Urkun­den bewiesen, daß das Kloster Fritzlar an dem reichen musikalischen Leben des Benediktinerordens in jenen Jahrhunderten teil - nahm.

      „Die Bedeutung Fritzlars in der Reichsgeschichte nahm von Jahr zu Jahr zu, und er­hielt in der Königswahl Heinrichs 1. (919) ihren ersten Gipfelpunkt. Denn diese erste Wahlversammlung leitete eine Reihe weiterer glanzvoller Reichs- und Kirchenversammlungen ein, die sich bis in die Zeit Heinrichs V. erstreckten. Fritzlar wurde nun vom Anfang des 10. bis Ende des 12. Jahrhunderts zum bevorzugtesten Aufenthalts­ort der deutschen Könige in Hessen. Besonders Otto der Große, Heinrich 11 1. und Heinrich IV. sind wiederholt hier anzutreffen. Aber auch fast alle anderen deutschen Herrscher von Heinrich 1. bis Konrad 111. haben öfters in Fritzlar geweilt.“ Insgesamt sind 21 Königsbesuche und 8 glanzvolle Kirchenversammlungen in Fritzlar nachzu­weisen.

      Daß diese Feierlichkeiten mit den damalig üblichen musikalischen Darbietungen verbunden waren, ist ohne weiteres anzunehmen. Treten uns doch gerade aus diesem höfischen Zeitalter zwei deutsche Minne­sänger entgegen, welche mit Fritzlar aufs engste verbun­den waren. Ihre Namen sind: „Herbort von Fritzlar“ und „Heinrich von Meißen“.

     

      Der erste erhielt, unter Aufforderung des in Hessen regierenden Landgrafen, Hermann von Thüringen, der ein Freund der klassi­schen Kunst und ein Förderer der Dichtung seiner Zeit war, den ehrenvollen Auftrag ein „Liet von Troye“ (Troja) zu schreiben. „Herbort von Fritzlar“ unterzog sich dieser Aufgabe. Er dichtete in Anlehnung an die antike Dichtung den „Trojanischen Krieg“ im höfischen Stil. Vorbild zu dieser Arbeit war ihm Heinrich von Veldekes „Eneit“. Das Liebespaar Troilus und Cressida spielt auch in seiner Dichtung die Hauptrolle. Der „Tro­janische Krieg“ Herborts von Fritzlar umfaßt 18 458 Verse. Der Minne­sänger selbst fühlt sich als Meister und Beherrscher des gewaltigen Stoffes, den er sich zum Vorwurf genommen hat. Seine Dichtung be­ginnt:

„Swer siner kunst meister ist /der hat gewalt an siner list/ der kan sie bekeren/ minren und meren/ witen und engen/ kyrtzen und lengen/ des ist der tichtere /wiß und gewere.“

      Und die Schlußverse lauten:

„Ir hat diz getichte wol gehort Es tichte von fritslar herbort ein gelarter schulere. Es en ist ni